Gerichtsprozess abgeschlossen

Totschläger-Urteil: 6 Jahre und 6 Monate

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Wenige Tag nach einer tätlichen Auseinandersetzungen mit einem Bekannten am Bahnhof, erlag Markus Till seinen Verletzungen im Krankenhaus
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Traunstein/Rosenheim - Richter Erich Fuchs fällte am Donnerstagnachmittag das Urteil: Nach dem Tod von Markus Till am Rosenheimer Bahnhof muss der Täter hinter Gittern.

UPDATE 15.35 Uhr: Urteil und die Begründung des Richters

6 Jahre und 6 Monate Haft wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge, die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt nach Verbüßen von 15 Monaten der Strafe und die Auferlegung der Kosten. So lautet das Urteil gegen den 44 Jährigen, der den Tod von Markus Till nach einer Schlägerei am Rosenheimer Bahnhof zu verantworten hat.

Man sei schließlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft geblieben und habe "nur" eine Strafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge verhängt weil man den Tötungswillen des Angeklagten in der Beratung nicht zwingend erkennen konnte, so Richter Erich Fuchs in seiner Urteilsbegründung.

"Das ist ganz unabhängig davon zu sehen, dass der Tod dieses Menschen völlig unnötig war." Ein blinder, alkoholbedingter Ausbruch des einschlägig vorbestraften Angeklagten führte schließlich auch zu gravierenden Folgen für die Familie des Opfers, so Richter Fuchs abschließend.

UPDATE 14.55 Uhr: Die Plädoyers

"Die Einlassung des Angeklagten wurde im Laufe der Hauptverhandlung teilweise bestätigt, aber auch widerlegt", erklärt Staatsanwalt Bernd Magiera in seinem Plädoyer. Die meisten Zeugen hatten das Geschehen nur episodenhaft beobachten konnten, was eine genaue Rekonstruktion der Vorgänge stark erschwere.

Die Staatsanwaltschaft geht aber auch nach den Aussagen der Zeugen und Gutachter weiter davon aus, dass nachweislich mindestens ein Schlag mit massiver Gewalt vom Angeklagten gegen das Opfer Markus Till geführt wurde. Die Folge dieses Schlages sei schließlich der Tod des Opfers im Krankenhaus in Vogtareuth gewesen. Aufgrund der Tatsache, dass ein Tötungswille beim Angeklagten zum Zeitpunkt des Schlags nicht nachzuweisen war, sah sich der Staatsanwalt in seiner Schlussfolgerung bestätigt, eine Strafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fordern. "7 Jahre und drei Monate halte ich für Tat­ für ­angemessen", so Magiera in seinem Plädoyer.  "Er weiß ganz genau, was er mit seinen Fäusten anrichten kann."

Die Vertreterin der Nebenklage konnte in ihrem Plädoyer eine Tötungsabsicht durchaus erkennen. Alleine die eigene Aussage und das Verhalten des Angeklagten direkt nach der Tat – "Oh, da ist was schlimmes passiert" und das anschließende Verschleiern der Tat gegenüber den Polizisten – lasse die Anwältin der Familie von Markus Till zu dem Schluss kommen, dass der Tod des Opfers vom Angeklagten zumindest billigend in Kauf genommen wurde. Die Höhe der Strafe stellte die Nebenklagevertreterin in das Ermessen des Gerichts.

Die Pflichtverteidigerin des Angeklagten, Gabriele Sachse, berief sich in ihrem Plädoyer auf die nicht lückenlose Aufklärung der mehrgliedrigen Abläufe am Tattag. Eine Tötungsabsicht könne sie beim Angeklagten "in keinster Sicht" erkennen. Entsprechende Äußerungen des Angeklagten hätten sich auf andere Vorgänge vor der Tat bezogen. 

Das massive Alkoholproblem führe schließlich zum sogenannten Hang zu Straftaten. Auch sein Geständnis und das ausgedrückte Bedauern in Bezug auf den Tod von Markus Till müssten strafmildernd berücksichtigt werden.

