Ein Parkhaus, in dem niemand parkt

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Gähnende Leere in dem Teil des Parkhauses, der von der Westerndorfer Straße aus zu sehen ist. Bei der Rosenheimer Wohnbaugesellschaft (GRWS) weist man den Vorwurf der Fehlplanang zurück.

Rosenheim - An der Westerndorfer Straße steht ein Parkdeck komplett leer. Tausende von Autofahrern passieren die Stelle täglich und wundern sich.

Die Rosenheimer Wohnbaugesellschaft (GRWS) hat es für das Wohnquartier Lessingstraße gebaut. Den Vorwurf der Fehlplanung weisen die Verantwortlichen zurück. Sie sagen, sie hätten für die Zukunft gebaut. Die Mieterstruktur werde sich wandeln, und dann würden alle froh sein über diese Parkplätze.

Wir sprachen mit Joachim Seethaler, dem technischen Leiter der GRWS und dem Prokuristen Peter Peise. Auch Stefan Ludwig, der neue Geschäftsführer der GRWS, nahm an dem Gespräch teil.

Diese Garage an der Westerndorfer Straße ist ein merkwürdiger Anblick. Alles steht leer. Nur die Besucherplätze, die nichts kosten, sind ständig belegt. Das sieht nach Fehlplanung aus.

Seethaler: Die Leute, die dort wohnen, sprechen nicht von Fehlplanung. Sie waren ja maßgeblich beteiligt an der gesamten Entwicklung.

Das Parkhaus war aber nicht unumstritten. Etliche der Bewohner hatten sich dagegen gewehrt.

Seethaler: Das stimmt. Es ging jedoch nicht nur um das Parken, der Bau ist auch Schallschutz für die Häuser in der Lessingstraße. Der funktioniert hervorragend.

Peise: Man muss sehen, dass es ohne das Parkdeck nicht wirklich die geschützten Wohnhöfe dahinter gäbe, da hätte man dann einen Lärmschutz anderer Art machen müssen.

Mag sein, aber ein Parkhaus ist nun einmal zu allererst zum Parken da.

Seethaler: Was diejenigen, die vorbeifahren, nicht sehen, ist, dass es sich um zwei übereinandergeschobene Parkdecks handelt, auf denen wir ingesamt 139 Plätze anbieten. Die untere Ebene mit 81 Plätzen - alle vermietet - fährt man über die Lessingstraße an, die obere über die Westerndorfer Straße....

...wo seit der Eröffnung 2009 kein einziger Platz vermietet ist.

Peise: Dass wir es nicht vom ersten Tag an vollkriegen würden, das war uns klar.

Seethaler: Das kennen wir aus anderen Anlagen. Aber natürlich hätten wir es uns ein bisschen flotter gedacht.

Haben Sie am Bedarf vorbeigebaut?

Seethaler:Ganz sicher nicht. Nach aktuell gültiger Stellplatzsatzung der Stadt Rosenheim würde das dahinter liegende Wohnquartier einen Bedarf von 320 Stellplätzen auslösen. 14 Stellplätze sind an der Lessingstraße ebenerdig angeordnet, 153 Stellplätze hat das Parkdeck, macht zusammen 167 Stellplätze. Damit decken wir sowieso nur 52 Prozent ab, also ziemlich genau die Hälfte gemäß Stellplatzsatzung.

Das eine ist die Theorie der Stellplatzsatzung, das andere die Praxis der Verweigerung. Warum wird das Parkhaus aus Ihrer Sicht nicht angenommen?

Seethaler: Bei der Westerndorfer Straße handelt es sich um eine Bundesstraße, und da war es uns nicht erlaubt, Linksabbiegen zuzulassen (Anmerkung der Redaktion: Beim Anfahren der kostenfreien Besucherparkplätze wird dies täglich missachtet). Ausgefahren werden darf also auch nur nach rechts.. Das Untergeschoss ist wohl deshalb voll vermietet, weil es günstig angefahren werden kann und weil es den Charakter einer geschlossenen Tiefgarage hat, offenbar haben die Mieter den Eindruck, hinter dem Rolltor seien ihre Fahrzeuge sicherer. Die Stellpätze oben sind halt komplett offen.

Gibt es Überlegungen, das zu ändern?

