Polizeichef auf der Anklagebank

Rosenheim/Traunstein – Heute in einem Monat beginnt der Prozess gegen den ehemaligen Rosenheimer Polizeichef. Er soll einen Jugendlichen auf dem Herbstfest schwer verletzt haben.

So soll der 15-Jährige ausgesehen haben, als er wieder aus der Wiesn-Wache kam.

Ein 15-jähriger Schüler wird in der Wiesn-Wache vom Chef der Rosenheimer Polizeiinspektion so brutal geschlagen, dass das Blut in Strömen fließt und Zähne schief stehen – es war eine unfassbare Geschichte, die das OVB im September 2011 aufdeckte. „Wir werden uns vor Gericht wieder sehen“, hatte die Mutter des Opfers dem Polizeidirektor unmittelbar danach prophezeit. Heute in einem Monat ist es so weit. Am 19. November beginnt der Prozess gegen den Ex-Polizeichef.

Dabei muss sich die Justiz nach dem Prozess-Marathon um einen Polizei-Einsatz in Pfaffenhofen auf ein weiteres Verfahren einstellen, das Medienvertreter und Kamera- teams aus ganz Deutschland in die Region führen wird. Verhandelt wird diesmal aber nicht in Rosenheim, sondern in Traunstein. Dort hat sich der 50-jährige Polizist vor einer Strafkammer des Landgerichts wegen Körperverletzung im Amt zu verantworten.

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Angesetzt sind zunächst vier Verhandlungstage zwischen 19. und 29. November. Ob diese vier Tage reichen, um die Geschehnisse vom 3. September 2011 auf dem Rosenheimer Herbstfestgelände und in der Wiesn-Wache lückenlos aufzuarbeiten, ist zu bezweifeln. Denn die Liste der Zeugen ist lang – darunter zahlreiche Polizisten, Ärzte, gerichtsmedizinische Gutachter sowie Angehörige und Freunde des inzwischen 16-jährigen Buben. Das Verfahren entscheidend abkürzen könnte der Angeklagte selbst – wenn er die Vorwürfe der Anklage weitgehend einräumen würde. Nur dann könnte das Ge- richt dem 16-Jährigen eine Aussage ersparen. Bislang war es der Familie im Verbund mit ihrem Rechtsanwalt und unserer Zeitung gelungen, den ehemaligen Schüler – inzwischen macht er eine Lehre – vor dem Zugriff der Öffentlichkeit zu schützen.

Zwei völlig unterschiedliche Geschichten

Hat der Jugendliche den Beamten provoziert, beleidigt und Widerstand geleistet, wie der Polizeidirektor behauptet? Hat sich der Bub die Gesichtsverletzungen in der Wiesn-Wache im Glückshafen nur deshalb zugezogen, weil er das Gleichgewicht verlor, nach vorne kippte und mit dem Kopf unglücklich gegen die Wand schlug, weil er sich – die Hände hinterm Rücken mit Handschellen gefesselt – nicht abstützen konnte?

Mit solchen Fragen wird sich das Gericht zu beschäftigen haben. Aber auch mit diesen: Hat der Polizeichef einen harmlosen und nicht im Ansatz Widerstand leistenden Jugendlichen draußen auf dem Festgelände ohne erkennbaren Grund getreten, geschlagen und geohrfeigt? Ihn dann in der Wache am Kragen gepackt und seinen Kopf mehrmals gegen die Wand geschleudert? Und wenn ja: Was trieb ihn dazu? Ist er ausgerastet? Oder gar so skrupellos, dass er sein wehrloses Opfer mit Kalkül misshandelte?

Für den ehemaligen Polizeichef steht viel auf dem Spiel

Seinen Beamtenstatus hat der ehemalige Chef von rund 80 Polizeibeamten der Inspektion Rosenheim weiterhin inne. Er ist knapp drei Wochen nach dem Vorfall vom Dienst suspendiert worden – wenige Stunden, nachdem der Artikel mit dem Titel „In der Wiesn-Wache floss Blut“ in den OVB-Heimatzeitungen erschienen war. Um mögliche dienstrechtliche Konsequenzen geht es erst, wenn das Urteil im Strafprozess gefallen ist.

Für Körperverletzung im Amt sieht das Gesetz drei Monate bis zu fünf Jahre Gefängnis vor, sofern das Gericht nicht einen minder schweren Fall annimmt. Den Beamtenstatus würde der Polizist verlieren, wenn er zu einem Jahr oder mehr verurteilt wird – auch dann, wenn die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird.

Keine Rückendeckung von Kollegen

Zu den schweren Vorwürfen hat sich der 50-Jährige bis heute nicht geäußert. So stellt sich die Staatsanwaltschaft darauf ein, den Tatnachweis mit Spuren, Diagnosen, Gutachten und Zeugenaussagen erbringen zu müssen. Allerdings hatte der Polizist zwei Tage nach der blutigen Auseinandersetzung in der Wiesn-Wache eine Strafanzeige gegen den damals 15-Jährigen aufgesetzt – wegen Widerstands, versuchter Körperverletzung und Beleidigung. Darin führt er die schweren Gesichtsverletzungen des Schülers auf ein Malheur zurück. Er habe den vor einer Sitzbank mit dem Gesicht zur Wand stehenden Jugendlichen nur drehen wollen. Dieser habe sich aber widersetzt und sei dann unglücklich über die Bank und gegen die Wand gestürzt.

Doch mit dieser Geschichte steht der Polizeidirektor nach Informationen des Oberbayerischen Volksblatts ziemlich allein da. Seine Kollegen, die bei der Festnahme des Buben an der Wildwasserbahn, beim Abführen übers Festgelände oder in der Wiesn-Wache dabei waren, sollen die Version des Opfers und dessen Mutter stützen – ebenso wie die Gutachter. Den Buben und dessen Familie hat der ehemalige Dienststellenleiter übrigens bis heute nicht kontaktiert: kein Gespräch, keine Entschuldigung, nichts.

Deshalb blieb auch der Täter-Opfer-Ausgleich aus – ein Instrument, das Beteiligten die Chance eröffnet, einen Konflikt, etwa um Schadensersatz und Schmerzensgeld, außergerichtlich beizulegen. Kommt es dazu, kann der Täter in der Regel auf Strafmilderung im Prozess hoffen. Verteidiger des Ex-Polizeichefs ist Rechtsanwalt Andreas von Máriássy, München. Die Interessen des Jugendlichen vertritt Rechtsanwalt Werner Tröger, Rosenheim.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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