Schulamtsleiter: "Schule muss angstfrei sein"

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"Wenn mein Kind nach Hause kommt und sagt, heute hat mich der Lehrer an den Haaren gezogen, dann bin ich morgen als Vater an der Schule."

Rosenheim - Nach dem Freispruch einer Rektorin, der Körperverletzung vorgeworfen wurde, betont Schulamtsleiter Wolfgang Tauber: "Körperliche Züchtigung ist unzulässig. Da darf es keine Diskussion geben."

Ziehen an den Haaren in einem und einen Klaps in einem anderen Fall wertete die Jugendschutzkammer Traunstein kürzlich als "erzieherische Maßnahme" und nicht als strafbare Handlung. Eine Rektorin, die in dieser Weise gegen zwei Rosenheimer Schüler vorgegangen war, wurde freigesprochen. Schulamtsleiter Wolfgang Tauber betonte jetzt im Interview: "Körperliche Züchtigung ist unzulässig. Da darf es keine Diskussion geben."

Die freigesprochene Rektorin wird nach Auskunft der Regierung von Oberbayern nicht mehr an ihre alte Schule zurückkehren. Unabhängig von dem Traunsteiner Urteil sei der Schulfrieden nachhaltig gestört, teilte ein Pressesprecher auf Nachfrage mit. Die zukünftige Tätigkeit werde festgelegt, wenn die Landesanwaltschaft entschieden hat, ob das Disziplinarverfahren weiterverfolgt wird, das während des Strafverfahrens ruhte.

Schulamtsleiter Wolfgang Tauber.

Wolfgang Tauber ist als Schulamtsleiter zuständig für alle 68 Grund- und Hauptschulen und die neuen Mittelschulen in Stadt und Landkreis Rosenheim.

Herr Tauber, wie bewerten Sie dieses Urteil?

Ich kann zu diesem Urteil nichts Konkretes sagen, weil es mir nicht schriftlich vorliegt.

An den Haaren ziehen, einen Klaps versetzen, sind das Erziehungsmethoden, die Sie gutheißen?

Nach den gesetzlichen Bestimmungen ist die körperliche Züchtigung als Erziehungsmaßnahme an Schulen nicht zulässig. Darüber darf es auch keine Diskussion geben. Wenn mein Kind nach Hause kommt und sagt, heute hat mich der Lehrer an den Haaren gezogen, dann bin ich morgen als Vater an der Schule und führe ein klärendes Gespräch mit der Lehrkraft.

Wie oft kommt es vor, dass sich Eltern, Schüler, oder Lehrer wegen solcher Vorfälle an Sie wenden?

Was bei uns ankommt, sind vielleicht zwei bis drei Fälle im Schuljahr.

Wie gehen Sie damit um?

Wir nehmen solche Anschuldigungen natürlich ernst. Wir müssen überprüfen: Kann etwas dran sein? Das Problem ist ja, dass außer Lehrer und Schüler niemand dabei war. Kinder erzählen etwas zu Haus, Eltern nehmen das besorgt wahr. Das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Lehrkraft ist dann belastet und das Schulamt hat die Aufgabe aufzuklären beziehungsweise zu vermitteln. Schließlich sollen Eltern und Schule vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Sie müssen als Schiedsrichter auftreten.

Den Eltern sage ich erst einmal, das muss schriftlich formuliert werden. Manche versuchen es anonym. Aber darauf reagieren wir nicht. Ross und Reiter sind zu nennen. Dann bitten wir Schule und Lehrkraft um eine Stellungnahme, gleichfalls schriftlich. Es folgt eine Fallbesprechung, zu der wir unter Umständen unseren schulpsychologischen Dienst hinzuholen. Oft mündet das in einen runden Tisch mit allen Beteiligten.

Hat es Fälle gegeben, in denen sie sagen mussten, diese Lehrkraft ist nicht oder an dieser Schule nicht mehr tragbar?

Abgesehen von diesem aktuellen Fall, ja, es ist schon vorgekommen, dass ein Verdacht nicht auszuräumen war.

Was passiert mit einer solchen Lehrkraft?

Ich erinnere mich aus den letzten Jahren an einen Fall, in dem wir einen Lehrer an eine andere Schule versetzt haben. Es muss natürlich ein sehr ernsthaftes Dienstgespräch geführt werden, um eine Wiederholung auszuschließen. Ist Einsicht da, sind wir schon einen wichtigen Schritt weiter.

Sollten die Eltern Anzeige bei der Polizei erstatten?

Ich persönlich würde es für sinnvoll erachten, wenn eindeutige Spuren auf Gewaltanwendung hinweisen. Polizei und Staatsanwaltschaft haben ganz andere Möglichkeiten, zu ermitteln.

Nach diesem Urteil sagen Eltern vielleicht, ich habe ohnehin keine Chance vor Gericht.

Das könnte eine Folge dieses Urteils sein.

Im Prinzip könnte sich auch ein Lehrer darauf berufen, wenn ihm, wie man so locker sagt, die Hand ausrutscht.

Deshalb ist das, was im Paragraphen 86 des bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes steht, dass nämlich körperliche Züchtigung unzulässig ist, immer noch richtig.

Sie möchten nicht, dass sich die Eltern durch dieses Gerichtsurteil beeinflussen lassen?

Der Richter kann hier keinen Freibrief ausstellen. Was im Gesetz steht, dass also körperliche Züchtigung nicht zulässig ist, ist anscheinend in dieses Urteil nicht eingegangen. Aber ich möchte das nicht bewerten, weil ich ja nicht weiß, wurde auf das Gesetz überhaupt Bezug genommen.

Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass körperliche Gewalt an der Schule ausgeschlossen ist. Grundsätzlich gilt, körperliche Züchtigung ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Wir wollen nicht zurück in eine Zeit, die es mal gegeben hat. Gewalt ist, egal, wo sie geschieht, etwas, was wir bannen wollen. Ich hoffe, da gibt es einen hohen Konsens, wobei wir real wissen, dass Gewalt latent vorhanden ist.

Wie drückt sich das aus?

Da gibt es dieses "Eine Watschn hat noch keinem geschadet". Da bin ich ganz anderer Auffassung. Das lehne ich als Mensch, als Pädagoge und als Schulamtsleiter erst recht ab. Und dann gibt es auch noch eine andere Form von Gewalt, das ist die sexuelle Belästigung. Diese ist genauso unzulässig wie verbale Gewalt.

Das eine ist die grundsätzliche Einstellung. Wie sieht es aus, wenn einer Lehrkraft spontan die Geduld ausgeht?

Das darf einfach nicht vorkommen und wenn es doch passiert, ist die Lehrkraft gefordert, sich zu entschuldigen. In unserer Pädagogik in Mitteleuropa hat Gewalt keinen Platz. Die bekannten Erziehungswissenschaftler Tausch/Tausch sagen, das Handeln des Erziehers und des Lehrer muss reversibel sein, umkehrbar. Was ich tue, muss der andere auch mit mir machen können, auch meine Sprache muss ich so wählen. Das geht bis hin zu "Bitte" und "Danke". Das gilt gegenüber einem Erstklässler genauso wie gegenüber einem Neuntklässler.

Wie schätzen Sie das Klima insgesamt an den Schulen ein?

Es ist mir ein großes Anliegen, darauf hinzuweisen, dass viele unserer Schulen in ihre Schulprogramme die Gewaltfreiheit besonders aufgenommen haben und eine sozialwirksame Schule wollen, einen respektvollen Umgang miteinander. Es soll ein Klima der Angstfreiheit gelten.

Interview: re/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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