Ladenschlussdebatte am Königssee - Ist Digitalisierung die Lösung?

"Der Einzelhandel ist gegenüber dem Onlinehandel benachteiligt"

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Günter Althaus
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Schönau am Königssee - Ladenschlussgesetz, ein eingeschränktes Warensortiment, eine immer stärker werdende Konkurrenz durch den Online-Handel - die Diskussion rund um die Geschäfte auf der Ladenzeile am Königssee schein endlos. Kann eine verstärkte Digitalisierung Abhilfe schaffen?

Seit Monaten wird über das Ladenschlussgesetz am Königssee heiß diskutiert. Während die Regierung auf der Einhaltung der Vorgaben pocht, laufen die Händler Sturm. Und auch die Kunden sind nicht wirklich glücklich über das eingeschränkte Warensortiment an Sonn- und Feiertagen. Nun schaltet sich Günter Althaus, Vorstandsvorsitzender der ANWR Group und Präsident des Mittelstandsverbunds ZGV in die Diskussion mit ein.

BGLand24.de hat mit Günter Althaus gefragt, welche Möglichkeiten er sieht, um trotz der Sonntagsverkaufsverbote Umsatz zu betreiben.

Interview mit Günter Althaus

Herr Althaus, dient "Der geschlossene Sonntag" dem Wohle der Familie oder verliert der Einzelhandel dadurch noch mehr an den Onlinehandel?

Die Anforderungen an die Sonntagsöffnung sind in der Tat unterschiedlich. In Deutschland haben wir viele kleine bis mittelgroße Städte und Kommunen, in denen der geschlossene Sonntag eine gewisse Daseinsberechtigung hat. Allerdings haben wir auch eine Vielzahl an großen Städten und Orten mit einer hohen Besucherfrequenz, welche saisonal bedingt ist wie hier am Königssee, die auf verkaufsoffene Sonntage angewiesen sind. 

Alleine die Mieten in solchen Lagen sind so hoch, dass es wichtig ist, das ganze Wochenende Umsatz machen zu können. Außerdem ist der stationäre Einzelhandel durch die eingeschränkten Öffnungszeiten gegenüber dem „immer geöffneten“ Internethandel benachteiligt. Ganz wichtig ist es, die rechtliche Unklarheit bezüglich geschlossener Sonntage zu ändern. Oftmals wird die Durchführung eines verkaufsoffenen Wochensonntags erst einen Tag vorher durch einen Richterspruch entschieden. 

Diese kurzfristigen und unberechenbaren Entschlüsse sind nicht tragbar. Sie sorgen für Verunsicherungen sowohl bei den Händlern als auch den Käufern, verursachen wirtschaftliche Schäden, halten Konsumenten langfristig gesehen aus der Stadt und von den Einkaufsläden fern und verärgern in Touristenregionen wie dem Königssee die tausenden Besucher.

Kann der Einzelhandel diesem Trend der Dominanz durch den Onlinehandel überhaupt entgegenwirken?

Die entscheidende Maßnahme, dem entgegenzuwirken ist die Omni-Channel-Fähigkeit des Händlers, also sowohl die stationäre als auch die digitale Präsenz des Unternehmens beispielsweise in Form einer Website. Diese ist Grundvoraussetzung für das langfristige Überleben eines Geschäftes, denn jeder muss im Netz sichtbar sein. Ansonsten existiert der Händler quasi nicht. 

Heute werden bereits 50–60 Prozent des Einkaufs von Konsumenten vorab online geplant und vorbereitet. Hierbei sprechen wir vom ROPO-Prinzip: Research Online, Purchase Offline. Auch ist die Sichtbarkeit der eigenen Warenbestände unerlässlich. Was hat der Händler vor Ort zu bieten? Was können sich die Käufer im Geschäft ansehen? 

Und zu guter letzt müssen alle Aspekte miteinander verschmelzen und die Ware des stationären Ladens muss auch zum Online-Kauf angeboten werden.

