Der Norden muss weiter bangen

Angst vor Flutwelle an der Elbe

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Helfer und Flutwasseropfer sind längst am Ende ihrer Kräfte. Doch das Hochwasser der Elbe steigt auf immer neue Rekordwerte. In Magdeburg werden Teile der Stadt evakuiert.

Magdeburg - Helfer und Flutwasseropfer sind längst am Ende ihrer Kräfte. Doch das Hochwasser der Elbe steigt auf immer neue Rekordwerte. In Magdeburg werden Teile der Stadt evakuiert. Der Norden bangt weiter.

Die Flutwelle der Elbe bricht immer neue Rekorde und drückt weiter bedrohlich auf die Deiche. In Magdeburg mussten sich am Sonntag 23 000 Menschen vor den herannahenden Wassermassen in Sicherheit bringen. Auch die Stromversorgung in der Stadt war bedroht, weil das Hochwasser auf ein Umspannwerk zufloss. Trotz erstmals leicht sinkender Pegelstände am Sonntagnachmittag blieb die Lage sehr angespannt. Anschlagsdrohungen gegen Deiche lösten zusätzlich Unruhe aus. Die gewaltige Flutwelle rollt nun auf Brandenburg und Norddeutschland zu. An einigen Orten begannen Helfer damit, die Deiche noch schnell mit Sandsäcken um 30 Zentimeter zu erhöhen. Doch Prognosen über die Wasserstände blieben schwierig.

Mindestens sieben Menschen sind bisher durch das Hochwasser umgekommen, mehrere werden noch vermisst. Zehntausende Flutopfer wissen nicht, wann sie zurück in ihre Häuser dürfen. Sie sind in Notquartieren, bei Verwandten oder Freunden untergekommen. Dazu kamen am Sonntag neue Unwetter: Im ohnehin gebeutelten Sachsen fielen extreme Mengen Regen und Hagel.

Bundespräsident Joachim Gauck sprach den Hochwasser-Opfern sein Mitgefühl aus. Er besuchte am Sonntag Hochwassergebiete an der Saale und Elbe. „Man kann sich nicht vorstellen, was da alles zu bewältigen ist“, sagte er. In der Marktkirche in Halle gedachte er gemeinsam mit Hunderten Menschen der Opfer der Flutkatastrophe, die ihr Leben und ihr Hab und Gut verloren haben. Zugleich machte er den Menschen Mut: „Dass wir es wieder packen, das haben wir auch bei der Flut 2002 bewiesen.“

Wo das Wasser in Süd- und Ostdeutschland schon wieder abfloss, blieben stinkender Schlamm und Sperrmüllberge zurück. Viele Anwohner zeigten sich fassungslos. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versprach am Samstag, man werde alles für den Wiederaufbau tun. „Deutschland steht in bewundernswerter Weise zusammen in diesen Tagen - und das soll auch so bleiben.“ SPD-Chef Sigmar Gabriel rechnet mit Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe.

Magdeburg von Hochwasser der Elbe stark bedroht

Magdeburg von Hochwasser der Elbe stark bedroht

Landespolitiker sorgen sich bereits um die Kosten des Wiederaufbaus. „So viel Wasser hatten wir noch nie in Sachsen-Anhalt, der Norden des Landes steht unter Wasser. Ich kam mir teilweise vor wie im Amazonasbecken“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) der Zeitung „Die Welt“ (Montag). Andere Politiker forderten bereits, Hochwasserschutzbauten schneller zu genehmigen und Veto-Möglichkeiten zu begrenzen.

Bundesweit stemmen sich weiterhin rund 70 000 Feuerwehrleute und 11 000 Bundeswehrsoldaten gegen die Flut. Das Technische Hilfswerk (THW) verdoppelte allein in Magdeburg seine Einsatzkräfte auf 2200. Insgesamt sind in Deutschland 6000 THW-Helfer im Einsatz. Der Deutsche Feuerwehrverbands-Präsident Hans-Peter Kröger drohte Katastrophentouristen damit, auch sie zur Mithilfe zu verpflichten.

Die Hochwassersituation vom Wochenende im Überblick

SACHSEN-ANHALT: Vor allem in der Landeshauptstadt Magdeburg wurde die Situation immer kritischer. Die Elbe erreichte dort am Sonntagmorgen mit über 7,40 Meter noch viel höhere Stände als erwartet. „Wir müssen auf alles gefasst sein“, sagte Oberbürgermeister Lutz Trümper. Dramatisch zugespitzt hatte sich nach einem Dammbruch auch die Lage unweit von Barby, wo das Hochwasser der Saale auf das Hochwasser der Elbe prallt. In der Chemiestadt Bitterfeld konnten hingegen 10 000 Bewohner in ihre Wohnungen zurückkehren, nachdem ein Deich abgedichtet wurde.

BRANDENBURG: Nord-Brandenburg steht das Schlimmste noch bevor. In Wittenberge stand die Elbe am Sonntag mit 7,85 Metern schon knapp 45 Zentimeter höher als 2002. Am Dienstag werden 8,10 Meter erwartet. Riesige Polder wurden geöffnet, um den Wasserstand zumindest etwas zu senken. Lautsprecherwagen der Polizei forderten die Einwohner auf, ihre Wohnungen zu verlassen. Den Einsatzkräften stehe ein tagelanger Kampf bevor, hieß es.

SCHLESWIG-HOLSTEIN/NIEDERSACHSEN/MECKLENBURG-VORPOMMERN: In Norddeutschland hat sich die Hoffnung zerschlagen, diesmal glimpflich davonzukommen. Am Mittwoch und Donnerstag sollen Rekord-Wasserstände erreicht werden. Wegen des steigenden Pegels gingen in Hitzacker Ordnungsamts-Mitarbeiter von Haus zu Haus und forderten die Anwohner auf, sich in Sicherheit zu bringen. Im Wendland wurden Freiwillige gesucht, die Sandsack befüllen. Einsatzkräfte stapelten Sandsäcke auf die Deiche. Die Bundeswehr schickte Soldaten zur Verstärkung.

SACHSEN: Sachsen hat das Schlimmste zwar schon überstanden, doch das Wasser sinkt nur langsam und drückt weiterhin auf die Deiche. Rund 13 000 Menschen sind nach wie vor von Evakuierungen betroffen. Hoteliers klagten über Stornierungen, selbst für den weit entfernten Sommerurlaub.

BAYERN: An der Donau ist das Hochwasser weitgehend überstanden - doch zurück bleiben Unmengen Schlamm. „Es ist eine stinkende Brühe“, sagte ein Stadtsprecher in Deggendorf. Bewohner schaufelten die Überreste der Flut aus ihren Häusern. Die Stadt schätzt den Schaden auf rund 500 Millionen Euro. Auch in Passau entspannte sich die Lage weiter.

AUSLAND: Auch donauabwärts in Österreich schaufelten Feuerwehr, Soldaten und freiwillige Helfer Tonnen Schlamm aus zuvor überfluteten Ortschaften. Die Schäden werden mit der Jahrhundertflut 2002 verglichen. Die ungarische Hauptstadt Budapest hat das Rekordhochwasser ebenfalls erreicht. Tausende Helfer sind im Einsatz, um Dämme mit Sandsäcken zu verstärken. In Tschechien begannen an der Moldau die Aufräumarbeiten. Die Slowakei kam glimpflich fast ohne Schäden davon.

dpa

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