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IKG-Präsidentin im Interview

Charlotte Knobloch: „Habe nie geglaubt, dass Antisemitismus in dieser Form wieder auftritt“

Charlotte Knobloch vor der neuen Münchner Hauptsynagoge.
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Charlotte Knobloch vor der neuen Münchner Hauptsynagoge.

Antisemitismus zeigt in Deutschland wieder seine hässliche Fratze. Charlotte Knobloch sieht Ängste und Sorgen gerade bei jungen Menschen. Eine große Rolle spielt aus ihrer Sicht auch das Netz.

München - Charlotte Knobloch (88) und jüdisches Leben in München gehören untrennbar zusammen. Seit 1985 ist sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG). Knobloch ist Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt und Trägerin des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik. Unermüdlich engagiert sie sich für die Aussöhnung von Juden und Nicht-Juden. Anfang des Jahres hielt sie eine Rede im Bundestag anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Im Zuge der Corona-Pandemie und der neu aufgeflammten Nahost-Krise häufen sich antisemitische Vorfälle. Wir sprachen mit der IKG-Präsidentin über die Befindlichkeit der Jüdischen Gemeinde in schweren Zeiten.

Charlotte Knobloch im Interview: „Ich habe nie geglaubt, dass Antisemitismus in dieser Form wieder auftritt“

Frau Knobloch, der Landtag hat in der Vorwoche eine Resolution zur entschiedenen Bekämpfung des Antisemitismus beschlossen. Sind Sie froh über dieses politische Signal oder traurig, dass heutzutage ein so selbstverständliches Bekenntnis noch notwendig ist?

Ich habe mir das in all den Jahren gewünscht. Antisemitismus muss parteiübergreifend bekämpft werden. In dieser Hinsicht spüre ich nun den festen Rückhalt aller demokratischen Parteien. Man hat das in allen Redebeiträgen herausgehört. Das hat mich besonders gefreut, wenn man in diesen Zeiten überhaupt von Freude sprechen kann.

Was muss passieren, damit diese Resolution in der Praxis mit Leben erfüllt wird?

Es gab im bayerischen Landtag ein klares gemeinsames Bekenntnis aller Parteien zum Staat Israel. Und es wurde betont, dass das Judentum auch hierzulande eine Heimat in demokratischer Umgebung hat. Ich hoffe, dass daraus Taten folgen.

Sie haben den Nazi-Terror miterlebt und den Holocaust überlebt, Sie kennen das München der Nachkriegszeit und die Entwicklung jüdischen Lebens bis in die Neuzeit. Warum tritt Antisemitismus immer wieder zutage?

Antisemitismus wurde nicht in Deutschland erfunden, es gibt ihn in ganz Europa. Er ist nie besiegt worden, das war klar. Aber ich habe nie geglaubt, dass Antisemitismus in dieser Form wieder auftritt und bei Demonstrationen der Hass gegen jüdische Menschen und den Staat Israel unter großem Beifall der Anwesenden hinausgeschrien wird. 

Sie hatten nie die Hoffnung, dass das irgendwann vorbei ist?

Nein. Antisemitismus hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder in seiner hässlichen Fratze gezeigt. Er war auch nach 1945 noch in verstärktem Maße vorhanden – bei den Ewiggestrigen.

Knobloch warnt vor Nazi-Ideologien: „Stiller Antisemitismus, den dann bestimmte Parteien beförderten“

Die Nazi-Ideologie war in vielen Köpfen noch verankert ...

... sehr intensiv sogar. Ein stiller Antisemitismus, den dann bestimmte Parteien beförderten und der das jüdische Leben in Deutschland negativ beeinflusste. Das ging über Jahrzehnte – bis in die jüngste Zeit. Was uns sehr nahe gegangen ist, war auch die Beschneidungsdebatte, weil damit die jüdische Religion angegriffen wurde. Das Thema ist wie eine Lawine über uns hereingebrochen.

Die ständigen antisemitischen Vorfälle beschäftigen vor allem jüngere Menschen, die eine Familie gründen wollen.“ 

Charlotte Knobloch

Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt gegen Juden in Bayern haben im Jahr 2020 stark zugenommen. War unsere Demokratie schon gefestigter?

Sie wird sehr stark angegriffen, auch bei den Querdenker-Demos. Da gibt es viele Volksverhetzungen, die juristisch nicht geahndet werden. Dieses Thema belastet jüdische Menschen. Auch im Internet findet ungestraft viel Hetze statt. Manche aus unserer Gemeinde machen sich Gedanken über ihre Zukunft in Deutschland aufgrund dieser bedrohlichen Lage. Kaum jemand mehr traut sich mit Kleidung oder Schmuck auf die Straße, die optisch einen Rückschluss auf die jüdische Herkunft geben könnten. Das war bis vor einigen Jahren noch kein so großes Problem.

Die Mitglieder Ihrer Gemeinde sind also besorgt?

Absolut. Die ständigen antisemitischen Vorfälle beschäftigen vor allem jüngere Menschen, die eine Familie gründen oder sich eine Existenz aufbauen. Sie stellen sich die Frage, ob sie weiterhin hier leben wollen.

Oder nach Israel auswandern?

Oder in irgendein anderes europäisches Land, in dem diese Dinge nicht so im Vordergrund stehen. Aber, wie gesagt, die Resolution des Landtags halte ich für einen großen Schritt. Ich kann meinen Optimismus aber leider nicht auf alle Menschen übertragen.

Viele sehen in der Corona-Pandemie einen Brandbeschleuniger für Vorurteile. Sie auch?

Es gab auch davor schon Attacken. Und mit der AfD eine Partei, die seit ihrer Gründung mit antisemitischen Aussagen aufgefallen ist. Man dachte anfangs, die AfD verschwindet so schnell wie die Piraten. Aber das ist leider nicht der Fall, obwohl in ihrem Parteiprogramm nichts zu sehen ist, womit sie verdient hätte, in der Gunst der Bevölkerung zu steigen.

Charlotte Knobloch im Gespräch mit Redakteur Klaus Vick.

Im Zuge des wieder aufgeflammten Nahost-Konflikts gibt es auch in Deutschland verstärkt Demonstrationen gegen die Politik Israels. Dieses Phänomen ist ja nicht neu.

Ich habe das auch schon anders erlebt. Im Sechstagekrieg hatten sich viele Menschen auf dem Königsplatz versammelt und sind für Israel auf die Straße gegangen. Das war eine der schönsten Veranstaltungen, die ich erlebt habe. Die Zeiten waren in der Hinsicht mal anders. Und die Situation Israels hat sich nicht gewandelt. Es ist immer noch ein Land, das von Feinden umgeben ist und mit seinen Nachbarn in Frieden leben will.

Knobloch: Sozialisation mit Judenhass „Tatsache, die man nicht verschweigen kann“ - Vorwürfe auch an Erdogan

Manche sprechen angesichts der aktuellen Demos in Deutschland von einem von Migranten „importierten Problem“ des Antisemitismus. Was sagen Sie zu dieser Auffassung?

Das muss man tiefer analysieren. In zahlreichen muslimischen Ländern existiert der Staat Israel eigentlich nicht. Man spricht von einem Judenstaat, aber das Wort Israel gibt es nicht. Die jungen Leute werden häufig mit Judenhass sozialisiert. Entsprechend wenig Verständnis für jüdisches Leben hierzulande ist vorhanden. Das ist eine Tatsache, die man nicht verschweigen kann. Und was fast noch schlimmer ist: Auch der türkische Staatspräsident Recep Erdogan* tut mit seinen Hetztiraden das Seine, um den Israelhass zu schüren.

Wie häufig sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde in München mit antisemitischen Beschimpfungen konfrontiert?

Es gibt immer wieder kleinere und größere Attacken. Viele beleidigende Schreiben bringen wir ja gar nicht zur Anzeige. Wissen Sie, man hat diesem Treiben viel zu lange zugesehen. Und man hat das Internet juristisch nicht im Griff. Es ist eine Plattform, auf der man gezielt Hass verbreiten kann. Ich halte das Netz für das größte Problem. Wir brauchen Gesetze, um diese Dinge zu regulieren und notfalls zu verbieten.

Die Münchner Stadtgesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder Extremisten entgegengestellt. Wie wohl fühlen Sie sich heute in jener Stadt, die Sie nach dem Krieg am liebsten verlassen hätten?

Ich bin eine Optimistin. Ich hoffe, dass wir in einem halben Jahr wieder über andere Dinge reden können. Ich bin auch deshalb eine Optimistin, weil ich viele positive Zuschriften bekomme. Menschen, die ihre Solidarität mit den Juden bekunden und uns Mut zusprechen. Da möchte ich der Bevölkerung auch ausdrücklich danken. Das hat es in München früher so nicht gegeben – dass die Bürger in so schweren Zeiten an uns denken.

Frau Knobloch, als unermüdliche Kämpferin gegen den Antisemitismus – formulieren Sie Ihren Lebenstraum.

Normalität – die wahrscheinlich in weiter Ferne liegt, wenn sie überhaupt je stattfindet. Dass die Menschen sich untereinander als Menschen sehen. Dass nicht auf die Hautfarbe, auf die Herkunft, auf die Religion, auf die Sprache geschaut wird. Diese Normalität hat es bisher nie gegeben. Dass wir sie noch erleben, das ist mein Lebenstraum.

Interview: Klaus Vick

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