FuG verlässt Rosenheim und geht nach Schechen

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Blick aus dem FuG-Gebäude in das Gebiet, wo die Firma neu bauen wollte.

Rosenheim - Einer der 30 besten Gewerbesteuerzahler wandert mit 70 Beschäftigten aus Rosenheim ab. Das Hochtechnologieunternehmen FuG leidet unter Platzmangel - das Ziel: Schechen.

Das Hochtechnologieunternehmen FuG, 1978 in einer Rosenheimer Garage gegründet und ständig gewachsen, hat in der Stadt kein passendes Grundstück für die Erweiterung gefunden. Einen Neubau im Landschaftsschutzgebiet ließ der Stadtrat nicht zu.

Möglichst quadratisch soll das Grundstück sein - wichtig für den Produktionsablauf bei der Herstellung hochstabiler Hochspannungsnetzgeräte - und etwa 9000 Quadratmeter groß. So stellt sich Firmenchef Dr. Hartmut Simon das ideale Gelände vor. Nutzen wollte er ein firmeneigenes Grundstück direkt neben dem Betriebsgebäude in Langenpfunzen. Die Gründer des Unternehmens und vormaligen Eigentümer hatten es 1996 erworben. Es liegt am Rande des vier Jahre zuvor ausgewiesenen Landschaftsschutzgebiets "Inntal Nord".

Keine Änderung des Schutzgebiets

Die Stadtverwaltung hielt den Eingriff in das Schutzgebiet für unwesentlich und vertretbar. Es sollte der Standort für ein Unternehmen mit 70 Beschäftigten und 40 angekündigten neuen Arbeitsplätzen gesichert werden. Geplant waren eine 40 mal 50 Meter große Produktionshalle, 7,30 Meter hoch, und ein dreigeschossiges, zwölf Meter hohes Bürogebäude auf einer Fläche von 40 mal 12 Meter.

Das Unternehmen beliefert Kunden aus dem Hochtechnologiebereich, Universitäten und unter anderem die Forschungsinstitute von Physik-Nobelpreisträgern. Eine solche Firma wollte die Stadt nicht ziehen lassen. "Wir haben einen großen Abwägungsprozess hinter uns zwischen den Interessen der Wirtschaft und dem, was man verantworten kann", sagte Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer im Stadtrat. Es waren Ausgleichsmaßnahmen mit Biotopen vorgesehen, die Firma wollte die Fassaden mit Naturholz verschalen und die Dächer begrünen, um das Vorhaben in die Landschaft einzupassen. Dies würde das Gebiet optisch sogar aufwerten, zeigten sich Verwaltung und ein Teil der Stadträte überzeugt. Bei ersten Gesprächen in den Stadtratsgremien vor zwei Jahren deutete sich Zustimmung an.

Etliche Gutachten waren wegen der sensiblen Lage notwendig. Die Zeit drängte. Bei FuG mussten die Mitarbeiter immer näher zusammenrücken. Ingenieure und Entwickler arbeiten auf engstem Raum im ungenügend klimatisierten Dachgeschoss, es gibt keine Sozialräume, die Firma musste Container aufstellen, um drei neue Arbeitskräfte einstellen zu können.

Dass die beratenden Fachleute des Naturschutzbeirats, unter anderem aus den Bereichen Ökologie, Landwirtschaft und Wasserwirtschaft, das Vorhaben ablehnen würden, war absehbar. Dann aber äußerte auch die Regierung Bedenken, nicht in der Sache, aber am Vorgehen. Um eine weitere bauliche Entwicklung in den Randbereichen des Schutzgebietes auszuschließen, forderte sie ein förmliches Verfahren für eine Änderung der Schutzgebietsgrenzen.

Genau dieses lehnte der Stadtrat nun mit 22:18 Stimmen ab, wobei die Fronten quer durch die Fraktionen verliefen. Dabei spielte für einen Teil der Gegner der Landschaftsschutz eher eine untergeordnete Rolle. Beispielsweise CSU-Stadträtin Margarete Fischbacher: Sie hatte das Vorhaben zuvor unterstützt. Sie fürchtete, angrenzende Grundstücke könnten bei starkem Regen überflutet werden. Schon jetzt stehe Wasser tagelang auf dem Grundstück. Anlieger sahen in Gedanken schon ihre Keller unter Wasser.

Solche Sorgen hält der Unternehmer für unbegründet. Ein von ihm in Auftrag gegebenes und vom Wasserwirtschaftsamt inhaltlich bestätigtes Gutachten bezeichnet die Frage der Oberflächenentwässerung als schlüssig gelöst. Dr. Simon sagt, wenn heute das Wasser nicht richtig versickere, liege das nachweislich an einer falsch vorgenommenen Verfüllung nach Kiesausbeute. Diesen Missstand hätte man selbstverständlich beseitigt.

