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Duisburger Gymnasium sorgt mit Spin-off für Eklat

„Hänsel und Gretel auf Kanakisch“ – Was hat es mit dem Skandal-Lehrmaterial auf sich?

„Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ steht auf einem Plakat, das ein Demonstrant auf der Demonstration „Schaut nicht weg! Solidarität mit Dilan und allen Betroffenen rassistischer Gewalt!“ hält.
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„Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ steht auf einem Plakat, das ein Demonstrant auf der Demonstration „Schaut nicht weg! Solidarität mit Dilan und allen Betroffenen rassistischer Gewalt!“ hält.

Mit einem wortwörtlich „kanakischen“ Skandal-Lehrmaterial, welches als ein sogenanntes Spin-off des Märchenklassikers „Hänsel und Gretel“ verstanden werden kann, sorgt ein Duisburger Gymnasium für einen Eklat. Die Aufregung in ganz Deutschland ist groß. Doch was hat es mit der Rassismus-Debatte eigentlich auf sich?

Duisburg – Die kreisfreie Großstadt im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist eigentlich das Paradebeispiel für Multikulturalismus und Toleranz. Denn: Fast jeder fünfte Bürger der Stadt hat Wurzeln im Ausland. Auch der Ausländeranteil an Schulen ist demzufolge sehr hoch, sodass einem gemeinsamen Miteinander von Grund auf nichts mehr im Wege stehen sollte – Denkste! Wenn man ein „Aufgabenblatt“ am Krupp-Gymnasium in Duisburg-Rheinhausen genauer unter die Lupe nimmt, fehlen einem grundsätzlich die Worte.

Aus Hänsel und Gretel wird Murat und Aische

Das Aufgabenblatt, welches bereits in den sozialen Netzwerken die Runde machte und mit dem Titel „Hänsel und Gretel auf Kanakisch“ seinen Platz in den Schulbüchern wiederfand, liegt unter anderem „DerWesten“ vor. Auch wenn das zunächst für den ein oder anderen lustig klingen mag, so erfüllt die Geschichte alle Stereotypen und Vorurteile gegenüber Türken und türkischstämmigen Deutschen. Statt Hänsel und Gretel, wie man es aus dem Grimmschen Märchen kennt, heißen die Protagonisten nämlich Murat und Aische. Außerdem gibt es in dem Fall keinen Kuchen oder Süßigkeiten, sondern Döner – versteht sich.

Schüler müssen sich mit vulgärer Sprache auseinandersetzen und bekommen Passagen wie zum Beispiel: „Auf der Suche nach korrekte Baum, verirrten sie sich krass in den Wald. Murat: „Ey scheisse, oder was!? Hast du konkrete Plan, wo wir sind, oder was!?“ “, zu lesen. Natürlich kommt die Antwort von der auffällig als dumm dargestellten Aische prompt: „Ne scheisse, aber isch riesche Dönerbude!“ Oder aber auch darf der Satz der frauenfeindlichen Hexe mit: „Du Frau, du kochen für misch! Und verkaufen die Döner an den Theke“, nicht unerwähnt bleiben. Zu Recht bringen die Autoren des Artikels auf „DerWesten“ ihren Unmut zum Ausdruck und nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie werfen dem Gymnasium die Vermittlung von einem abwertenden Bild von Türken und anderen Minderheiten vor.

Gymnasium verweist auf Bezirksregierung

Tatsächlich ging die Medienanstalt auf Konfrontationskurs mit der Schulleitung des Gymnasiums, um eine Stellungnahme zu erzwingen. Nachdem diese in Person von Schulleiterin Benedikte Herrmann zunächst auf die Bezirksregierung in Düsseldorf verwiesen haben soll, kam es nun doch zu einem öffentlichen Statement, in der man sich wie erwartet von jeder Form von Rassismus distanziere.

