Demjanjuk: Was passierte in der Todesnacht?

+
Der in einem Pflegeheim in Bad Feilnbach verstorbene frühere KZ-Wachmann John Demjanjuk

Bad Feilnbach/Rosenheim - Der Fall von John Demjanjuk nimmt auch nach seinem Tod kein Ende. Seine Familie klagt die Ärzte wegen Falschbehandlung an. Der ganze OVB-Artikel:

Die Begründung für die Strafanzeige: Die verabreichten Schmerzmittel hätten zum Tod des ehemaligen KZ-Wachmannes geführt.

Erst durch die Todesermittlungsakten im Zuge der Obduktion hat Demjanjuks Verteidiger davon erfahren, dass seinem Mandanten das Schmerzmittel "Novalgin" verabreicht wurde. Dr. Ulrich Busch, mittlerweile auch Anwalt der Hinterbliebenen: "2000 Milligramm pro Tag war die Dosis." Busch will vom medizinischen Dienst des Herstellers Ratiopharm erfahren haben, dass das Mittel nicht für Patienten mit Leukämie geeignet sei.

Todesnacht: Arzt habe telefonisch Zusatzdosis verordnet

Lesen Sie auch:

Demjanjuk soll in den USA beigesetzt werden

Obduktionsergebnis veröffentlicht

Demjanjuk ist tot

Demjanjuk hatte indes eine Vorstufe der Leukämie. Seit September 2011 sei dem 91-Jährigen das Medikament verabreicht worden, in der Todesnacht weitere 750 Milligramm. "Mein Mandant hatte damals kurz nach Mitternacht den Alarmknopf gedrückt und über Brust- und Bauchschmerzen geklagt. Der Pfleger, kaum Englisch sprechend, hat daraufhin einen Arzt verständigt. Dieser ordnete telefonisch die Zusatzdosis von Novalgin in Tropfen an", so Busch.

Vier Stunden später wurde Demjanjuk tot in seinem Bett aufgefunden. "Ein Arzt hätte meinen Mandanten untersuchen müssen oder man hätte den Notarzt rufen müssen", moniert der Anwalt. Die aktuelle Strafanzeige, bei der Staatsanwaltschaft Rosenheim am Montag eingegangen, richtet sich gegen alle Demjanjuk behandelnden Ärzte. Busch: "Ich gehe davon aus, dass das Medikament falsch war und zum Tode geführt hat." Demjanjuks Witwe und sein Sohn wollen die Schuldfrage geklärt wissen.

Nicht nachvollziehbar ist für die Hinterbliebenen und den Anwalt, dass in den Todesermittlungsakten der Universität München Novalgin im Blut von Demjanjuk nachgewiesen, nicht aber die Menge geprüft wurde. "Den Unterlagen zufolge wurde auf eine derartige Feststellung verzichtet. Bei anderen Medikamentenspuren ist die Menge aber nachgewiesen worden", so Busch. Der Anwalt stellt sich auf ein langwieriges Verfahren ein.

Land hat eine Fürsorgepflicht

Busch weist daraufhin, dass die Bundesrepublik Deutschland mit der Zwangsausweisung Demjanjuks (durch die USA) die volle Fürsorgepflicht für den 91-Jährigen übernommen habe. Damit sei auch die korrekte medizinische Versorgung verbunden gewesen.

Die Staatsanwaltschaft Rosenheim bestätigte gestern den Eingang der Strafanzeige. Sie will nun die Vorwürfe prüfen. Es könne aber dauern, bis ein Ergebnis vorliege, so Oberstaatsanwalt Jürgen Branz. Die Anzeige würde eine Fülle von Straftaten beinhalten, summa summarum seien diese auf den Nenner "Verdacht auf eine Falschbehandlung" zu bringen. Sollte die Staatsanwaltschaft tatsächlich eine rechtsstaatliche Schuld der Ärzte feststellen, behält sich Busch im Namen der Hinterbliebenen Schadensersatzforderungen vor.

Staatsanwaltschaft prüft Vorwürfe

Demjanjuk war im Mai 2011 wegen Beihilfe zum Mord an 27900 Juden im Vernichtungslager Sobibor schuldig gesprochen und zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil wurde nie rechtskräftig. Der damalige Richter am Landgericht München II hatte das Urteil wegen Unverhältnismäßigkeit (Altersgründe) ausgesetzt. Die Revisionanträge sowohl von Verteidigung wie von Staatsanwaltschaft erloschen mit dem Tode des 91-jährigen gebürtigen Ukrainers. Bis zuletzt lebte Demjanjuk in einem Pflegeheim in Bad Feilnbach.

Silvia Mischi/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser