Weihnachtsaktion 2013 der OVB-Heimatzeitungen:

Weihnachtsaktion: Eine Perlenkette für Silvia

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Das Auffädeln von bunten Steckperlenketten ist für Dieter Hobby und feinmotorische Übung zugleich. Wenn Gruppenleiter Oliver Köhler assistiert, macht es noch mehr Spaß.

Rosenheim/Raubling - Charmeur, Schlitzohr, Perlenkettenfädler Nummer eins: So kennt man Dieter (50) in der Förderstätte der Wendelstein-Werkstätten in Raubling.

Mal mimt er den Schlafenden, mal versteckt er was. "Aber man kann ihm nie böse sein", sagt Oliver Köhler, sein Betreuer und Leiter der Gruppe 6, in der jahrzehntelange Männerfreundschaften gepflegt werden. Die Weihnachtsaktion der OVB-Heimatzeitungen soll dazu beitragen, dass sie noch lange anhalten.

Dieter, Franz und Moritz - alle mehrfach geistig und körperlich behindert - hatten es nicht leicht in ihrem Leben. Gemeinsam sind sie durch dick und dünn gegangen, haben Höhen und Tiefen erlebt. Schon vor Jahrzehnten, während ihrer gemeinsamen Schulzeit im Heilpädagogischen Zentrum (HPZ), war das so. Und auch heute sind sie unzertrennlich.

Deshalb ist die Förderstätte für das Männerquartett Anfang der 50, das von Andreas komplett gemacht wird, ein Glücksfall. Das gilt speziell für Dieter. 32 Jahre lang hat der Mann, der viel versteht, aber fast nichts sprechen kann und beim Gehen Hilfe braucht, in den Wendelstein-Werkstätten in Raubling sein Bestes gegeben.

Ein Arbeitstag ist dort lang und anstrengend. Jetzt packt Dieter dieses Pensum nicht mehr. Kraft, Konzentration und Ausdauer haben nachgelassen. Deshalb wechselte er 2006 von der Werkstätte in die Förderstätte. Dort ist er inzwischen besser aufgehoben. Nicht umsonst bezeichnet er die Mittagspause als sein "Lieblingshobby".

So steht Dieters Biografie beispielhaft für die Idee, die überhaupt erst zum Bau der Förderstätte vor zehn Jahren geführt hat. Damals hatten sich vor allem Landrat Josef Neiderhell (damals noch Raublings Bürgermeister) und Martin Georgii, Einrichtungsleiter der Caritas-Wendelstein-Werkstätten in Rosenheim und Raubling, so lange für das Modell stark gemacht, bis alle Hürden genommen waren. Ihr Ziel: In der Region ein Netzwerk für Menschen mit Behinderung zu schaffen, das an Humanität, Vielseitigkeit und Durchlässigkeit gewinnt.

Das Ergebnis: Menschen mit Förderbedarf, die nicht, noch nicht oder nicht mehr fähig sind, in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, finden in der Förderstätte einen Lebensraum, in dem sie sich ihren Fähigkeiten, Wünschen und Defiziten entsprechend entfalten können.

Ohne die Förderstätte würde dies für Dieter bedeuten: wieder ganz zurück zu den Eltern (die selbst ja auch in die Jahre kommen) oder ins Heim. Mit der "Männerwirtschaft" in der Gruppe 6 wäre es dann auch schnell vorbei - wobei zu betonen ist, dass es sich um einen reinen Tagesbetrieb handelt. Denn wie in der Werkstatt nebenan wird abends auch in der Förderstätte der Laden dicht gemacht. Geschlafen wird daheim, bei den Angehörigen oder in einer Vollpflegestation - und das ist gut so. Die Trennung in zwei Lebenswelten gehört zum Förderstättenkonzept. Es eröffnet Frauen und Männern einen zweiten Lebensraum, in dem sie trotz ihrer Behinderungen im wahrsten Wortsinn mit Leib und Seele Mensch sein können. So "arbeitet" Dieter beim Perlenkettenfädeln mit Hingabe an seinen feinmotorischen Fähigkeiten, macht gymnastische Übungen, entspannt bei leiser Musik und sanften Lichteffekten im angenehm warmen Snoezelenraum und genießt es, dass seine Meinung Freunden, Betreuern und Therapeuten wichtig ist.

Fälle wie Dieter gibt es viele, die Nachfrage ist groß. Deshalb wird die Förderstätte erweitert und das Angebot von 36 auf 60 Plätze nahezu verdoppelt. Die Weihnachtsaktion "Menschen mit Behinderung mitten unter uns" soll dafür sorgen, dass die neuen Aufenthalts- und Therapieräume so gut, wohnlich und bedarfsgerecht wie möglich ausgestattet werden.

Dieter und seine Spezln in der Gruppe 6 könnten davon in besonderem Maß profitieren. Dass sie den Großteil ihres Alltags in einer umfunktionierten Hausmeisterwohnung verbringen (eine Folge der Platznot), ist dem Aufenthaltsraum anzusehen. Etwas mehr Gemütlichkeit und eine rollstuhlgeeignete, größere Terrasse könnte er schon vertragen.

Darüber würde sich auch Silvia (53) freuen. Die Frau aus Großkarolinenfeld ist vor kurzem dazu gekommen und sorgt nun als einziges "Frauenzimmer" für viel frischen Wind in der einstigen "Männerwirtschaft". Vor allem Dieter, der Kavalier der alten Schule, ist sichtlich angetan von ihr. Wem er die Steckperlenkette schenken wird, braucht man ihn erst gar nicht zu fragen.

Ludwig Simeth (OVB-Heimatzeitungen)

Quelle: rosenheim24.de

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