Gabriele Sachse plädierte deshalb auf Körperverletzung mit Todesfolge und bat das Gericht, unter der Forderung der Staatsanwaltschaft zu bleiben.

Seine letzten Worte richtete der Angeklagte an die Familie von Markus Till, die sich ebenfalls im Gerichtssaal befand. Unter Tränen entschuldigte er sich für seine Tat: "Es tut mir Leid. Ich wollte das nicht. Es ist einfach passiert."

Das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Erich Fuchs zof sich daraufhin zur Urteilsberatung zurück.

UPDATE 13.20 Uhr: Angeklagter hatte zur Tatzeit 2,3 Promille

Laut Gutachten soll der Blutalkoholwert des Angeklagten zum Tatzeitpunkt rund 2,3 Promille betragen haben. Für Markus Till ergäben sich Werte um 3 Promille. Zusätzlich erzielte die chemisch-toxikologische Untersuchung beim Opfer Hinweise auf Spuren von sogenannten Ausweichmedikamenten, Arzneimittel die als Drogenersatz genommen werden. Noch vor dem letzten Gutachten wurde das Bundeszentralregister des Angeklagte verlesen. Insgesamt finden sich dort zehn Einträge. Neben mehrfachem Diebstahl, Betrug und unerlaubtem Waffenbesitz finden sich dort vornehmlich Einträge, die dem Verhalten des Angeklagten im Fall von Markus Till stark ähneln. Der Angeklagte wurde so bereits in der Vergangenheit zweimal wegen gefährlicher und zweimal wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt.

In seinem psychologischen und psychiatrischen Bericht beschrieb der Gutachter keine akuten Erkrankungen. Auch Anzeichen für dissoziale Persönlichkeitsstörungen seien nicht erkennbar. Somit komme auch keine verminderte Schuldfähigkeit in Frage. Eine starke Alkoholabhängigkeit sei aber durchaus erkennbar, so der Gutachter. Ein Hang zu übermäßigem Alkoholkonsum und damit einhergehende aggressive Verhaltensmuster ließen den Psychologen zu dem Schluss kommen, dass eine suchtspezifische Therapie im Fall des Angeklagten anzuwenden sei. Den Therapiezeitraum empfahl der Gutachter mit zwei Jahren.

Nach der Mittagspause sollen dann schon die Plädoyers gehalten werden!

UPDATE 12.25 Uhr: "Nur" Körperverletzung mit Todesfolge?

Neue Erkenntnisse konnten auch aus den Protokollen der polizeilichen Vernehmungen nicht entnommen werden. Die drei Sachverständigen berichteten im Folgenden über die Erkenntnisse ihrer Untersuchungen.

Zuerst stellte der Rechtsmediziner der TU München seien Bericht der Obduktion von Markus Till vor. Aufgrund des Verletzungsmusters geht der Mediziner davon aus, dass drei einzelne Tritte oder Schläge stattgefunden haben müssen. Eine genaue zeitliche Einordnung sei aufgrund von Rückbildungserscheinungen nicht mehr möglich. Die Untersuchung hatte rund eine Woche nach der Tat stattgefunden.

Als Todesursache machte der Rechtmediziner das Anschwellen des Gehirns nach einem Schlag gegen den Unterkiefer verantwortlich. Die Kraft, die dabei gegen den Kopf des Opfers wirkte, habe zu einem sogenannten Rotationstrauma geführt. Dabei sollen dann auch die Blutgefäße gerissen sein, die zu einer Einblutung im Kopf von Markus Till geführt haben. "Auch wenn man sofort Maßnahmen ergriffen hätte, glaube ich nicht, dass eine Rettung noch möglich gewesen wäre", so der Mediziner. Zusätzlich entdeckte die Rechtmedizin noch Spuren am Hals und dem Ohr des Opfers, die zu den beschriebenen Handlungen, dem Schwitzkasten, passen.

Ein Neuro-Pathologe bestätigte die Angaben des Rechtsmediziners. Für die Verletzungen am Gehirn des Opfers könnten nur zwei Ursachen verantwortlich sein. Eine Möglichkeit könnte eine gerade Beschleunigung des Kopfes nach einer großen Kraft von hinten gewesen sein. Hierfür ließen sich aber keine weiteren Anzeichen finden. Zusammen mit den Verletzungen am Unterkiefer betrachtet, stützte der Gutachter die Aussage seines Kollegen und konnte nur das Rotationstrauma verantwortlich machen. "Nach meiner Erfahrung ist das ein sehr seltener Fall", ergänzte der Gutachter über den tödlichen Ausgang des Schlages abschließend.

Richter Fuchs gab dann noch bekannt, dass eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge anstatt des Totschlags in Betracht kommen könnte.

UPDATE 11.25 Uhr: "Umgefallen, aber noch geatmet!"

Der vierte Zeuge am zweiten Verhandlungstag betreibt im Bahnhofsbereich ein Lokal. Er gab an, Markus Till regelmäßig gesehen zu haben. Er sei ein Stammkunde gewesen. Auch am Tattag habe Till ihn besucht und ausgiebig mit ihm geredet. Der Zeuge schilderte keine Auffälligkeiten im Verhalten des späteren Opfers. Auch ein blaues Auge habe er nicht bemerkt. Nach einem gemeinsamen Bier habe sich Till schließlich in Richtung Bahnhofsvorplatz aufgemacht.

Die Abläufe dort schilderte ein weiterer, langjähriger Bekannter des Angeklagten am Donnerstag eher emotionslos: "Ein ewiges Hin und Her, mal war Ruhe, dann wieder Schimpfen und Alkohol, dann wieder Ruhe", so der Zeuge. "Irgendwann hat er ihm halt einen Schlag aufs Kerzl (Anm d. Red.: Kinn) verpasst." Till sei umgefallen, habe aber noch geatmet. Weitere Beobachtungen in diesem Zusammenhang habe er nicht gemacht. "Wir sind halt froh, wenn wir unsere Ruhe haben und unser Bier trinken können."

Die weiteren Aussagen brachten keine neuen Erkenntnisse zum Tathergang. Die Staatsanwaltschaft beantragte abschließend für die Zeugen, die nicht zum Verhandlungstermin erschienen waren, eine Ordnungsstrafe. Sollten im Nachgang der Verhandlung keine Atteste mehr eingehen, wurde ein Ordnungsgeld in Höhe von 300 Euro, ersatzweise drei Tage Ordnungshaft, verhängt.

Nach einer kurzen Pause sollen heute die Aussagen der fehlenden Zeugen verlesen werden. Dann sollen bereits die Berichte der Gutachter folgen.

UPDATE 10.35 Uhr: Ex-Freundin berichtet von Schlägen in der Beziehung

Noch vor dem Beginn des zweiten Verhandlungstages und der Fortsetzung der Hauptverhandlung gegen den 44­-jährigen Angeklagten, kam es zu einigen Komplikationen. Wie Richter Erich Fuchs bekannt gab, ließen sich einige der zwölf geplanten Zeugen für den Tag entschuldigen. Ein Mann habe verschlafen, eine andere Zeugin habe ein Kratzen im Hals. Der Bruder eines weiteren Zeugen entschuldigte diesen mit den Worten "Ich hab ihn nicht erreicht, keine Ahnung."

Erich Fuchs reagierte ungehalten. Die Verhängung von Ordnungsgeldern gegen die Abwesenden will der Richter zu einem späteren Zeitpunkt ins Auge fassen.

Der erste Zeuge am Donnerstag berichtete von einem Schlag des Angeklagten ins Gesicht von Markus Till. Er sei reaktionslos zu Boden gegangen und nicht mehr aufgestanden. Als er dem Opfer zur Hilfe kommen wollte, habe ihn der Angeklagte jedoch davon abgehalten. Der ausgebildete Rettungsassistent blieb in der Nähe und rauchte eine Zigarette. Als er die eingenässte Hose des Opfers sah, habe er schon gedacht "da fehlt es weiter". Der Zeuge war sich sicher, dass der Angeklagte nicht auf das Opfer am Boden uriniert hatte.

"Ich hab die ganze Show beobachtet", erklärte ein weiterer Zeuge, der sich vornehmlich am Rosenheimer Bahnhof aufhält. Man habe zuerst noch gemütlich getrunken und geredet. Plötzlich sei ein Gerangel entstanden. "Den Rest habe ich nicht miterlebt, ich war auf dem Klo", so der Zeuge.

Anschließend machte die Ex-­Freundin des Angeklagten Angaben. Sie gab zu, sich einen Tag vor der Tat getrennt zu haben. Sie sei am Tattag im vierten Monat vom Angeklagten schwanger gewesen, der Angeklagte zweifelte an der Vaterschaft, neben dem Alkohol einer von mehreren Trennungsgründen, so die Zeugin.

Als Markus Till am 2. April nach einem verbal geführten Streit mit ihrem Ex-­Freund kurze Zeit später vom Bahnhof weggehen wollte und sich dabei beim Angeklagten abstützte, sei der verheerende Schlag gefallen. "Normalerweise wachen sie immer wieder auf", erklärte die Zeugin ungläubig. Till sei zu Boden gegangen und nicht mehr aufgestanden. Sie will beobachtet haben, wie der Angeklagte sein Opfer anschließend in die stabile Seitenlage gebracht hat.

"Er hat mich schon mehrmals geschlagen im Suff", erklärte die Zeugin nach anfänglichem Zögern. Sie machte den Alkohol für sein aggressives Verhalten verantwortlich. Im nüchternen Zustand sei es dagegen nie zu Handgreiflichkeiten gegen sie gekommen.

Vorbericht:

Bereits beim ersten Verhandlungstag machte der Angeklagte Angaben zu den Vorfällen vom 2. April 2014 am Rosenheimer Bahnhof. Nachdem es am Nachmittag erst zu einem Streit zwischen ihm und Markus Till gekommen sei, habe sich das Geschehen schnell zu einer handgreiflichen Situation entwickelt. Im Laufe des Gefechts will der Anklagte sein Opfer einmal mit der Faust in Richtung seines Gesichts geschlagen haben. "Ich schätze ich habe ihn am Kinn erwischt. So etwas kann schnell passieren, da schlägt die Stimmung schnell um", erklärte der Angeklagte am ersten Prozesstag.

 Lesen Sie dazu: 

Sowohl Unbeteiligte als auch Zeugen, die zum Tatzeitpunkt in unmittelbarer Nähe des Geschehens standen, berichteten von den Vorgängen.Verharmlosten die Zeugen aus der Rosenheimer Bahnhofs-Szene das Gerangel noch weitestgehend, konnten einige Passanten sehr präzise Beobachtungen schildern.

So berichteten verschiede Fußgänger und Arbeiter im Bereich des Bahnhofs unabhängig voneinander von Schlägen gegen den Kopf von Markus Till. Nachdem er daraufhin zu Boden gegangen sei, soll der Angeklagte sogar auf ihn uriniert haben.

"Wir haben gedacht, er schläft"

Ein Zeuge aus dem Trinker-Milieu schilderte dagegen: "Wir haben dem Till dann einen Hut aufs Gesicht gelegt, wir haben gedacht, er schläft", so der Zeuge abschließend. Er habe zu diesem Zeitpunkt ja schließlich noch geatmet, so der Eindruck des Mannes, der während der Schlägerei nur wenige Meter vom Opfer und dem Angeklagten entfernt gestanden hatte.

Zum Tatzeitpunkt konnten die zum Bahnhof gerufenen Beamten den Blutalkoholspiegel des Angeklagten mit 1,84 Promille bestimmen. Der Wert des Opfers habe sich zum selben Zeitpunkt bei über drei Promille bewegt. Markus Till war einige Tage nach der Tat im Klinikum Vogtareuth an seinen schweren Verletzungen verstorben.

Am zweiten Prozesstag sollen weitere Zeugen zu den Vorfällen des 2. April aussagen. Auch die Gutachter sollen dann bereits Stellung zu ihren Berichten nehmen. chiemgau24.de berichtet wieder live von den Entwicklungen im Gerichtssaal.

Quelle: chiemgau24.de

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