„Parodistischer Text“ in der Klasse gemeinsam gelesen

Mittlerweile habe sich auch eine Sprecherin der Bezirksregierung auf Nachfrage gemeldet und erklärt, dass es sich bei dem „parodistisch angelegten Text“ um ein „zusätzliches Material“ handle, was „im Rahmen der Unterrichtsreihe ‚Nachdenken über Sprache – Sprachgebrauch, Sprachwandel, Sprachkritik“ eingesetzt wurde. Die Themen der Reihe sollen demnach Anglizismen, regionale Dialekte, Jugendsprache als Soziolekt, sowie Kiezdeutsch als Beispiel für einen Ethnolekt gewesen sein. Auf Anregung aus der Schülerschaft wurde dem Vernehmen auch über Formulierungen aus dem sogenannten ‚Kanakischen‘ als Ethnolekt diskutiert, die Eingang in die Jugendsprache gefunden haben. In diesem Zusammenhang wurde die Parodie gemeinsam in der Klasse gelesen.

Schulaufsicht erkennt Fehler: „Text wird nicht mehr verwendet“

Im weiteren Verlauf der Erklärung erkannte die Schulaufsicht immerhin ihren Fehler. Sowohl die Lehrkraft auch die Schulleitung habe den ausgelösten Unmut und die Irritationen sowie die diskriminierende Empfindung mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Die Schulaufsicht sehe den Text als ungeeignet an und missbillige den zukünftigen Einsatz. Zudem gebe sie zu erkennen, dass im Vorfeld insbesondere mit Hinblick auf die Schülerschaft mit hohem Anteil von Familien mit Migrationshintergrund nicht ausreichend die möglichen Wirkungen hinterfragt wurden. Zu den Irritationen beigetragen habe die Tatsache, dass der Text nicht als Parodie und nicht im Gesamtkontext der Unterrichtseinheit wahrgenommen worden ist.

„Spin-off“ sorgte schon mal für Rassismusdebatte

Bereits vor über zwei Jahren entfachte eben jener Text eine regelrechte Rassismusdebatte. Der Vorfall ereignete sich in Niedersachsen. Ein Buch, welcher den Titel „Deutsch in der Einführungsphase“ trage, diente allem Anschein nach zur Abiturvorbereitung, wie „RTL News“ berichtete. Schüler Elias empfand den Text als sehr verletzend. Während seine Mitschüler entscheiden können, ob sie sich die gebrochene Sprache zum Spaß aneignen, kann er seinen Migrationshintergrund – im Grunde nebensächlich, aber hier von enormer Bedeutung – und rassistische Erfahrungen wiederum nicht so einfach ablegen.

Der damals 17-Jährige startete gar eine Online-Petition, um zu verhindern, dass noch weitere Klassen diesen Text unkritisch behandeln. Zwar reagierte der Schulverlag, distanzierte sich ebenfalls von jeder Form von Rassismus sowie Diskriminierung und nahm das Buch vom Markt. Außerdem erklärten sie, dass sie dieses Kapitel überarbeiten werden. Wirklich Erfolg hatte Elias aber allem Anschein nach nicht, da sich ganz Deutschland aktuell wieder mit dem Thema beschäftigen muss, weil ein anderer Verlag auf die Idee kam, den Text herzunehmen.

Hintergrund: Ergebnis einer Deutschstunde vor über 20 Jahren

Das konnte „TAG24“-Redakteur Oliver Wunder, der gleichzeitig ein Mitverfasser dieses „Märchens“ ist, so nicht auf sich sitzen lassen. „Das Schulbuch stellt einen Zusammenhang zum rassistischen ‚Kanakisch‘ her, der falsch ist und von dem ich mich klar distanziere“, begann der gebürtige Hamburger seine Klarstellung. Der zudem verriet, dass der Verlag ihn vor dem Abdruck nicht um Erlaubnis gefragt habe. „Wie der Text entstand, steht nicht im Buch. Dabei ist das wichtig“, versucht der Journalist auf die Bedeutung des Hintergrundes zu verweisen.

Wie kam es also zu dem bedenklichen Spin-off? Es ist das Ergebnis einer Deutschstunde in der 11. Klasse im Jahr 2000. Seine Lehrerin am Kreisgymnasium Bargteheide soll im Zuge einer Gruppenarbeit von den Schülern eine Umschreibung von bekannten Märchen verlangt haben. Beispielsweise hätte man auf Sächsisch umschreiben können. Zusammen mit zwei Schulfreunden entschied sich Wunder für eine Jugendsprach-Version ganz im Stile des bekannten Komikerduo „Erkan & Stefan“.

Wie landete die Gruppenarbeit in einem Schulbuch?

Der Mitautor gibt zu erkennen, dass man vermutlich in der heutigen Zeit beim Schreiben darüber nachdenken würde, ob Wörter und Sätze als diskriminierend empfunden werden könnten, da sich die Gesellschaft kontinuierlich weiterentwickelt habe. Dennoch sei sein Text nicht rassistisch, sondern Ausdruck überspitzter Jugendsprache, die er damals selber teilweise benutzt haben soll. Doch wie landete „Aische und Murat“ in einem Schulbuch?

Bereits im Jahr 2000 habe er den Text auf seiner privaten Internetseite online gestellt. Der Text ging durch die Decke oder wie man in der heutigen Zeit sagen würde „viral“ und stand wenig später schon ohne Autorenangabe auf Hunderten von Internetseiten. Nur ein Jahr später bediente sich selbst die „Bild“-Zeitung an der „lustigen Kanak-Geschichte“, wo aber wieder einmal jederlei Spur vom Autor und Kontext fehlte. Über Umwege und wohl ohne wirkliche Überprüfung wird er dann wohl auch den Weg zu den Verlagen gefunden haben. Wie genau, ist aber bisher nicht bekannt.

Wo liegt der Mindestmaß an pädagogischem Anspruch?

Vor über 20 Jahren hätten sich die Verfasser wohl nicht mal in ihren kühnsten Träumen ausmalen können, dass diese paar Sätze auch noch 2022 für viel Aufregung sorgen würden. Im Grunde sind sie auch gar nicht für diese aufgeheizte Stimmung in den sozialen Medien verantwortlich, wo viele Nutzer doch deutliche Worte finden.

Vielmehr ist es traurig, dass Verlagshäuser der Meinung sind, dass diese Art von Humor, welcher zur Jahrtausendwende bei den Menschen für Schenkelklopfer sorgte, aber wohlgemerkt auch damals schon als satirisch angesehen wurde, heutzutage tatsächlich als Lehrmaterial verwendet wird. Bedauerlich ist auch die Erkenntnis – trotz der Einräumung eines Fehlverhaltens seitens der Schulaufsicht –, dass sich Lehrer, die in einer Klasse mit hohem Ausländeranteil unterrichten, offenbar keine Gedanken über den Inhalt eines Lehrmaterials machen.

Vielleicht sollte man sich – auch wenn sie bislang nur als Einzelfälle abzustempeln sind – ernsthafte Gedanken machen, wo der Mindestmaß an pädagogischem Anspruch liegt. Während Deutschland bereits seit Jahren schon versucht, die traurige Vergangenheit zu verarbeiten und Aufklärungsarbeit zu leisten, könnte das eventuell als „Öl ins Feuer gießen“ verstanden werden. Und das wäre sicherlich nicht hilfreich in Anbetracht der immer schlechter werdenden Weltlage.

Aber vielleicht hat auch Prof. Dr. Martine Robbeets vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte (Abteilung für Archäologie) mit ihrer Behauptung in einer Forschungsarbeit im „Nature“-Magazin leider doch recht: „Die Anerkennung der Tatsache, dass die Sprache, die Kultur oder die Wurzeln eines Volkes jenseits der derzeitigen nationalen Grenzen liegen, ist eine Form der Identitätsunterwerfung, zu der einige Menschen noch nicht bereit sind.“

mck

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