Seethaler: Das wäre kein Problem, wir haben auch schon entsprechende Angebote, wir müssen überlegen, ob das wirklich das maßgebende Kriterium ist.

Zumindest wären die leeren Plätze von außen nicht mehr sichtbar.

Seethaler: Doch, das muss für die Durchlüftung offen bleiben. Vielleicht kann man etwas mit Gittern machen.

Jedenfalls bieten Sie den Mietern Parkplätze an einer Stelle an, die ihnen nicht passt. Die parken halt woanders.

Seethaler: Es gibt viel öffentlichen Parkraum in der Lessingstraße, der umsonst ist, während ein Platz in der Garage 30 Euro im Monat kostet. Unsere Mieterklientel ist nicht unbedingt am oberen Ende der Einkommensverhältnisse angesiedelt. Beim Stellplatz wird ziemlich schnell gespart, solange draußen was zu finden ist. .

Ludwig: Der fehlende Parkdruck im öffentlich Parkaum spielt natürlich eine große Rolle. Wenn da Halteverbotsschilder wären, wären wir voll. Es gibt viele Mieter, die schon jahrelang dort wohnen. Denen kann man nicht, wie bei einem neuen Vertrag, sagen, sie müssten jetzt einen Garagenplatz mit dazunehmen. Und viele Menschen, die dort wohnen, sind froh, wenn sie was im Kühlschrank haben. Die verzichten auf das Parken im Parkhaus am ehesten.

Wollen Sie denn die künftigen Verträge in dieser Weise abschließen?

Ludwig: Wir werden die Garagenplätze anbieten. Aber richtigen Druck können wir nicht machen.

Seethaler: Wir sind auch nicht diejenigen, die zur Stadt laufen und sagen, da muss ein absolutes Halteverbot her, damit wir das Parkhaus vollkriegen.

Das würden Ihnen die Leute auch übelnehmen.

Seethaler: Ja sicher. Ich kann nur sagen, wir müssen insgesamt an die langfristige Vermietbarkeit der Wohnungen denken und das geht nicht ohne Parkraum.

Es sieht trotz der genannten Zahlen so aus, als hätten Sie zu groß gebaut.

Seethaler: Hätten wir nur die Hälfte gebaut, und mit der Zeit kommt eine Riesen-Stellplatznachfrage, da sagt man dann, seid ihr nicht noch dümmer, jetzt hattet ihr doch schon eine Baustelle und ihr habt das nicht geregelt.

Peise: Das Parkhaus, die Außenanlagen in der Lessingstraße und der Vorplatz haben 2,4 Millionen Euro gekostet. Davon kamen 1,2 Millionen Euro aus dem Topf Soziale Stadt. Es war eine Möglichkeit, die Stellplätze jetzt zu realisieren, und nicht abzuwarten, bis sich das Problem stellt. Wir haben bei der bürgerfreundlichen Neugestaltung des Quartiers die Tiefgarage unter dem Vorplatz in der Lessingstraße abgerissen, gleichfalls die Garagen entlang der Lessingstraße, also rund 80 Stelllplätze vernichtet. Dafür mussten wir auf jeden Fall Ersatz schaffen.

Woher sollen denn die Autos kommen, die in Zukunft das Parkhaus füllen?

Seethaler: Es ist ein Strukturwandel bei den Mietern im Gange. Viele der Ältern haben gar kein Auto. Jetzt ziehen wieder mehr junge Familien ein, da ist ein größerer Bedarf absehbar. Viel schlimmer wäre es für uns, wenn wir in fünf Jahren keine Stellplätze mehr hätten und dann Wohnungen leerstehen würden, weil wir sie nicht vermieten können.

Ludwig: Das Rechnungsprüfungsamt hat den gesamten Vorgang geprüft. In seinem Bericht wurde den Entscheidern wegen der Größenordnung kein Vorwurf gemacht, weil die ganzen Zahlen eigentlich wunderbar zusammenpassen. Es ist das Ausweichen in den öffentlichen Parkraum, gepaart mit der geringen finanziellen Belastbarkeit der Mieter, was die Situation im Moment prägt. Sie kratzen lieber Eis von den Scheiben als 30 Euro im Monat zu zahlen.

Interview: re/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser