Versuchter Messer-Mord in Trostberg

Rechtsmediziner: „Angriff zielgerichtet mit großem Kraftaufwand“

+
Die fünf Angeklagten im Gerichtssaal. 
  • schließen

Trostberg/Traunstein - Im September 2016 ereignete sich ein brutaler Messerüberfall in einer Wohnung in Trostberg. Seit 18. Juli stehen fünf junge Männer wegen versuchten Mordes und schweren Raubs vor Gericht. Am Dienstag, 25. Juli, ging der Prozess mit den Aussagen und Einschätzungen der Sachverständigen weiter. 

Zusammenfassung des vierten Prozesstages

Am vierten Prozesstag im Fall des brutalen Messer-Überfalls in einer Trostberger Wohnung meldeten sich Sachverständige aus dem medizinischen Bereich zu Wort. Gutachten zu den Verletzungsbildern der Opfer gaben einen Einblick, wie der Überfall wohl abgelaufen sein muss. Des Weiteren wurden psychiatrische Gutachten als Einschätzung der Angeklagten angehört.

Überfallsopfer: „Kein Kampfmesser in Gebrauch gewesen“

Prof. Dr. med. Fritz Priemer, Facharzt für Rechtsmedizin und Professor für Forensische Medizin, hat die beiden Überfallsopfer jeweils im Krankenhaus untersucht.

Bei dem 17-jährigen Opfer habe sich ein „normaler Gesundheitszustand“ gezeigt – er sei lediglich „etwas ungehalten“ gegenüber dem Sachverständigen gewesen. Die Wundheilung habe mit der angegebenen Tatzeit übereingestimmt. Im Gesicht habe der junge Mann einige Schrammen und Kratzer erlitten. Der 17-Jährige habe gegenüber Prof. Dr. Priemer explizit angegeben, es sei „kein Kampfmesser“ verwendet worden. Dieser aber habe die Verletzungen im Brustbereich gesichert Stichverletzungen zuordnen können. Im Wesentlichen seien die Verletzungen des 17-Jährigen „unauffällig und oberflächlich“ gewesen, sodass zu keiner Zeit eine konkrete Lebensgefahr bestanden hätte. „Hierbei muss man auch immer den Aspekt der Selbstverletzung in Erwägung ziehen“, so Dr. Priemer abschließend.

Rechtsmediziner: „Angriff zielgerichtet mit erheblichem Kraftaufwand!“

Das zweite Überfallsopfer sei laut dem Befund von Prof. Dr. Priemer „sehr gedämpft und schwach“ gewesen. Statt wie bei dem 17-Jährigen im Gesicht seien die wesentlichen Auffälligkeiten im Bereich der Brustregion zu finden gewesen. Es habe sich dabei um chirurgisch versorgte Wunden gehandelt.

Dass der 22-Jährige den Angriff ohne schwerere Komplikationen überlebt hat, habe er dem Verlauf des Stichkanals zu verdanken, bei dem der Rippenbereich verletzt worden sei. Es sei Blut in die Lunge gelangt und die Atmung des jungen Mannes sei behindert worden. Es habe eine „konkret lebensgefährliche Situation“ bestanden. Der Zeuge habe vor Gericht ausgesagt, der Messerangriff sei „bogenförmig von unten nach oben“ gekommen, was mit dem Verlauf des Stichkanals laut Prof. Dr. Priemer übereinstimme. Unabhängig von Schärfe und Spitze des Messers sei davon auszugehen, dass der Angriff wohl „zielgerichtet mit einem erheblichem Kraftaufwand“ ausgeführt wurde. Die Narben würden dem 17-Jährigen erhalten bleiben, der Sachverständige gehe tendenziell davon aus, dass sich körperliche Beeinträchtigungen im Laufe der Wundheilung vermutlich regenerieren werden.

Auch der Angeklagte Adrian K. wurde in der Justizvollzugsanstalt von Prof. Dr. Priemer im Hinblick auf Schnittverletzungen an den Händen untersucht. Er habe Vernarbungen am rechten Daumen, im Bereich des rechten Zeigefingers sowie am linken Handrücken festgestellt.

Sachverständiger: „Habe ihm Drogen- und Alkoholkonsum nicht ganz abgekauft!“

Dr. Stefan Gerl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, erklärte, er habe den Angeklagten Adrian K. in der Justizvollzugsanstalt begutachtet. Adrian K. habe gegenüber Dr. Gerl angegeben, er und Thomas J., der seit Prozessbeginn die Tat leugnet, seien in die Wohnung eingedrungen. Die absichtlichen Stichwunden habe Thomas J. den Opfern bei dem Überfall zugefügt. Er selbst sei bei der Tat nicht „Herr der Lage“ gewesen und bereue den Überfall.

Adrian K. hat bei seiner Aussage vor Gericht erklärt, er habe die Tat unter massivem Alkohol- und Drogeneinfluss begangen. Dies habe er gegenüber Dr. Gerl auch angegeben. Aus medizinischer Sicht sei eine „stoffgebundene Sucht“ in Form einer Drogenabhängigkeit bei dem Angeklagten aber nicht ersichtlich. Er habe weder Entzugserscheinungen noch eine Form von Aggression erkennen können. Die hohen Konsummengen, die Adrian K. angegeben hatte, habe Dr. Gerl dem Angeklagten „nicht ganz abgekauft“, eine mögliche Alkoholabhängigkeit könne er dennoch nicht vollständig ausschließen.

Dr. Gerl erklärte im Rahmen seines Gutachtens, dass die Voraussetzungen der Unterbringung in eine forensische Psychiatrie bei Adrian K. nicht erfüllt seien. Der Angeklagte sei nach dem Überfall mit einer Suchttherapie in Kontakt getreten. Der Überfall habe ihn nach eigener Aussage „wachgerüttelt“, er wolle nicht mehr in einen solchen Zustand zurückfallen.

Einschätzung und Aussagen der weiteren Angeklagten

Nach Ausführungen der Jugendgerichtshilfe Altötting sei Martin Z. seit Jahren drogenabhängig. Er sei gewillt, mit professioneller Hilfe seine Sucht zu bekämpfen und wieder eine feste Arbeitsstelle antreten zu wollen. Aufgrund seines Besitzes von Führerschein und Auto sei er „in die Tat hineingerutscht“, habe sich am Überfall selbst aber nicht aktiv beteiligt. Er sei stets darum bemüht gewesen, sich nach dem Überfall persönlich bei den Geschädigten zu entschuldigen und bereue die Tat zutiefst. Laut der Jugendgerichtshilfe sei die Tat für Martin Z. „ein Schuss vor den Bug“ gewesen, sei wolle sein Leben zum Positiven ändern. Im Falle einer Jugendstrafe, die man zur Bewährung aussetzen könnte, bekäme Martin Z. die Chance dazu.

Die Jugendgerichtshilfe Altötting schilderte im Anschluss ihre Befragung mit dem Angeklagten David B.. Sein Drogenkonsum sei groß. Am Tattag seien nur Adrian K. und Thomas J. in der Wohnung gewesen. Er selbst sei nicht im Haus und in unmittelbarer Nähe davon gewesen. In den ersten Tagen der Haft hätte David B. Entzugserscheinungen erlitten. David B. wolle nach eigener Aussage mithilfe von Therapien „die Drogen aus seinem Leben verbannen“. Zudem sei er bereit Schmerzensgeld an die Geschädigten zu zahlen.

Eine Sachverständige für Psychologie und Zeugin im Fall des Messer-Überfalls schilderte dem Richter Dr. Klaus Weidmann ihr Treffen mit dem Angeklagten Thomas J. in der Justizvollzugsanstalt. Er habe einen „sehr selbstbewussten Eindruck“ hinterlassen. Thomas J. hätte ihr gegenüber angegeben, weniger Alkohol zu trinken und dafür mehr Drogen zu konsumieren. In der gesamten Untersuchung hätten sich keine Hinweise auf schwere psychische oder krankhafte Störungen ergeben. Die Sachverständige sehe vielmehr ein Suchtproblem bei Thomas J..

Allgemein fällt während der Verhandlung auf, dass die fünf Angeklagten um eine Besserung bemüht sind und ein „besseres Leben ohne Drogen“ anstreben wollen.

Die Verhandlung wurde unterbrochen. Für den Prozess im Fall des Messer-Überfalls in Trostberg sind vier weitere Gerichtstermine angesetzt. Das Urteil wird für 4. August erwartet.

Vorbericht

Ein Messerüberfall mit brutalem Ausgang ereignete sich am Abend des 27. September 2016 in einer Trostberger Wohnung. Fünf Täter im Alter von 21 bis 29 Jahren sollen zwei junge Männer überfallen und teils schwer verletzt haben. Das Ziel des Überfalls sollen Drogen und Bargeld gewesen sein.

Der Vorwurf der Anklageschrift lautet auf versuchten Mord in zwei Fällen und besonders schwerer Raub in fünf Fällen. Der 29-jährige Thomas J.* und der 25-jährige Adrian K.* müssen sich wegen versuchten Mordes in Verbindung mit gefährlicher Körperverletzung und besonders schwerem Raub verantworten. Die Komplizen, der 22-jährige David B.*, der 21-jährige Martin Z.* und der 27-jährige Marvin P.*, stehen wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit besonders schwerem Raub vor Gericht.

Widersprüchliche Aussagen und ein entnervter Richter 

Am ersten Verhandlungstag kamen nur die Angeklagten zu Wort. Adrian K. gab die Messer-Tat zu, plädierte aber auf gefährliche Körperverletzung, da er den Überfall unter dem massiven Einfluss von Alkohol und Drogen begangen habe. Er habe den Überfall in der Wohnung zusammen mit dem zweiten Täter, dem 29-jährigen Thomas J., durchgeführt. Dieser jedoch leugnete die Tat und behauptete, er sei bei dem Überfall überhaupt nicht beteiligt gewesen. Vielmehr sei er während der Tatzeit durch Trostberg marschiert und habe "gemütlich einen Joint geraucht". 

Die übrigen drei Angeklagten gaben jeweils zu, bei der Tat in Trostberg beteiligt gewesen zu sein, hätten jedoch nur im Auto "Schmiere gestanden". Die Aussagen der fünf Angeklagten wurden im Laufe des ersten Verhandlungstages immer widersprüchlicher, jeder versuchte, die Schuld auf einen anderen abzuwälzen. Richter Dr. Klaus Weidmann verlor zusehends die Geduld. 

Am zweiten und dritten Verhandlungstag wurden Zeugen geladen. Ein Kripobeamter der Kriminalpolizeiinspektion Traunstein erklärte dem Richter, die Vernehmung seien ein "sehr großes Durcheinander" gewesen und die Rollenverteilungen bei dem Überfall immer wieder anders geschildert worden. Die vier Überfallsopfer aus der Wohnung schilderten die Tat jeweils aus ihrer Sicht, lediglich das 17-jährige Opfer verweigerte die Aussage. Laut seinem Zeugenbeistand könne er wegen Drogendelikten belangt werden, die unmittelbar mit der Tat in Zusammenhang stünden. Auch vier Zeuginnen, darunter drei junge Frauen, die sowohl mit den Angeklagten als auch mit den Opfern befreundet sind oder waren, wurden angehört.  

Am vierten Prozesstag sind weitere vier Zeugen geladen. Auch Sachverständige werden ihre Aussage vor Gericht machen. 

Der Prozess wird am Dienstag, 25. Juli, um 9 Uhr in Traunstein fortgesetzt. Das Urteil wird für 4. August erwartet. 

* Die Namen der Angeklagten wurden von der Redaktion geändert.

mb

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser