Was spricht wirklich gegen die Legalisierung?

Sieben falsche Mythen über Cannabis

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Franziska Osterhammer, Sucht-Therapeut Ludwig Binder von der neon-Suchtberatung Rosenheim, Sebastian Schindler

Rosenheim - Die Legalisierung von Cannabis ist zurzeit in aller Munde. Einige Mythen halten sich allerdings trotzdem hartnäckig. Unsere Redaktion sprach darüber mit Ludwig Binder, Sozialpädagoge bei der neon-Suchthilfe in Rosenheim:

Wir waren zu Besuch beim neon-Suchtberatungszentrum in Rosenheim, ein gemeinnütziges Unternehmen, das seit sieben Jahren kostenlose Suchtberatung und Therapiestunden anbietet. 

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Ludwig Binder ist ein Experte für das Thema Cannabis-Sucht. Der 34-Jährige Sozialpädagoge arbeitet vor allem mit Jugendlichen und ist - überraschenderweise - für eine Liberalisierung dieses Rauschgiftes. Im Gespräch mit unserer Reporterin Franziska Osterhammer klärte er über sieben Mythen auf, die sich hartnäckig zum Thema Cannabis-Legalisierung halten:

Mythos 1: Bei einer Legalisierungen werden mehr Menschen von Cannabis abhängig!

Wie Erfahrungen aus der Niederlande zeigten, sei das so nicht richtig. Es gäbe zwar mehr Menschen, die Erfahrungen mit Cannabis gesammelt hätten, aber definitiv nicht mehr Abhängige, erklärt Ludwig Binder. "80 bis 90% der Cannabiskonsumenten sind nicht abhängig!", stellt Binder fest. 

Mythos 2: Die Legalisierung kostet den Staat mehr Geld!

Das ist so nicht richtig: Der Staat könnte bei einer Freigabe von Cannabis viel Geld sparen, da die Ressourcen anders eingesetzt werden könnten. 

Würde man Cannabis entkriminalisieren, fielen die Kosten für Polizeieinsätze und Gerichtsverhandlungen weg. "Das Geld könnte man dann in Prävention und Suchthilfe investieren", so der Sozialpädagoge, wo seiner Meinung nach das Gled besser investiert wäre.

Mythos 3: Cannabis ist schädlicher als Alkohol und Nikotin

In einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie zum Thema Cannabis-Legalisierung wird ganz klar Alkohol und Nikotin als gefährlicher eingestuft. Fakt ist: Es sterben mehr Menschen durch diese Rauschgifte als durch Cannabis.

Auch die Anzahl der abhängigen Personen bestätigt das: Während lediglich 0,5% der deutschen Allgemeinbevölkerung abhängig von Cannabis sind, sind es 3,4% bei Alkohol und ganze 10,8% bei Nikotin.

Mythos 4: Cannabis ist eine Einstiegsdroge!

Die Freigabe von Marihuana in den Niederlanden zeigt das Gegenteil. Kauft man das Gras bei einem Dealer, sei es sehr wahrscheinlich, dass dieser auch andere Drogen im Sortiment habe. Gäbe es allerdings "Fachgeschäfte", in denen man nur Cannabis kaufen könne, bestehe dieses Risiko nicht mehr. 

"Eine Trennung der verschiedenen Drogenmärkte sollte angestrebt werden. Die Niederlande hat das schon sehr erfolgreich vorgemacht!", erklärt der Sucht-Therapeut.

Mythos 5: Cannabis-Konsumenten sind antriebslos. Das sollte man nicht auch noch fördern!

Dieses Klischee ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Während Alkohol anerkannt ist, wird Cannabiskonsum verteufelt, obwohl beide schlussendlich ähnliche Wirkungen haben. "Alkohol hat mittlerweile sogar den Status eines Nahrungsmittels!", betont Ludwig Binder den Unterschied.

Problematisch fände er dabei, dass man stets den exzessiven Konsum im Blick hätte und der genussorientierte Rauschmittelkonsum verlernt wurde.

Mythos 6: Die Freigabe für den medizinischen Gebrauch reicht doch! 

Für den Sozialpädagogen ist das "ein Schritt in die richtige Richtung." Aber: "Das große Drogenproblem wird dadurch nicht gelöst!".

Es müsse um die Masse der Cannabiskonsumenten gehen, die rein aus Genuss konsumieren. "Es ist wichtig, genau diese zu entkriminalisieren!", findet Binder.

Mythos 7: Die bisherige Verbotspolitik hat doch gut funktioniert!

Zahlen zeigen das Gegenteil! Die sogenannte "Prohibitionspolitik", mit dem Ziel weniger Konsumenten durch Drogenverbote zu erreichen, gelte als gescheitert, so Ludwig Binder. Denn: Die Zahl der Drogenkonsumenten wuchs in den letzten Jahren stetig an

Die einzigen Gründe weswegen weiterhin an dieser Politik festgehalten werde, seien rein ideologisch (siehe Mythos 5). "Eine Wende hier ist aber auch in den nächsten Jahren absehbar", sagt der Sozialpädagoge der neon Suchthilfe mit Blick auf die politischen Bestrebungen in Europa.

Video: Der Experte beantwortet Leser-Fragen

Am Donnerstag drehten wir mit Ludwig Binder ein Facebook-Livevideo, in dem er Meinungen und Fragen der Zuschauer aufgriffen: 

fso

Quelle: rosenheim24.de

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