Wir machen den Faktencheck

Ist Naidoo schwulenfeindlich, antisemitisch und ein Reichsbürger?

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Xavier Naidoo steht in Rosenheim in der Kritik
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Rosenheim - Das Bündnis "Kein Hass auf Rosenheims Bühnen" hat am Montag einen Offenen Brief veröffentlicht, in dem der Stadtrat dazu aufgerufen wird, den Auftritt von Xavier Naidoo mit den Söhnen Mannheims beim Sommerfestival abzusagen. 

Unterzeichnet haben den Offenen Brief die Rosenheimer Bundestagskandidaten von SPD, Grünen und Die Linke, der SPD Unterbezirk Rosenheim Stadt, die Grüne Jugend Rosenheim, Attac Rosenheim und weitere Organisationen, Vereine und Einzelpersonen. 

Kommentar: 

"Am Ende droht ein finanzielles Desaster"

In dem Offenen Brief ist die Rede von "vielseitigen Verschwörungstheorien, antisemitischen Äußerungen und expliziten Hassbotschaften" in Naidoos Songs und öffentlichen Auftritten. 

Deshalb machen wir jetzt hier den Faktencheck: Was ist dran an den Vorwürfen?! 

1. Ist Xavier Naidoo homophob? 

Der Vorwurf Schwulenfeindlichkeit wird aus dem Lied „Wo sind sie jetzt?" (2012 mit Kool Savas) abgeleitet. Dort heißt es: "Ihr habt einfach keine Größe und Eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst Du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?" Homosexualität werde hier mit Pädophilie gleichgesetzt. 

Als die Kritik an dem Song laut wurde, reagierten Naidoo und Kool Savas auf Facebook. Xavier Naidoo schrieb in seinem Statement: "Ich stehe, seit ich denken kann, mit der katholischen Kirche auf Kriegsfuß, weil sie Schwule, Lesben und Transsexuelle nicht respektiert und akzeptiert. Diese Haltung ist völlig inakzeptabel, und wer gegen diese Menschen Verachtung und Hass aufbringt, der hat Jesus nicht verstanden."

2. Ist Xavier Naidoo antisemitisch? 

Auch dieser Vorwurf leitet sich vor allem aus einem Song Naidoos ab ("Raus aus dem Reichstag", aufgenommen zur Bundestagswahl 2009). 

In einem Offenen Brief schreibt das Bündnis "Kein Hass auf Rosenheims Bühnen" dazu: In dem Lied würden sich "eindeutig antisemtische Sprachcodes" finden, etwa wenn von "Baron Totschild" (Anspielung auf die jüdische Bankiersfamilie Rothschild) die Rede ist. 

Weiter singt er: "Der Schmock ist'n Fuchs und ihr seid nur Trottel". Schmock ist ein jiddisches Schimpfwort und steht für einen unangenehmen Menschen der gehobenen Gesellschaft. Die Kritik an Banken werde mit dem Klischee des Bankier-Juden verbunden, der als Drahtzieher für das Übel der Welt verantwortlich ist.

Zur ganzen Wahrheit gehört aber, dass Naidoo in diesem Song auch beispielsweise von der "Keinherzbank" (Commerzbank) singt. Die Wörter Jude, jüdisch oder Israel werden in dem Lied nicht erwähnt. Fraglich, ob die breite Masse die Sprachcodes entschlüsseln kann, die von antifaschistischen Gruppierungen in dem Song ausgemacht wurden. 

Tatsächlich ist der Song eine Bankenkritik - keine Religionskritik. Eine weitere Textzeile lautet: "Deutsche Bänker, unser Schandfleck. Lieben jedes krumme Ding".

Auf die Vorwürfe entgegnete Naidoo in einem Interview mit dem Stern: "Ich habe mich mit so vielen musikalischen Projekten wie beispielsweise 'Brothers Keepers' oder 'Rock gegen Rechts' rechten Gruppierungen entgegengestellt. Dafür bekam ich auch Morddrohungen. Auch habe ich vor ein paar Jahren mit den Söhnen Mannheims in der Oper von Tel Aviv für eine Verständigung zwischen Israel und Deutschland gesungen." 

Bei diesem Auftritt in Tel Aviv sang Naidoo übrigens "Adon Olam" (Herr der Welt), ein uraltes hebräisches Gebet. Würde das ein Antisemit tun? 

3. Xavier Naidoo und die Reichsbürgerbewegung

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Keine Frage: Hier besteht eine fragwürdige Nähe. So sprach er 2011 im ARD-Morgenmagazin davon, dass Deutschland besetzt und "kein echtes Land und nicht frei" sei. 

In einem Stern-Interview erzählte er, wie er angetrunken im Jahr 2010 in Mannheim den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler anzeigen wollte, weil dieser mitgeholfen habe, in Deutschland „ohne verfassungsrechtliche Legitimation" den Euro einzuführen. Auf der Polizeiwache verstanden die Polizisten von dem alkoholisierten Sänger jedoch immer nur "Hochfahrrad". "Die dachten, ich sei völlig hirnverbrannt", erinnerte er sich. Schließlich musste Naidoo einen Alkoholtest machen.

Am 3. Oktober trat Naidoo vor 300 Reichsbürger auf einer "Montagsmahnwache für den Frieden" vor dem Bundestag auf. Dort kritisierte er die Drohnenangriffe der USA, die vom Militärbündnis in Rammstein aus gesteuert wurden. Als er noch vor Ort von Gegendemonstranten verbal attackiert wurde, sagte er: "Ich habe keine Ahnung, wer hier steht. Ich repräsentiere die Liebe. Ihr dürft mir jetzt keinen Strick daraus drehen."

In einem Interview mit dem SWR erklärte Naidoo,er spreche zu den „Menschen der Mahnwachen und zu den Menschen, die sich 'Reichsbürger' nennen, weil es alles Systemkritiker sind so wie ich".

Als 2015 nach seiner Nominierung für den Eurovision Song Contest eine neue Kritikwelle hochschwabbte wurde, rechtfertigte sich Naidoo in einem Statement auf der NDR-Homepage: "Mit meinem ganzen Wesen stehe ich für ein weltoffenes und gastfreundliches Deutschland und einen respektvollen sowie friedlichen Umgang miteinander". Er stehe für ein für die Werte Freiheit, Toleranz und Liebe. 

Dutzende Prominente bekundeten daraufhin ihre Solidarität mit dem Sänger, darunter Herbert Grönemeyer, Jan Delay, Jan Josef Liefers oder Til Schweiger. 

Fazit: 

Möglicherweise hat Xavier Naidoo eine gewisse Nähe zu Verschwörungstheorien, radikalchristliche Ansichten und so manchen Gedankengang, den man schwerlich nachvollziehen kann. 

Er hat sich jedoch nie in dieser Hinsicht strafbar gemacht. Weder der Volksverhetzung noch durch das Tragen von Kennzeichen verfassungswidrigen Organisationen. Wie die Stadt Rosenheim schon schrieb: Gegen Naidoo gibt es keine anhängigen Gerichtsverfahren. Es gibt somit keine Rechtsgrundlage, den Künstler vom Sommerfestival 2017 auszuschließen.

Quelle: rosenheim24.de

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