"Wie eine große Familie"

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Rosenheim - Schausteller führen ein modernes Nomadenleben. Sie reisen fast das ganze Jahr von Ort zu Ort. Wohnwagen sind ihr Zuhause und diese gestalten sie sich gemütlich.

Darum wirkt ihre "Residenz" während des Rosenheimer Herbstfestes auch wie ein kleines, eigenständiges Dorf inmitten der Stadt.

Untergebracht sind die meisten Schausteller der Wiesn gleich neben der Loretowiese auf dem Parkplatz "Kaiserbad". Die Fläche ist nicht groß und somit steht dort derzeit Wohnwagen neben Wohnwagen. Diese Enge scheint die Schausteller aber nicht zu stören. "Wir fühlen uns eben als große Familie", sagt dazu Margarete Agtsch vom Fahrgeschäft "Free Style".

Für die 60-Jährige ist das Leben auf dem "Rummel" eine Selbstverständlichkeit. Schon ihre Eltern und Großeltern waren im Schaustellergewerbe tätig. In München hat Familie Agtsch ihren festen Wohnsitz, doch die meiste Zeit verbringt sie in den Wohnwagen. "Ich fühle mich dort auch rundum wohl", erzählt Margarete Agtsch. Denn an Bequemlichkeit fehle es dort überhaupt nicht.

Stolz führt die Schaustellerin ihren Wohnwagen vor, der sich nach dem Aufstellen auf Knopfdruck verbreitern lässt. Auf rund 40 Quadratmetern Wohnfläche findet sich alles, was auch in einem "normalen" Zuhause vorhanden ist: Küche, Schlafraum, Büro, Bad und sogar ein gemütliches Kinderzimmer für die zweijährige Enkeltochter.

"Alles ist da, aber eben nur eine Spur kleiner", beschreibt Margarete Agtsch ihre Räumlichkeiten. Selbst Spülmaschine, Mikrowelle und Fernseher fehlen nicht. Von derartigem "Luxus" wussten ihre Großeltern noch überhaupt nichts: "Die waren noch in einem Pferdewagen unterwegs."

Besonders freut sich Margarete Agtsch derzeit darüber, dass ihrem Wohnwagen in Rosenheim ein Platz gleich neben einer ganz kleinen Grünfläche mit Bäumchen zugewiesen wurde. Genau darunter platzierte sie Gartentisch und Stühle. Dort wird jetzt bei schönem Wetter gefrühstückt und am Abend nach einem langen Tag auf dem Herbstfest entspannt.

Nicht selten wird dabei auch mit den "Nachbarn" geratscht. "Natürlich lernt man sich so eng beieinander kennen", erzählt die Schaustellerin. Es sei tatsächlich so wie in einem kleinen Dorf: "Da kommt auch mal jemand vorbei und bittet um eine Zwiebel oder eine Haushaltsrolle".

Margarete Agtsch kann dem Leben im Wohnwagen eigentlich nur positive Seiten abgewinnen: "In großen Miets-Kasernen ist das Leben doch viel kälter. Das wäre nichts für mich."

Claudia Fahrenschon müsste derzeit eigentlich nicht im Wohnwagen leben. Denn ihr fester Wohnsitz befindet sich in Rosenheim. Trotzdem findet man auch sie bis zum Ende der Rosenheimer Wiesn auf dem Parkplatz "Kaiserbad". "Es würde keinen Sinn machen, dass ich für einige Wochen die ganzen Sachen aus dem Wohnwagen auspacke", erklärt die 45-jährige Schaustellerin.

Sehnsucht nach ihrem festen Wohnsitz verspüre sie überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: "Wenn es nach der Ruhepause im Winter wieder losgeht, bin ich immer richtig froh."

Vor dem Wohnwagen der Familie Fahrenschon ersetzt ein Rasenteppich eine echte Wiese. Bei der Aufgangstreppe steht ein kleines Gewürzbäumchen und auf der Veranda hängt die frischgewaschene Wäsche. Daneben stehen einige Blumentöpfe und an der Eingangstüre warnt ein kleines Holzschild vor dem Familienhund - Der einzige Unterschied zu einem gewöhnlichen Eigenheim besteht auch bei Familie Fahrenschon nur aus der Mobilität.

Natürlich besitzt Claudia Fahrenschon keinen eigenen Garten und die "Nachbarschaft" ist nicht einmal einen Meter entfernt, doch das stört sie überhaupt nicht: "Es ist ja auch nicht jeder Platz gleich. Zuletzt stand unser Wohnwagen nur wenige Meter von einem See entfernt. Das war toll."

Nadine Berger gehört zum Laufgeschäft "Action House". Zusammen mit ihrem Lebenspartner und einigen Angestellten teilt sie sich ihren Wohnwagen auch noch mit den drei Hunden "Rocki", "Goofy" und "Killer".

Trotzdem beklagt sich auch die 36-Jährige nicht über Enge: "Wir alle haben unseren Platz. Uns fehlt es an nichts."

Nadine Berger gehört ebenfalls einer langen Schausteller-Tradition an, kehrte aber für drei Jahre dem Rummel den Rücken: "Danach wollte ich aber unbedingt wieder zurück. Ohne den ganzen Trubel fehlt mir etwas."

Der Wohnwagen, in dem sie lebt, erstrahlt derzeit in großer Blütenpracht. An der ganzen Vorderfront hängen blühende Geranien. Liebevoll hegt und pflegt Nadine Berger ihre Pflanzen und wenn sie Zeit hat, spielt sie gerne mit ihren drei Hunden: "Wir führen eben ein ganz normales Leben.

Karin Wunsam (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © jre

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