Andere Stadträte warfen dem Unternehmen vor, erst billig ein Grundstück erworben zu haben und "dann die Stadt unter Druck setzen zu wollen", wie es beispielsweise WIR-Stadträtin Bärbl Thum formulierte.

Um dem Unternehmen Planungssicherheit zu geben, wollte die Oberbürgermeisterin an die Einleitung eines Änderungsverfahrens gleich das Signal an den Unternehmer koppeln, dass er bauen darf. Davon wiederum fühlte sich SPD-Stadtrat Andreas Lakowski unter Druck gesetzt. "Man kann einen Abwägungsprozess nicht mit einem fertigen Ergebnis beginnen."

"Nicht genügend nach Grundstücken gesucht"

Die SPD-Fraktionsvorsitzende Gabriele Leicht sah in einer Genehmigung keinen Sündenfall: "Die FuG-Bauten würden nur ein Prozent der Fläche des Landschaftsschutzgebiets beanspruchen." "Hande weg", forderte hingegen ihre Fraktionskollegin Maria Noichl.

Wie bei der SPD, so lagen auch bei der CSU die Ansichten weit auseinander. "Diskussion muss möglich sein", meinte der Fraktionsvorsitzende Herbert Borrmann als Befürworter. Die Grüne Anna Rutz kritisierte den Flächenverbrauch. Republikaner Hans Rass verlangte, nach dem Gleichheitsprinzip vorzugehen und nicht einer Firma zu erlauben, was einer anderen verwehrt bliebe. Franz Baumann von den Freien Wählern/UP bezweifelte, dass die Firma sich ausreichend auf dem Gewerbegrundstücksmarkt in Rosenheim umgesehen habe.

Tief enttäuscht zeigte sich Hartmut Simon nach der Entscheidung. Er versichert, intensiv nach einer Alternative in der Stadt gesucht zu haben: "Lassen wir den Preis einmal beiseite. Es gab einfach kein passendes Gebäude, und es gab keine adäquate Fläche, die von Struktur und Größe für uns brauchbar gewesen wäre." Beim Vorwurf, er habe keine Verhandlungen aufgenommen,um an ein Grundstück im neuen Gewerbegebiet Am Oberfeld in Autobahnnähe zu kommen, sieht er einen falschen Ansatz: "Da gab es nichts zu verhandeln, weil da nichts ist." Tatsächlich steht wegen des noch nicht abgeschlossenen Umlegungsverfahrens immer noch nicht fest, wann dort überhaupt die ersten Betriebe siedeln können - auf keinen Fall im September, dem aus Sicht von Dr. Simon letztmöglichen Termin für einen Baubeginn.

Der Stadtverwaltung bescheinigt Simon, ihn tatkräftig unterstützt zu haben. Im Stadtrat aber hat sich aus seiner Sicht eine "Gruppe der Verhinderer" gebildet, die krampfhaft nach Ablehnungsgründen gesucht und Dinge wie Wasser auf dem Gelände aufgebauscht habe: "Ich wäre doch nicht so unvorsichtig, ein Gebäude in ein Gebiet zu stellen, das mir absäuft." Mit all den Kosten, die auf ihn im Zusammenhang mit der Bodenveränderung, Ausgleichsflächen, Anlegen von Biotopen und landschaftsgerechter Gestaltung zugekommen wären, könne man ihm auch nicht den Vorwurf machen, er habe lediglich eine billige Lösung gesucht. Die Entscheidung des Stadtrats hält er für unsachlich. Auf der Suche nach Gründen für die Ablehnung fragt er sich, ob es eine Rolle gespielt haben könnte, dass eine CSU-Stadträtin in der Nähe wohnt, "die nicht auf ein Gebäude schauen wollte".

In Schechen weniger Gewerbesteuer

Nun ist er jedenfalls froh, dass er parallel schon einen "Plan B" verfolgt hatte. Die Firma will nach Schechen in ein ausgewiesenes Industriegebiet umsiedeln. Angenehmer Nebeneffekt ist, dass das Unternehmen dort weniger Gewerbesteuer zahlen muss. Es gibt auch das richtige Grundstück mit Erweiterungsmöglichkeit, und die zusätzlichen Maßnahmen entfallen. Da keine Dachbegrünung notwendig ist, soll das Dach mit Photovoltaikanlagen belegt werden, als Testfeld für den neuen Geschäftszweig "neue Energien". Im März 2012 soll der Umzug stattfinden. Die Behandlung im Gemeinderat steht noch aus. Was aus dem bisherigen Firmengebäude wird, steht noch nicht fest.

re/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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