Wer an Weihnachten anruft 

Die Telefonseelsorge Rosenheim kennt keine "stille Nacht"

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Birgit Zimmer, Leiterin der Telefonseelsorge Rosenheim, am Telefon. 
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Rosenheim - Zweimal klingelt es, dann geht Birgit Zimmer lächelnd dran: "Telefonseelsorge, guten Tag..."

Wer in unserer Region die 0800/1110222 oder 0800/1110111 wählt, kommt vielleicht hier raus: Im Büro der Telefonseelsorge Rosenheim, das von der Diakonie betrieben wird. Auch an Weihnachten kann man die Nummer rund um die Uhr erreichen. 

Rund 5200 Anrufe nahm allein die Stelle in Rosenheim in diesem Jahr an, erklärt die Leiterin Birgit Zimmer (53) im Gespräch mit rosenheim24.de. Über 50 ehrenamtliche Mitarbeiter hat die Theologin in ihrem Team - doch eigentlich bräuchte es deutschlandweit noch viel mehr Telefonseelsorger. Im Durchschnitt muss ein Hilfesuchender nämlich fünfmal die Nummer wählen bis er durchkommt. 

Akut Suizid-Gefährdete sind glücklicherweise selten am Apparat. "An Weihnachten rückt auch bei uns das Thema Familie in den Vordergrund, wenn man sich verkracht hat mit den Verwandten. Auch Einsamkeit beschäftigt viele", weiß Zimmer.

An Silvester und Neujahr bestimmt dann eher der Blick in die Zukunft die Anliegen vieler Anrufer: "Die Sorge vor dem nächsten Jahr, Erkrankungen, das körperliche Befinden, aber auch depressive Stimmungen beschäftigen dann besonders." 

Weitere Dauerbrenner der Telefonseelsorge sind finanzielle Sorgen und Schulden, Ärger am Arbeitsplatz sowie Probleme in der Beziehung. 

"Danke, Sie haben mich durch die Nacht gebracht"

"Früher haben mehr Menschen angerufen, die Probleme in der Partnerschaft hatten. Heutzutage sind Scheidungen und Patchwork-Familien gesellschaftlich akzeptiert. Man redet nun offener über Trennungen", erklärt Zimmer.

Dafür wollen nun mehr Menschen über Depressionen und psychische Erkrankungen sprechen.  "Vor allem nachts und am Wochenende sind wir eine Anlaufstelle, wenn der Therapeut nicht erreichbar ist." Das klingt ziemlich anspruchsvoll für die Mitarbeiter, die zumeist aus ganz anderen Berufszweigen kommen. "Wir helfen indem wir begleiten, da spielt die menschliche Komponente eine wichtige Rolle", so Zimmer. "Viele sagen dann: 'Danke, dass sie mich über die Nacht gebracht haben.'"

Ein anderes Thema, über das vor allem im letzten Jahr viele reden wollten: Flüchtlinge. Es waren nicht nur politisch Rechtsgerichtete, die Dampf abließen, sondern auch Menschen, die in der Anonymität am Telefon mal offen ihre Sorgen ausdrücken wollten. 

Telefonseelsorge als Spiegel der Gesellschaft

Der Bedarf steigt - mehr Menschen suchen Ansprechpartner, Mutmacher, einfach Zuwendung. Auch hier ist die Telefonseelsorge ein Spiegel für die Veränderungen in der Gesellschaft: "In der Vergangenheit hat man viele Themen mit seiner Familie, seinem Partner oder auch guten Nachbarn besprochen, für die man heute bei uns anruft", beobachtet die Leiterin der Rosenheim Telefonseelsorge. "Für mich ist das ein Hinweis, dass es weniger Vertrauen gibt zu den Leuten im unmittelbaren Umfeld - oder kaum mehr Vertrauenspersonen da sind, obwohl man auf Facebook oder anderen Medien doch Hunderte 'Freunde' hat." 

So bietet die Telefonseelsorge mittlerweile auch eine anonyme E-Mail- und Chat-Beratung an. Die Hemmschwelle sich zu Öffnen ist hier noch niedriger, so dass es auf diesen Kanälen "auch mal härter zur Sache geht", wie die Theologin verrät. "Manche wollen etwa ihre Geschichten zum Thema Missbrauch loswerden."

Offenheit müssen die Ehrenamtlichen also mitbringen, daneben eine Menge Geduld und Empathie - aber auch Humor, damit man selbst schwierige Gespräche besser ertragen kann, aber auch um Anrufer aufzuheitern. Bevor man selbst ans Telefon darf, gibt es eine einjährige Ausbildungs- und Schulungsphase. Danach ist man eingebunden in ein Kleingruppen-Team, arbeitet in Supervisionen schwierige Gespräche auf und nimmt regelmäßig an Fortbildungen teil. Dreimal im Monat sollte man selbst am Telefon sitzen, davon im Idealfall auch einmal nachts. 

Hochschwangere ruft aus dem Krankenhaus an

Ob es denn eine weihnachtliche Anekdote gibt, die ihr aus ihrer Arbeit einfalle, wollen wir von Birgit Zimmer zum Abschluss wissen. Kurz muss sie überlegen. "Eine Kollegin hatte mal einen Anruf von einer Hochschwangeren, die kurz vor der Entbindung stand. Sie hat aus dem Krankenhaus heraus angerufen, weil sie so nervös war und sich in diesem Moment keine Hebamme im Raum befand. Meine Kollegin konnte die Frau dann beruhigen. Das passt doch zu Weihnachten, da geht es schließlich auch um eine Geburt", lacht die Telefonseelsorgerin. 

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Wenn bei Ihnen selbst das Interesse an einer Mitarbeit geweckt wurde, dann sollten Sie noch bald Birgit Zimmer kontaktieren. Am 12. Januar wird der neue Ausbildungskurs beginnen. Unter der Telefonnummer 08031/3529590 kann man sich dafür noch kurzentschlossen anmelden. 

Die Telefonseelsorge Rosenheim freut sich auch über Spenden: 

Volksbank Raiffeisenbank Mangfalltal- Rosenheim eG

IBAN: DE 937116 0000 0005 7670 67

BIC: GENODEF1VRR

mg

Quelle: rosenheim24.de

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