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Licht trifft auf Fantasie: Neue Ausstellung in der Kasseler Grimmwelt zu Farben im Märchen

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Mittelpunkt der neuen Ausstellung in der Grimmwelt Kassel: Der Farbkreis im Zentrum der Sonderausstellung führt zu den Ausstellungskapiteln, die die einzelnen Farben vorstellen.
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Die neue Schau in der Grimmwelt Kassel ist ein echtes Farb-Spektakel. Nostalgisches steht neben Experimenten, Comics und Märchenillustrationen.

Eins war den sieben Zwergen klar: Sie wollten Schneewittchen nicht beerdigen, auch wenn es wirkte, als sei sie tot. Aber etwas sprach definitiv dagegen: Sie hatte so schöne rote Backen. Die Farbe Rot als Zeichen von Vitalität – hier wird ihr Symbolgehalt ganz deutlich.

Ebenso wie in der Kopfbedeckung des Rotkäppchens, wo sie außer für Jugendlichkeit auch für ein gewisses Rebellentum steht – das Mädchen hält sich nicht an den vorgegebenen Weg – was es dem lüsternen Wolf, der sie im Wald beobachtet, desto leichter macht.

Grimmwelt Kassel mit neuer Schau: Welche Rolle spielen Farben im Märchen? Und was sind Farben überhaupt? 

Diese Fragen beantwortet ab heute die neue Sonderausstellung „Rotes Käppchen, blauer Bart“ in der Kasseler Grimmwelt. Es ist eine Erlebnisausstellung mit vielen Mitmachstationen, geeignet für Kinder ab sieben Jahren.

Buchillustration: Rotkäppchen nach Carl Offterdinger, um 1889.

Grimmwelt-Kuratorin Dr. Sabine Schimma hat sie entwickelt und dabei Pionierarbeit geleistet: Die Rolle von Farben im Märchen ist bislang kaum erforscht worden. Der Rundgang beginnt im Dunkeln. Ein Prisma zerlegt weißes Licht und wirft bunte Regenbogenfarben an die Wand. 

Mit diesem auf Isaac Newton zurückgehenden Experiment beginnt die sehenswerte Schau. 1704 hat er erkannt, dass alle Farben Bestandteile des Weiß sind. Ein bunter Farbbalken führt als Leitsystem von dort aus in die Farbwelt der Grimmschen und anderer Märchen.

Das Büro Archimedes Exhibitions hat im Zentrum des Ausstellungsbereichs einen Farbkreis auf den Boden gebaut, der wie ein Zentralverteiler zu den Farbkapiteln leitet. Und zugleich können Kinder dort mit Farbpunkten auf dem Boden ein witziges Körperverrenkungsspiel spielen.

Grimmwelt Kassel - hier trifft Kulturhistorie auf Physik

Überlebensgroß: Illustration der Figur Blaubart von Markus Lefrançois.

Neben Newton kommt auch Johann Wolfgang von Goethe mit seiner Farblehre prominent vor: Er hat 1810 beschrieben, dass alle Farben in der Mischung zusammen Grau ergeben. Sein Farbkreis, der die komplementären Farbpaare Rot-Grün, Gelb-Violett und Blau-Orange präsentiert, ist in der Ausstellung ebenso zu erleben, wie sein Test mit einem Glasprisma, durch das man den Scherenschnitt einer Hexe betrachten und feststellen kann, dass dort, wo weiß und schwarz aufeinandertreffen, Farben zu sehen sind.

Die Kasseler Illustratorin Katrin Nicklas hat ein riesiges Doppelbild entwickelt, das das Märchen vom Froschkönig zeigt – mit einem herrlich selbstgefälligen Amphibium – je nachdem, ob es von grünem oder rotem Licht beschienen wird, erscheint eine andere Szene der Geschichte mit dem schicksalhaften Kuss. Auch der Kasseler Illustrator Markus Lefrançois ist mit ausdrucksstarken Märchenfiguren in der Schau präsent – zum Beispiel einem überlebensgroßen, wunderbar gruseligen Blaubart.

Großen Raum nehmen in der Schau historische Illustrationen ein – Tuschefederzeichnungen von Otto Ubbelohde, ein beeindruckender Radierungszyklus zu „Peter Schlehmil“ von George Cruikshank (im Faksimile), Schulwandbilder vom Anfang des 20. Jahrhunderts, etwa, zum „Wolf und den sieben jungen Geißlein“.

Märchenhaft: Farbig hinterlegte Scherenschnitte

Zum Experimentieren: Kuratorin Sabine Schimma mit Glasprisma vor einem Scherenschnitt.

Farbig hinterlegte Scherenschnitte von Luise Neupert illustrieren „Jorinde und Joringel“ und befinden sich in schönster Nachbarschaft zu einem der poetischsten Exponate: dem Silhouettenfilm „Cinderella“ von Lotte Reiniger aus dem Jahr 1922. Wie wunderschön die Details ausgeschnitten sind, wie emotionsgeladen die filigranen schwarz-weißen Szenen etwa mit einem Taubenschwarm, der dem Mädchen bei der Strafaufgabe hilft, begeistert und passt zu Sabine Schimmas Forschungsergebnis: Märchen setzen häufig auf extreme Kontraste – Hell-Dunkel ist weit verbreitet zum Deutlichmachen großer Gefühls- oder Statusunterschiede. Auch Gold spielt eine wichtige Rolle: als Symbol für Liebe und Reichtum.

Aber insgesamt werden Farben in Märchen selten genannt, hat die Wissenschaftlerin festgestellt. Die zeitlosen, ortlosen Geschichten knüpfen seit Jahrhunderten unmittelbar an die Fantasie der Hörer oder Leser an und wecken deren innere Bilder.

Grimmwelt Kassel: Neue Ausstellung läuft bis 13. April 2020

Zur Ausstellung, die bis zum 13. April 2020 läuft,  gibt es ein umfangreiches Vermittlungsprogramm von Rundgängen über Lesungen und Theater bis hin zu einer Farbberatung. Die Ausstellung wird ergänzt durch eine umfangreiche wissenschaftliche Publikation. Darin werden Farbprofile vorgestellt, wie sie sich aus den Märchen ergeben, es gibt Interviews und zahlreiche historische Illustrationen.

Grimmwelt Kassel (hg.): „Rotes Käppchen, Blauer Bart - Farben im Märchen“, Arnoldsche Art Publishers, 120 Seiten, 28 Euro.

Weitere Infos: Grimmwelt, Weinbergstraße 21, Kassel, grimmwelt.de

Grimmwelt Kassel: Fotos aus der neuen Ausstellung

Farben im Märchen: Neue Schau der Grimmwelt Kassel

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