Telefonabzocke: ein "Ja" kann schon zu viel sein

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Das Gespräch verweigern, persönliche Daten keinesfalls preisgeben, das Bankkonto und die Telefonrechnung stets im Auge haben: So kann man sich am besten vor immer dreisterer Telefon-Abzocke schützen.

Rosenheim - Das Geschäft mit dem Telefon-Betrug blüht, trotz Bußgeldern von bis zu 50 000 Euro, mehr denn je. Und die Methoden werden immer dreister, wie eine Rosenheimerin jetzt erfahren musste.

 Die gute Nachricht zuerst: Ab 2012 muss sich niemand mehr über teure Warteschleifen ärgern. Dann dürfen Firmen kein Geld mehr dafür verlangen, wenn sie ihre Kunden minutenlang in der Leitung hängen lassen.

Die schlechte Nachricht: Gegen die geschulten Mitarbeiter der Call-Center, die hunderttausende Bürger belästigen und abzocken wollen, ist laut Bundesnetzagentur (BNA) weiter kein Kraut gewachsen. Sie erzählen von tollen Gewinnen, Lotterien, Versicherungen oder Zeitschriften, wollen in Wirklichkeit aber nur eines: an die Kontodaten ihres "Opfers" kommen und dann abkassieren.

Iris F. aus Rosenheim, die in den letzten Tagen mit Anrufen "scheinbar" verschiedener Dienstleister geradezu bombardiert wurde, kann davon ein Lied singen. Sie ist sich sicher: "Dahinter steckt nur eine einzige Abzockfirma."

Deren raffinierte Masche ist eine wahre Trilogie des Hinterhalts. Den ersten Teil übernimmt eine freundliche Dame. Die Anruferin spricht von einem bestehenden mündlichen Gewinnspiel-Vertrag, der gekündigt werden müsse, ansonsten laufe er weiter. Um die Sache aus der Welt zu schaffen, was Iris F. ja nur recht sein könne, müsse man nur die Kontonummer abgleichen.

Die Rosenheimerin entgegnet, es gebe gar keinen Vertrag, und legt auf. So spielt ein "Rechtsanwalt" einen Tag später den zweiten Trumpf im Betrugs-Poker aus. Er habe "da etwas vorliegen, was er nicht zuordnen" könne - ein "Eintrag, der nicht gelöscht ist".

Aufzeichnungen werden manipuliert

Als die Rosenheimerin erneut nicht mitspielt beim "Datenabgleich", wird der Mann frech und droht: "Dann setze ich meine Unterschrift drunter und buche Ihnen morgen die 580 Euro ab." Ohne die Einwilligung der Kundin? "Die brauchen wir nicht, meine Unterschrift zählt, nicht die Ihrige", so der angebliche Jurist. Woher er die Kontonummer hat? Antwort: "Sie werden ja wohl wissen, an wen Sie Ihre Daten rausgeben." Nun ist die Rosenheimerin bedient, macht ihrem Unmut mit einem Kraftausdruck Luft und legt auf. Augenblicke später klingelt das Telefon erneut. "Jetzt kriegen Sie auch noch eine Anzeige", so der "Anwalt".

Wieder einen Tag später folgt das Schlusskapitel der Abzock-Farce. Nun heuchelt eine "Verbraucherschützerin" am Telefon, ihr sei die Sache mit dem leidigen Gewinnspiel-Vertrag gemeldet worden und könne dafür sorgen, dass Iris F. ein für alle Mal Ruhe habe vor den lästigen Abzockern. Aber natürlich ist auch das nur ein fauler Trick.

Iris F. macht es richtig. Sie lässt sich auf nichts ein, sagt nicht Ihren Namen und beantwortet auch keine Fragen. Schließlich könne ein unvorsichtiges "Ja" gerissenen Betrügern schon reichen, um ihren Opfern Verträge aufzuhalsen, denen diese nie zugestimmt haben, warnen Verbraucherzentralen. Hintergrund: Mit manipulierten Telefonmitschnitten lässt sich spielend ein mündlicher Vertrag konstruieren, den die Betrüger gern als Druckmittel einsetzen, um ihre "Kunden" einzuschüchtern.

Weil Iris F. schon davon gehört hatte, dass man bei Werbeanrufen auch reinfallen kann, wenn man keine Bankdaten preisgibt, war sie gewappnet. Und sie ist auf der Hut, hat ihr Konto stets im Auge. Sollte die dubiose Gewinnspielfirma tatsächlich ihre Kontodaten haben und die 580 Euro abbuchen, wird sie den Betrag sofort rückbuchen lassen.

Doch vor allem ältere Menschen sind oft zu gutgläubig und lassen sich über den Tisch ziehen. "Sie muss man vor dieser neuen Masche warnen", sagt die Rosenheimerin. Im Ernstfall sollte schnell gehandelt werden. Zu Unrecht erhobene Gebühren kann man zwar innerhalb von sechs Wochen rückbuchen lassen - aber nur, wenn die Abzocker ihr Konto noch nicht gelöscht und schon wieder ein neues eröffnet haben. Die Rückverfolgung der Rufnummern - meist sind es Münchner, Frankfurter, Düsseldorfer, Hamburger oder Berliner Vorwahlen - führt meistens ins Nichts.

Wie profitabel das Geschäft für die Gewinnspiel-Betrüger ist, zeigte kürzlich ein Prozess gegen zwei Drahtzieher am Landgericht Essen. Innerhalb eines Jahres hatte die Bande von 70 000 "Kunden" fast sechs Millionen Euro abgebucht. Viele Betrogene versäumten es, das Geld zurückbuchen zu lassen oder ließen sich von Mahnbriefen einschüchtern. Der Chef der Firma wurde am 29. Dezember 2010 wegen banden- und gewerbsmäßigen Betruges zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, seine Komplizin kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Solche Urteile fallen in den Augen der BNA aber noch viel zu selten. Die meisten Ermittlungsverfahren gegen Telefon-Betrüger würden leider ergebnislos eingestellt, kritisiert die Behörde.

Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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