Zwei misslungene Entführungen werden vor dem Landgericht verhandelt

Kidnapper-Prozess: Zwei Millionen wurden gefordert

+
  • schließen

Traunstein/Altötting - Am zweiten Verhandlungstag gegen drei mutmaßliche Entführer verstrickte sich das Opfer offenbar in Widersprüche. Nun hat der zuständige Sachbearbeiter ausgesagt.

UPDATE 18.35 Uhr:

Nach der kurzen Unterbrechung wurde am Donnerstag noch der Mann vor Gericht gehört, der dem reichen, russischen Geschäftsmann Anfang des Jahres das Fahrzeug zur Verfügung gestellt hatte.

Er berichtete von verschiedenen Geschäften, die er in der Vergangenheit mit dem reichen Russen als Geschäftspartner abwickeln wollte. Direkt nach der Entführung sei er zur Polizei gegangen um den Diebstahl seines Wagens anzuzeigen. Der Fahrer des Wagens habe ihn darauf hingewiesen. Er selbst habe nicht gewusst, dass seine beiden Bekannten mit dem Auto nach Altötting unterwegs gewesen waren.

Noch während der Zeuge seine Anzeige bei der Polizei aufgab, soll sein Bekannter, der russische Geschäftsmann, auf seinem Handy angerufen haben. Er soll am Telefon bekannt gegeben haben, dass er gerade entführt werde und die Kidnapper zwei Millionen Euro forderten. Er selbst habe soviel Geld nicht auftreiben können. Über seine Geschäftspartner hätte er den Betrag vielleicht auftreiben können, diese Möglichkeit sei zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht in Frage, so der Zeuge und Eigentümer des Fahrzeugs.

Bei einem weiteren Telefonat will der Zeuge mit einem der Entführer gesprochen haben, der ihm den Ernst der Situation verdeutlicht haben soll. Der Geschäftsmann habe erklärt, dass die Entführer Europa verlassen wollten.

In der weiteren Befragung des Zeugen, stellte dieser auf Nachfrage der Anwälte fest, dass die finanzielle Situation des Geschäftsmanns und vermeintlichen Entführungsopfers sich möglicherweise anders darstelle. In vorangegangenen Geschäften soll es immer wieder zu Zahlungsverzug oder auch kurzfristigen Absagen gekommen sein. Der Zeuge vermute deshalb, dass der Geschäftsmann gar kein Geld zur Verfügung gehabt habe. Auch seine eigene Frau soll der vermeintliche Geschädigte nicht über die Entführung informiert haben.

Die Verhandlung gegen die drei mutmaßlichen Entführer soll am 11. Dezember vor dem Landgericht unter Vorsitz von Richter Dr. Zenkel fortgesetzt werden. Beginn des dritten Verhandlungstages ist dann wieder um 9 Uhr.

UPDATE 16.50 Uhr:

Nach der Mittagspause wurde die Verhandlung vor der 6. Strafkammer des Landgerichts in Traunstein mit der Befragung des zuständigen Sachbearbeiters der Mühldorfer Kriminalpolizei fortgesetzt. Der Beamte gab in seiner Aussage vor Richter Jürgen Zenkel an, beide Entführungsfälle bearbeitet zu haben.

Zum ersten Fall in der Ukraine habe dem Polizisten das vermeintliche Opfer ausführliche Angaben gemacht und den gesamten Tathergang geschildert. Aus den Unterlagen, die dem Sachbearbeiter von seinen Kollegen der Polizeiinspektion Altötting dabei übergeben wurden, gehe keine Anzeige wegen Entführung hervor. Lediglich die Bedrohung mit dem Messer nach dem Kidnapping habe der Entführte damals gemeldet. Verschiedene Aussagen des Geschäftsmanns ließen den Beamten aber definitiv davon ausgehen, dass sich der Angeklagte K. und das Opfer schon länger vor der Tat kannten.