Das ist aber für die vielen kleinen Läden wie zum Beispiel am Königssee ein ziemlicher (finanzieller) Aufwand...

Natürlich kostet die Investition in solch einen Online-Auftritt viel Geld. Wenn man als kleiner oder mittelständischer Betrieb denkt, das alleine zu schaffen, täuscht man sich. Viele Händler gehen heutzutage den Weg, sich in neuen oder bereits vorhandenen Netzwerken zu organisieren. Ich halte das für den richtigen Weg, denn ich bin überzeugt, dass der Mittelstand die Digitalisierung nur in Verbünden, also in Netzwerken wie auch die ANWR GROUP eines darstellt, überleben wird. Es muss gemeinsam agiert werden.

Wo liegt da der Vorteil für den Händler?

In solch einem Netzwerk können Händler neben klassischen Dienstleistungen wie gemeinsamer Einkauf oder gemeinsames Marketing mittlerweile von einer kompletten Systeminfrastruktur profitieren. In unserem Fall besteht jene Infrastruktur aus der Anbindung an unsere deutschlandweite Plattform schuhe.de. 

Über sie können Händler Teil des Onlinehandels sein, ohne selbst in die Reichweiten und eine eigene Technologie investieren zu müssen. Zusätzlich wird auch digitaler Content bereitgestellt, also Informationen, die dem Kunden dann auf Facebook und Co zur Verfügung stehen. Das Schwierigste ist zunächst aber generell, dass der Händler für sich definieren muss, wie seine Digitalisierungs-Strategie aussehen soll. 

Damit ist nicht gleich ein hochtrabendes und ausgefeiltes Konzept gemeint. Sondern, dass sich der Händler einmal zwei Stunden hinsetzt und überlegt, was er denn überhaupt alles aus seinem Laden digital machen möchte. Möchte er online verkaufen? Möchte er online sichtbar sein?

Am Königssee schlagen die Wellen momentan sehr hoch bezüglich des geschlossenen Sonntags und der speziell ausgewählten „ortstypischen“ Ware, die am Wochenende verkauft werden darf. Was halten Sie von den strengen Vorgaben rund um die Einschränkung des Produktsortiments?

Genau wie über den geschlossenen Sonntag generell lässt sich auch über jene gesetzliche Produktvorgaben debattieren, die das Warenangebot der Händler in Bayern am Wochenende zu einem großen Teil einschränken und deren Auswahl oftmals nicht wirklich nachzuvollziehen ist.

In immer mehr Innenstädten sinken die Besucherfrequenzen, die Kunden zieht es in die Discounter auf dem freien Feld oder ins Internet. Wie haben wir uns die Digitalisierung vorzustellen, die dem entgegenwirken und der sich der Händler gegenüber öffnen soll?

Heutzutage informieren sich Konsumenten vor dem Kauf zunehmend online. Wie bereits erwähnt, ist es wichtig, als stationärer Händler digital sichtbar zu sein. Der Kunde möchte wissen, was ihn in der Stadt erwartet und wo welche Artikel zur Verfügung stehen. Ein digitales Schaufenster in Form einer gelungenen Website und Social-Media-Auftritten ist daher für stationäre Geschäfte ein Muss. 

Ergänzend können die Geschäftsleute ihre Angebote auch gemeinsam im Internet darstellen. Ein gutes Beispiel ist hier die Online-City Heilbronn. Wer online zeigt, was es offline zu kaufen gibt, erleichtert dem Kunden die Entscheidung, ob er in die Stadt fahren soll oder nicht. „Sharing Economy“ geht noch einen Schritt weiter: mithilfe von Plattformen wie schuhe.de vernetzen sich Händler und ihre Warenbestände untereinander und können damit die Verfügbarkeit der Waren in den einzelnen Geschäften deutlich erhöhen.

Sucht ein Kunde also einen bestimmten Schuh, den der Händler vor Ort nicht vorrätig hat, nutzt die Mitarbeiterin im Geschäft den digitalen Zugriff auf den Warenbestand eines anderen Händlers und ist so in der Lage, den gewünschten Schuh dem Kunden schon am nächsten Tag nach Hause oder ins Hotel zu schicken oder im Geschäft abholen zu lassen.

Ist so etwas überhaupt in einer kleinen Gemeinde wie am Königssee leistbar, bzw. sinnvoll? Bei dem Hotspot Königsee geht es um Touristen/Tagesausflüger. Die kommen sowieso, sind verärgert über das eingeschränkte Sortiment, aber kommen eigentlich nicht des Shoppings wegen, sondern wegen der Natur, den Sehenswürdigkeiten, etc.

In meinen Augen ist es nicht alleinige Aufgabe der Einzelhändler, Innenstädte attraktiv zu machen oder wie im Fall Königssee die Touristen nicht zu verärgern. Händlerschaft, Stadtpolitik und Immoblieneigentümer müssen zusammen funktionieren und ein Konzept für die Innenstädte, die Stadtkerne oder starken Straßen wie hier am Königssee entwickeln, um gemeinsam für Attraktivität zu sorgen sowie marktgerechte Mieten zu platzieren. 

Und natürlich müssen auch von der Politik her Rahmenbedingungen geschaffen werden, die für die Händler gerecht sind und für alle bayerischen Geschäfte gelten. Gerade saisonabhängige Touristenorte wie der Königssee sind hier sicherlich ein besonderer Fall. Nichtsdestotrotz können sich aber auch die Händler an der Seestraße gegen sinkende Umsätze, Konkurrenz durch den Onlinehandel und geschlossene Sonntage wehren, indem sie sich noch stärker zusammenschließen. Die Gestaltung von Events, die gemeinsame Bereitstellung besonderer Einkaufsvorteile (Rabatte/ Gewinnspiele/ Attraktionen) sind nur einige wenige Massnahmen.

Der stationäre Einzelhandel muss sich zudem auf seine Kernfunktionen konzentrieren und insbesondere dafür sorgen, das zu tun oder zu liefern, was der Online-Handel mit seinem Angebot nicht kann. Damit meine ich in erster Linie natürlich eine super freundliche und persönliche Kundenbetreuung. 

Wenn die Verkäuferin im Geschäft den Eindruck erweckt, dass ihr der Rummel am verkaufsoffenen Sonntag zu viel ist, dann verpufft jegliche Wirkung. Wir sehen immer wieder, dass wir keine mono-strukturierten Käufer haben, sondern welche, die heute online kaufen und morgen offline. Und wenn die Kunden auf den Einkauf in unseren Geschäften Lust haben, müssen wir da sein, mit bestmöglicher Leistung

Herr Althaus, was bedeutet das abschließend für die Händler am Königssee, die sich sicher noch einmal in einer gesonderten Situation befinden?

Den Händlern am Königssee geht es wie den meisten anderen in Touristenhochburgen auch. Sie haben ein extrem konzentriertes Geschäft - zeitlich betrachtet - nämlich dann, wenn Saison ist. 

Darauf muss der Personaleinsatz und die Verfügbarkeit von Ware ausgerichtet sein – und in dieser Zeit darf es keine „Leerverkäufe“ geben, also Kunden die ins Geschäft kommen und wieder heraus gehen, ohne etwas gekauft zu haben. Darauf muss sich der Händler konzentrieren, dass muss er vor Ort überwachen und daran muss er sich und seine Mitarbeiter messen.

Über Günter Althaus

Günter Althaus ist Vorstandsvorsitzender der ANWR Group und Präsident des Mittelstandsverbunds ZGV. Die ANWR Group ist eine genossenschaftlich geprägte Unternehmensgruppe, die mit einem Geschäftsvolumen von über acht Milliarden Euro zu den führenden europäischen Handelskooperationen im Non-Food-Bereich zählt. Rund 6.000 selbstständige Unternehmen der Schuh-, Sport- und Lederwarenbranche mit knapp 10.000 Verkaufsstellen sowie zahlreiche mittelständische Verbundgruppen nutzen das Netz

Quelle: BGland24.de

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