"Zum Ersten, zum..."

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"Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten": Werden die beliehenen Pfänder bei Ablauf der Frist nicht ausgelöst oder verlängert, kommen sie in die öffentliche Versteigerung wie diese Harmonika. Für den Käufer fällt, zusätzlich zum Zuschlagspreis, die Provision für den Auktionator Richard Kaufmann (links) an.

Rosenheim/Schechen - Wegen seines kleinen Sohnes auf dem Arm hatte er nur eine Hand frei. Doch die genügte dem Rosenheimer letztlich, um den Zuschlag für ein wahres Schnäppchen zu erhalten.

Von der Versteigerung des Pfandkredithauses kam der 38-Jährige dann zwar mit gut 700 Euro weniger auf dem Konto nach Hause; dafür aber mit einer Harmonika samt Alukoffer im Gepäck, die - da ist er sich sicher - regulär ein Mehrfaches gekostet hätte.

Mehr als 200 ganz unterschiedliche Posten - vom Kaffeeservice bis zum mit Topasen besetzten Collier, von der Lederjacke bis zum Notebook, vom Steckschlüsselsatz bis zur Profi-Filmkamera - waren es, die bei der ersten Rosenheimer Auktion des Jahres unter den Hammer kamen. Als ähnlich breit gestreut erwies sich auch die Kauflust der gut 120 Besucher im Pfarrheim in Pfaffenhofen, wohin die Veranstaltung wegen einer organisatorischen Panne kurzfristig verlegt worden war.

So wechselte in den ersten Minuten nicht nur ein Handy zum Preis von zwölf Euro den Besitzer; sondern der öffentlich bestellte und vereidigte Auktionator Richard Kaufmann brachte auch unter anderem einen Bestecksatz für 20 Euro und eine Rolex-Herrenuhr für gut 3400 Euro an den Mann beziehungsweise die Frau. Nicht umsonst gelten Auktionen allenthalben als Paradies für Schnäppchenjäger.

Für das Pfandstück als solches bedeutet indes die öffentliche Versteigerung gewissermaßen eine letzte Station im Geschäftsverlauf des "ältesten Kreditgewerbes der Welt", an dessen Beginn in Rosenheim das private Leihhaus in der Weinstraße steht. Seit 1927 betreibt die Familie Kaufmann nunmehr in der dritten Generation dort ihr Unternehmen, wo so gut wie alles, was handlich ist und einen gewissen Wiederverkaufswert hat, per Pfandschein schnell und unkompliziert zu Geld gemacht werden kann und: "Bei uns machen Sie keine Schulden", ergänzt Inhaber und Geschäftsführer Robert Kaufmann.

Vor vielen Jahren standen sogar einmal Lamas in den früheren Stallungen des Anwesens: Ein Zirkus war gerade nicht flüssig, musste aber Futter für seine Tiere kaufen. Heute zählen Boote und Sportwagen zu den Kuriositäten unter den Pfändern.

Fachwissen über Preziosen notwendig

Rund 4500 Geschäftsvorfälle - Beleihungen oder Verlängerungen - verbucht das einzige Pfandhaus zwischen München und Salzburg, einer von 139 Mitgliedsbetrieben im Zentralverband des deutschen Pfandkreditgewerbes, im Laufe eines Jahres. Erfahrung und ein umfangreiches Fachwissen, vor allem über Gold und Edelsteine, sind dabei ein unbedingtes Muss fürs "Geschäft mit dem Faustpfand", ebenso wie ein gewisses Kapitalpolster, geeignete Räume und nicht zuletzt ein tadelloser Leumund.

Wird ein Pfand nach fünf Monaten nicht gegen Rückzahlung der Kreditsumme plus Zinsen und Gebühren ausgelöst oder verlängert, wandert der Gegenstand in die öffentliche Versteigerung; sogar ein Lotus-Sportwagen und ein Harley-Davidson-Motorrad standen hier schon auf der Auktionsliste.

Erzielt das Pfand bei der Auktion einen Überschuss, steht dieser dem Kreditnehmer zu. Holt sich der allerdings den "Mehrerlös" binnen zweier Jahre nicht beim Pfandleiher ab, fließt dieses "herrenlose Geld" in den Stadtsäckel.

Was nicht versteigert wird, erwirbt der Pfandleiher im "Rückkauf". Über diese Posten kann er nun nach Belieben verfügen, beispielsweise im Schaufenster oder im Internet zum Verkauf anbieten; Goldschmuck wandert meist in die Schmelzanstalt.

Doch 90 Prozent der verpfändeten Gegenstände, schätzt Kaufmann, werden wieder abgeholt. Früher oder später, schmunzelt seine Mitarbeiterin und erzählt von einer mittlerweile verstorbenen Kundin, die 30 Jahre lang den Kredit für einen Nerzkragen verlängert somit wohl ein Zigfaches des tatsächlichen Wertes in Zinsen und Gebühren investiert hatte.

Den "typischen Pfandhaus-Kunden" allerdings gibt es Kaufmann zufolge nicht: "Zu uns kommen Menschen aus allen Schichten, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Millionär." Sei es, um die Zeit bis zum nächsten Zahltag zu überbrücken, oder aber, um ohne großen Verwaltungsaufwand einen, wenngleich verhältnismäßig teuren, kurzfristigen Investitionskredit zu erhalten. Für so manchen Stammkunden gehöre das regelmäßige Bezahlen von Zinsen und Gebühren einfach zum Leben, "so wie die Stromrechnung". Besonders groß aber ist der Zulauf in wirtschaftlich harten Zeiten; auch können dann viele Kreditnehmer ihre Pfänder nicht auslösen.

Übrigens: Bevor der frischgebackene Harmonika-Eigentümer seine Errungenschaft in Empfang nehmen konnte, musste er sich erst auf die Suche nach einem Geldautomaten machen. Schließlich lautet auch in Rosenheim das oberste Auktions-Gebot "meistbietend und gegen Barzahlung".

pil/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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