Bei der zweiten Entführung, dem Kidnapping eines reichen, russischen Geschäftsmannes in Altötting, übernahm der Beamte ebenfalls die Vernehmungen. Nachdem die Lebensgefährtin des Angeklagten K. mit dem Geschäftsmann Kontakt über eine Plattform im Internet hergestellt hatte, sollen die beiden ein Treffen in Altötting ausgemacht haben. Es sei auch zu einem Treffen gekommen, aber nicht mit dem Lockvogel, so der Beamte.

In Altötting angekommen, soll der reiche Russen kurze Zeit später von den Angeklagten K., D. und L. entführt worden sein. Nachdem einer der Angeklagten dem Entführungsopfer und seinem Fahrer die Straße mit einem Pkw versperrt habe, seien die beiden anderen Angeklagten, mit einem langen Schraubenzieher bewaffnet, dazugekommen. Sie hätten den reichen Geschäftsmann nach der Flucht seines Fahrers in dessen Auto dann weggebracht.

Nach einer Reifenpanne, die in einer nahegelegenen Werkstatt repariert worden sei, sollen die Entführer den Geschäftsmann in Richtung Tschechien gebracht haben. Bei der Festnahme an der polnisch-tschechischen Grenze soll es dann zu einem Übersetzungsfehler gekommen sein. Aufgrund eines Missverständnisses mit einer Dolmetscherin soll auch der Geschädigte verhaftet worden sein, so der Beamte. Der  Übersetzungsfehler, in dem der Geschäftsmann wohl fälschlicherweise angab, nicht entführt worden zu sein, sei aber kurz danach wieder korrigiert worden.

Der reiche Geschäftsmann befinde sich aktuell in Moskau, eine Ladung vor Gericht gestalte sich schwierig, so Richter Zenkel. Der weibliche Lockvogel, der auch im ersten Fall eine Rolle spielt, konnten von den Behörden bislang noch nicht ermittelt werden und ist bislang flüchtig.

UPDATE, 13.10 Uhr:

Nach einer kurzen Unterbrechung der Verhandlung durch den vorsitzenden Richter Dr. Jürgen Zenkel wurde die Befragung des vermeintlich ersten Entführungsopfers fortgesetzt. Durch Fragen des Gerichts, der Staatsanwaltschaft und der Verteidiger der drei Angeklagten wurden Details des Tathergangs und Hintergründe weiter vertieft.

Gab der Zeuge am Anfang seiner Aussage noch an, vor der Entführung keine Schulden beim Angeklagten K. oder seiner Familie gehabt zu haben, fragte die Verteidigung an dieser Stelle nach, warum er sich dann auf die Aktion zur Wiedergutmachung überhaupt eingelassen habe. Der Geschäftsmann gab daraufhin an, herausfinden gewollt zu haben, ob er vielleicht doch Schulden habe.

Die Anwälte der Angeklagten versuchten im Anschluss weiter, die Glaubwürdigkeit des vermeintlichen Opfers in Frage zu stellen. So legten sie dem Geschäftsmann Schriftstücke der ukrainischen Polizei vor, die er selbst jedoch nie unterzeichnet haben will. Auf weitere Nachfrage gab der Zeuge dann an, von einem ukrainischen Polizisten in Zivil dazu genötigt worden zu sein, verschiedene Blätter zu unterschreiben. Was genau ihm vorgelegt wurde, könne er jedoch nicht mehr genau sagen.

Immer wieder trat bei der Befragung des Zeugen dabei die Frage in den Mittelpunkt, warum der Geschäftsmann nicht schon viel früher, erst recht wegen der massiven Gewaltanwendung gegen ihn, zur Polizei gegangen sei. Auch Richter Zenkel hakte bei einigen Unstimmigkeiten in den verschiedenen Aussagen bei der Polizei und heute vor Gericht des Geschäftsmannes ein. Der Zeuge selbst konnte in vielen Bereichen nur sehr vage Aussagen treffen. Nach der Befragung wurde die Verhandlung unterbrochen.

