Etappensieg für Weißkopf

Streit um ersten Motorflug: Es geht weiter

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Luftfahrthistoriker John Brown posiert am in seinem Büro in Nürnberg mit einem Laptop, auf dem ein Foto von dem Luftfahrtpionier Gustav Weißkopf zu sehen ist.

Leutershausen- Der Streit um den ersten Motorflug der Welt schien ausgestanden - bis der Luftfahrthistoriker John Brown 2013 neue Fakten präsentierte und Gustav Weißkopf ins Spiel brachte.

Am Sockel der Gebrüder Wright wagte kaum einer zu rütteln. Der Streit um den ersten Motorflug der Welt schien vorbei. Doch Luftfahrthistoriker John Brown präsentierte 2013 neue Fakten. Er ist überzeugt: Gustav Weißkopf flog Jahre vorher.

Er war einer der wichtigsten Luftfahrtpioniere seiner Zeit - die Anerkennung als erster Motorflieger der Welt aber verweigern renommierte Luftfahrthistoriker dem Franken Gustav Weißkopf (1874 - 1927) bis heute. Sie halten weiterhin die US-amerikanischen Gebrüder Wilbur und Orville Wright für die Begründer der motorisierten Luftfahrt. Doch eine Genugtuung bleibt den Weißkopf-Anhängern zu seinem 140. Geburtstag an diesem Mittwoch (1. Januar): Noch nie waren so viele Hinweise für Weißkopfs Pioniertat aufgetaucht wie im Jahr 2013.

Dafür hat John Brown gesorgt. Für den in Australien geborenen und heute in Braunschweig lebenden Luftfahrthistoriker ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wrights von ihrem Sockel gestoßen werden - und der in Leutershausen (Landkreis Ansbach) geborene Gustav Weißkopf auf den Sockel gestellt wird.

Brown, der im Hauptberuf Flugzeugkonstrukteur ist, liefert sich seit März 2013 einen erbitterten Streit mit den Historiker-Kollegen;seine Waffen sind Dokumente, Zeitzeugenberichte und Fotos.So hat er in 15-monatigen Internet- und Archiv-Recherchen 136 historische Zeitungsartikel gefunden, die über Gustav Weißkopfs Erstflug berichten. Demnach war am 14. August 1901 - also gut zwei Jahre vor dem motorisierten Erstflug der Gebrüder Wright - ein wenige Hundert Meter langer Flug am Strand von Bridgeport im US-Staat Connecticut geglückt.

Für diesen Erfolg von Weißkopf, der sich in den USA „Whitehead“ nannte, trieb Brown 17 Augenzeugenberichte auf. „Die Beweislage ist damit bei Gustav Weißkopfs Erstflug um Klassen besser als bei den Gebrüdern Wright“, ist Brown überzeugt. Einige Zeugen wurden allerdings erst Jahrzehnte später zu dem Erstflug befragt.

Renommierte Luftfahrthistoriker wie der Luftfahrt-Kurator des Deutschen Museums in München, Hans Holzer, vermissen dagegen neben Konstruktionszeichnungen ein Foto, das Weißkopfs Erstflug belegt. Zwar glaubt Brown, auf einem Bild von der ersten Luftfahrtausstellung im Jahr 1906 in New York ein Foto von Weißkopfs Erstflug entdeckt zu haben. Tatsächlich zeigt eine 2600-prozentige Vergrößerung des Bildes schemenhaft eine Flugmaschine, die der „Nr. 21“ von Weißkopf ähnelt. Für einen historischen Beweis aber halten das weder Holzer noch sein Kollege vom Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington, Tom Crouch. Dazu sei das Bild zu verschwommen.

Bei seiner Weißkopf-Recherche sind Brown Dokumente zugespielt worden, die Zweifel am Erstflug der Gebrüder Wright im Dezember 1903 aufkommen lassen. So räumte Tom Crouch schon in einem älteren Brief an den US-Historiker Leonard Opdyke aus dem Jahr 1978 selbst Zweifel am motorisierten Erstflug der Gebrüder Wright ein: „War der erste Flug der Wrights am 17. Dezember 1903 ein stabiler Flug, wahrscheinlich nicht“. Crouch erklärte inzwischen, er fühle sich bei dem Briefzitat missverstanden.

Das Foto vom Erstflug der Gebrüder Wright galt bislang als Schlüsselbeweis für die Pioniertat. Es prangt nicht nur auf Hunderttausenden amerikanischen Pilotenscheinen, sondern auch auf einer US-Briefmarke. Doch inzwischen dient das Foto Brown und anderen Luftfahrthistorikern eher als Beweis für das Gegenteil - nämlich dass die auf dem Foto abgebildete Flugmaschine nie richtig flugfähig war.

Das Thema sorgt auch in den USA für Ärger. Der US-Staat Connecticut erklärte im Frühsommer 2013 den 14. August - dem Tag von Weißkopfs angeblicher Pioniertat - zum alljährlichen Gedenktag. Dies führte umgehend zum Schulterschluss der US-Staaten Ohio und North Carolina. Vertreter beider Bundesstaaten protestierten gegen die offizielle Anerkennung von Weißkopf.

Im März 2013 stufte das renommierte britische Nachschlagwerk „Jane's All the World's Aircraft“ Browns Erkenntnisse als überzeugend ein und führt in seinem Jahrbuch künftig Gustav Weißkopf als den ersten Motorflieger der Welt. Dieser Einschätzung folgte im Herbst 2013 auch das Joanneum in Graz, eine Fachhochschule für Luftfahrt. Doch die Gemeinschaft der Luftfahrthistoriker ist in dieser Frage weiterhin gespalten.

dpa

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