Die Stimmung eskaliert

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Diese bunte Postkarte ist in Besitz von Alois Heibl vom Initiativkreis Neubeuern. Sie stammt aus dem Jahr 1921, das Bild wurde aber schon früher, nämlich 1915, gemalt. Zu sehen sind zwei Bäume (Kastanien?) am oberen Marktplatz. Repro re

Neubeuern - "Unser Bürgermeister hat Neubeuern auf den Kopf gestellt!" - Franz Steinkirchner bringt es auf den Punkt, was viele Neubeurer derzeit in Rage versetzt.

"Das Bürgermeisteramt in Neubeuern, der Perle des Inntals, ist der schönste Job der Welt. Das habe ich immer gesagt. Doch unser jetziger Bürgermeister hat Neubeuern auf den Kopf gestellt." Franz Steinkirchner, viele Jahre Zweiter Bürgermeister in der Gemeinde, kann über das Vorgehen von Josef Trost in der Kastanien-Affäre nur noch den Kopf schütteln. Die Gemeinde sei mehr denn je gespalten. Dagegen erklärte Trost, dass er mit der Fällaktion "weiteren Schaden von der Gemeinde abwenden" wollte.

Wie berichtet, hatte Josef Trost angeordnet, dass die zwei Kastanienbäume auf dem oberen Marktplatz von Neubeuern gefällt werden. "Damit geht er über den erklärten Willen des Großteils der Bevölkerung einfach hinweg. Zu meiner Zeit als Zweiter Bürgermeister sind wir auf den Bürger zugegangen. Ich glaube, dass es jetzt erst richtig losgeht. Mit der Ruck-Zuck-Aktion hat er niemandem einen Gefallen getan", sagt Steinkirchner im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen über seinen CSU-Parteikollegen.

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Die Gemeinderäte seien weder in der öffentlichen noch in der nichtöffentlichen Sitzung am Dienstagabend informiert worden, dass gleich am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe die beiden Kastanien gefällt werden sollen. "Es wurde kein Wort gesagt. Ich unterstelle ihm da Vorsatz", schimpft Steinkirchner. Denn Trost habe ja gewusst, dass bereits genügend Unterschriften für das geplante Bürgerbegehren - dieses steht gegen das Konzept des Gemeinderats, das unter anderem auch die Fällung der Kastanien vorsieht - bei den Initiatoren vorlagen, um dieses in Gang zu setzen. Trost habe dieses enge Zeitfenster noch schnell ausgenützt. "Dieser Umgang mit dem Bürgerwillen entsetzt mich noch immer, auch wenn ich bereits zwei Nächte darüber geschlafen habe. Unsere Gemeinde kommt jetzt nicht so schnell zur Ruhe", glaubt er. Denn auch einige Ratskollegen, die er kurz nach der Kastanienfällung am Marktplatz getroffen habe, seien schwer betroffen gewesen.

Doch das eigentliche Problem sieht er wie Claus Hähle, einem der Initiatoren des geplanten Bürgerbegehrens, darin, dass "ganz bewusst der geäußerte Bürgerwille durch die Fällung unterlaufen wurde". Auch Bürger, denen die Kastanien nie so wichtig gewesen seien, würden darin den eigentlichen "Sündenfall" sehen.

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Deshalb haben gestern Mittag Claus Hähle und Alois Heible vom Initiativkreis 671 Unterschriften im Rathaus abgegeben. "Obwohl wir die Fällung nicht rückgängig machen können, werden wir auf der weiteren Forderung des Begehrens nach der ,kleinen Lösung' ohne Erdarbeiten und mit einfacher Pflasterung bestehen", so Hähle. Er und weitere Befürworter machten sich nun allerdings Vorwürfe, nicht schneller gehandelt zu haben. "Nur weil wir so gutmütig waren und immer wieder den Dialog gesucht haben, sind wir von der unseligen Aktion gestraft worden." Er gehöre nicht zu den Wutbürgern in Neubeuern: "Ich mahne jetzt zu Besonnenheit. Doch dass diese Aktion Konsequenzen haben wird, da bin ich mir sicher." Denn es könne nicht sein, dass sich alle auf Recht und Gesetz berufen und dann doch das Begehren zeitlich einfach unterlaufen. "Das lassen wir von einem ausgewiesenen Verwaltungsjuristen prüfen."

Grundsätzlich - so sieht es Hähle zumindest - habe der Bürgermeister durch seine "Nacht-und-Nebel-Aktion" bei vielen Bürgern das Vertrauen zerstört. Nicht er, Hähle, - so wie Trost es ihm immer wieder vorwerfe - habe die Gemeinde gespalten: "Das hat der Bürgermeister schon ganz alleine gemacht." Problematisch sehe Hähle auch die Rolle einzelner Gemeinderäte hinter Trost, die ihn immer wieder falsch beraten. Trost sei ein "Getriebener", sagt Hähle.

Über den "Riss in Neubeuern" ist auch Alois Heibl zutiefst traurig und entsetzt. Die Stimmung in der Bevölkerung habe sich nochmal verschärft: "Viele Bürger, mit denen ich gesprochen habe, sind wahnsinnig schockiert." Er glaube nicht, dass mit der Fällung der Kastanien die Sache vom Tisch ist: "Ich habe eine Vision für die Zukunft: An die gleiche Stelle müssen wieder zwei neue Kastanien gepflanzt werden. Der Hofwirtbichl muss erhalten bleiben. Übrigens: Ich besitze eine alte Postkarte von 1921. Sie zeigt zwei wunderschöne Kastanien: genau am gleichen Ort!"

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Ebenso entsetzt über die Folgen seiner Fällaktion ist auch der Bürgermeister: "Ich wollte mit sauberem Stil und mit Anstand die Sache über die Bühne bringen und weiteren Schaden von meiner Gemeinde abhalten", so Trost zu den OVB-Heimatzeitungen. Über die Sache könne man immer diskutieren, dass aber Grablichter und Kreuze an die Stelle der abgeholzten Bäume aufgestellt werden, das könne er nicht verstehen. Wie reagierten eigentlich die gleichen Leute, wenn ein junger Mensch - etwa durch einen Autounfall - zu Tode komme? Ein solches Verhalten sei "Frevel hoch drei". Völlig indiskutabel sei es schließlich, wenn - so Trost nach eigenen Angaben - seine 15-jährige Tochter eine SMS auf ihr Handy bekomme, dass ihr Leben bedroht sei, wenn ihr Vater vom Amt nicht zurücktrete. "Doch das werde ich ganz sicher nicht tun", sagt der Bürgermeister, dem man anmerkt, dass er schwer geschockt ist: "Die Neubeurer müssen mich noch eineinhalb Jahre aushalten. Dann können sie neu wählen."

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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