UPDATE, 10.35 Uhr:

Der zweite Prozesstag gegen die drei mutmaßlichen Entführer aus Baden-Würtemberg und Bayern begann mit der Aussage des ersten Entführungsopfers. Der 61-jährige Russlanddeutsche gab an, Ende 2013 vom Angeklagten K. in Kiew entführt worden zu sein. Unter dem Vorwand, der Familie des Angeklagten noch Geld zu schulden, soll der Geschäftsmann in die Ukraine gelockt worden sein. Um seine angebliche Schuld zu begleichen, habe man ihm angeboten, ein Geschäft abzuwickeln. Dazu sollte der Mann nach Kiew fahren, Geld übernehmen, einen Betonmischer kaufen und diesen anschließend nach Deutschland überführen. An dem Zeitpunkt, als der Geschäftsmann glaubte, das Geld zum Kauf zu übernehmen, soll er jedoch anstatt dessen vom Angeklagten entführt worden sein.

In seiner Aussage schilderte der Zeuge seine Verschleppung in den Keller eines Hauses mehr als 300 Kilometer vom Entführungsort entfernt. Gefesselt und geknebelt soll er dabei geschlagen und auch mit einer Waffe bedroht worden sein. In einem unbeobachteten Moment soll es ihm dann aber gelungen sein, seine Fesseln zu durchtrennen und aus dem Haus, in dem ihn der Angeklagte K, eine Frau und noch andere Personen festhielten, zu entkommen.

Nachdem der Geschäftsmann auf seiner Flucht von der Polizei aufgegriffen wurde, sei man zurück zum Haus gefahren, habe dort aber nicht mehr als seinen Knebel gefunden. Der Polizei in der Ukraine soll es aber kurze Zeit später gelungen sein, die vermeintlichen Täter, darunter auch den Angeklagten K., zu verhaften. Nach einer Befragung auf der Polizeiwache, so der Geschäftsmann, habe man die Entführer jedoch wieder laufen lassen. Er selbst sei daraufhin über die deutsche Botschaft in Kiew wieder nach Deutschland gereist.

Zurück aus der Ukraine in Altötting soll ihn der Angeklagte K. kurze Zeit später zuhause aufgesucht und mit einem Messer dazu gedrängt haben, ein Schuldeingeständnis zu unterschreiben, was er dann auch getan habe. Erst zwei Monate später will der Geschäftsmann dann das erste Mal Anzeige bei der Polizei erstattet haben.

Der Vorbericht:

Sergej K., Viktor D. und Vjaceslav L. sollen Ende 2013 und Anfang 2014 zwei Geschäftsleute entführt haben, um von den Familien und Bekannten der Opfer Geld zu erpressen; wir berichteten.

Im ersten Fall soll der in Kasachstan geborene Sergej K., zusammen mit zwei weiteren Personen, einen deutschen Geschäftsmann in Kiew verschleppt haben. In den Keller eines unbekannten Hauses verbracht, soll der Geschädigte gefesselt und fixiert worden sein. Kurz bevor die Lösegeldforderung an die Familie des Opfer aufgegeben werden konnte, soll dem Geschäftsmann die Flucht gelungen sein.

Bei der zweiten Entführung soll ein wohlhabender Geschäftsmann unter einem Vorwand nach Altötting gelockt worden sein. Nachdem die Angeklagten Sergej K., Viktor D. und Vjaceslav L. den Mann in seinem eigenen Auto entführt haben sollen, konnte die Polizei das Trio kurz vor Prag verhaften.

Peinliche Randnotiz des ersten Verhandlungstages: Bei der Fahrt zum Treffpunkt in Altötting, ging den Angeklagten zuerst das Benzin aus. Auch danach war das Trio vor Pannen nicht gefeit. Nachdem der Fahrer mit hoher Geschwindigkeit über einen Bordstein gerast war, musste noch vor Ort der Reifen gewechselt werden. Wie die Bild berichtet sei zudem die Tatsache, dass die vermeintlichen Kidnapper das Mobiltelefon des Entführten nicht ausschalteten, ausschlaggebend für deren Ergreifung gewesen.

Heute wird der Prozess vor dem Landgericht in Traunstein ab 9 Uhr fortgesetzt. Wir sind vor Ort und berichten aktuell von den Entwicklungen im Gerichtssaal.

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser