Träume aus Beton

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Vom Wasser inspiriert, mit Beton realisiert: die spektakuläre Roca Gallery in London. Ohne den Pioniergeist von Kruno Stephan Thaleck aus Raubling wäre sie nie Wirklichkeit geworden.

Raubling/London - Es ist wie mit Bier oder Coca Cola. Das Rezept für seine einzigartigen Betonteile verrät Kruno Stephan Thaleck nicht.

Dabei staunen Architekten und Baufachleute auf der ganzen Welt über den Pioniergeist des Raublingers, der in London ein Projekt Wirklichkeit werden ließ, dessen Geometrie selbst die innovativsten Betonhersteller als "nicht baubar" eingestuft hatten. "Ein einmaliges Bauwerk, das die Grenzen des Machbaren nachhaltig nach oben verschoben hat", jubelte die weltbekannte Star-Architektin Zaha Hadid bei der Eröffnung.

Schwünge, Kanten, Ecken: Thaleck mit einem Spezialbetonelement. Die Oberfläche muss makellos glatt sein.

Zaha Hadid ist eine der gefragtesten Architektinnen der Welt. 2004 erhielt sie als erste Frau überhaupt den Pritzker-Preis - eine Art Nobelpreis der Architektur. Doch so sehr ihre avantgardistischen Formen aus Beton die Visionäre unter den Großinvestoren und Milliardären verzücken - Statiker und Handwerker zucken beim Anblick der extrem geschwungenen Fantasiewelten eher zusammen.

Denn was auf Papier und PC-Bildschirm eine faszinierend gute Figur macht, stößt bei der Umsetzung schnell an die Grenzen der Physik. Deshalb fand Hadid für ihre Ideen lange Zeit keine Partner.

So wäre es auch im Fall der Roca London Gallery gewesen - wenn Kruno Stephan Thaleck mit seiner B&T Bau & Technologie GmbH nicht gewesen wäre. Erst als die Roca-Leute im Januar bei Thaleck anklopften, nahm das Projekt Formen an. Die Architektur der Ausstellungshalle - ein Prestigeobjekt des spanischen Badausstatters Roca im Londoner Nobelviertel Chelsea - sollte inspiriert von den weichen Bewegungen des fließenden Wassers sein - und aus Beton. Eine Kombination, an der zuvor eine ganze Branche gescheitert war. "Nicht baubar", hatten 50 Faserbetonhersteller abgewunken, die den lukrativen Auftrag nur allzu gern an Land gezogen hätten, aber der Reihe nach ausstiegen.

Unmögliches aus Beton

Nur Thaleck traute sich. Er tüftelte, forschte und entwickelte in Raubling so lange, bis die Wunderformel gefunden war. Das Ergebnis seiner intensiven Pionierarbeit hat sich der Unternehmer natürlich schützen lassen.

Das einzigartige Betonrezept bleibt sein Geheimnis, umso offenkundiger sind dafür die Qualitätsmerkmale der Sichtbetonelemente: auf kleiner Grundfläche extravagant in mehreren Achsen gekrümmt, extrem geschwungen, die Oberfläche fehlerlos glatt und laminierfähig, die Kanten perfekt. Um derart makellose Kunstwerke zu erzielen, muss der Beton extrem leicht und gleichzeitig stabil sein. Und er muss - auch das ein Widerspruch in sich - plastisch verformbar und zugleich druckfest sein. Nur dann verklumpt oder zerläuft die Masse nicht - und die Teile lassen sich mit viel Geschick wie aus dem Ei gepellt aus den Spezialschalungen heben, wenn der Beton nach zwei Tagen fest geworden ist.

Ein Trick von vielen: Im Kern befindet sich eine Aluminium-Wabe, die für Leichtigkeit und Stabilität sorgt. Das klingt für den Laien unspektakulär, aber allein diese Kombination ist schon eine Meisterleistung. Denn Beton und Aluminium vertragen sich nicht. "Wie wenn man ein Brausestäbchen in ein Glas Wasser taucht", beschreibt Thaleck den chemischen Effekt.

Eineinhalb Jahre brauchte er, um den Beton auch bei extremer Neigung zum Stehen zu bringen und den sogenannten Gecko-Effekt zu erzielen: dass der Beton während der Aushärtung wie die Echse förmlich an der Schalung klebt, ohne nach unten hin zu zerlaufen. Dabei ging es Thaleck wie der Konditorin, die den perfekten Kuchen in eine spiralförmig nach oben geschwungene Form zaubern soll: Der muss auch an den kritischen Stellen haften, darf andererseits auch nicht verkleben - und beim Herausnehmen oder Transportieren nirgendwo brechen.

Aber nicht mit einem Kuchen, sondern rund 900 in Raubling gegossenen Einzelteilen rückte der Tross der B&T vor Monaten in London an. 72 Sattelzüge brachten die kostbare Fracht ins Nobelviertel nach Chelsea, wo Thaleck zusammen mit 16 Mitarbeitern unter großem Zeitdruck und schwierigsten Bedingungen die Elemente zur "Roca Gallery" zusammenfügte. Gebohrt werden durfte in der elitären Wohngegend nur in kleinen Zeitfenstern, auf der Großbaustelle ging es zu wie in einem Hühnerstall.

Stolz auf die im Oktober eröffnete Pilgerstätte für Architekturstudenten (Thaleck: "Es gibt weltweit nichts Vergleichbares") ist man auch bei der Wacker Chemie AG in Burghausen. Sie lieferte ein spezielles Bindemittel, das mit dem Weißzement der Wiener Holcim AG harmonierte. Das Bindemittel ist eine wesentliche Zutat der Mixtur für den elastischen Super-Beton.

Dabei war die Firma B&T schon vor Roca ein Begriff in der Branche. Die Spezialschalungen und Betonelemente aus Raubling haben unter anderem dem Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart, der BMW-Welt in München, der Innsbrucker Nordkettenbahn und der U-Bahn Moskaus Halt, Struktur und Profil verliehen. Ein Teil der Außenschale des neuen Kongresszentrums in Aserbaidschans Hauptstadt Baku kommt ebenfalls aus dem Inntal - und schon bei der Fußball-EM 2008 hatten Thalecks 18 Meter hohe Nachbildungen von Stars wie Ballack, Czech oder van Persie - ein Auftrag von Adidas - für Furore gesorgt.

"Dass sich die Mühe mit der Roca Gallery gelohnt hat, zeigen die vielen frischen Projektanfragen, die sich alle auf Roca als Referenz beziehen", sagt Thaleck, der seinem Unternehmen mit dem Erfolg in London quasi ein Geschenk zum 22. Geburtstag gemacht hat. Im Januar 1990 hatte er die Firma gegründet. Viel Zeit zum Feiern bleibt aber nicht. Noch im Januar geht es nach Bratislava wegen eines ehrgeizigen Hochhausprojekts - und in Beirut planen Statiker aus der Schweiz ein gigantisches Kaufhaus, natürlich mit der Alu-Waben-Spezialbetonkonstruktion "made in Raubling".

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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