"Ungeheuer teuer"

Geheime Transparenz: Der BND zieht um

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Die neue BND-Zentrale in Berlin.

Berlin - Es ist die geheimste Baustelle Deutschlands. Mitten in Berlin entsteht seit siebeneinhalb Jahren die neue Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Jetzt sind die ersten Spione eingezogen.

Auf den kleinen elektronischen Zugangskarten gibt es keine Namen, keine Fotos. Nur ein Schlüssel-Piktogramm verrät die Funktion, eine Nummer den Besitzer. Als die ersten 174 von insgesamt 4000 Mitarbeitern ihre Büros im Nordkomplex der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (BND) mitten in Berlin beziehen, ist vieles anders als in einem der üblichen Behördenkomplexe der Hauptstadt. Geheimhaltung wird groß geschrieben.

Am Montag bemüht sich BND-Präsident Gerhard Schindler zunächst um ungewohnte Transparenz. Nach einem Festakt zum Einzug der Vorhut in die Kleinstadt der Spione präsentiert der Abteilungsleiter Umzug, Kay Croppenstedt, den ersten fertiggestellten Teil des 35 Fußballfelder großen Geländes. In der Nordbebauung sind die Technik- und Logistikzentrale untergebracht, ein eigenes Heizkraftwerk und ein Parkplatz für 600 Autos.

Private Mails und Facebook sind verboten

Im Innern dominieren Grautöne. 1300 Räume für je zwei Mitarbeiter gibt es in der neuen BND-Zentrale, jeder 17 Quadratmeter groß. Dazu kommen rund 2000 Einzelbüros mit je 11 Quadratmeter Fläche.

Wenn die Frauen und Männer zu ihren Arbeitsplätzen wollen, müssen private Handys und Laptops draußen bleiben. Zu groß ist die Gefahr, dass sich ein feindlicher Geheimdienst über die elektronischen Helfer Zugang zu geheimen Daten verschafft. Die Zutrittskarten liegen in speziellen Safes, niemand darf sie mit nach Hause nehmen. Sie sind so codiert, dass sich nur jene Türen öffnen lassen, für die der Mitarbeiter eine Zugangsberechtigung hat.

Die Arbeitszimmer wirken modern, funktional, karg. Graue Möbel, als Farbtupfer ein karminroter Fußbodenbelag. Auf den Schreibtischen zwei verschiedene Computersysteme. Das eine ohne Anbindung an das Internet - es ist für besonders geheime interne Kommunikation gedacht. Auch das zweite System unterliegt strikten Zugangsbeschränkungen: private Mails sind untersagt, Facebook sowieso. Jederzeit ist für Kontrolleure nachvollziehbar, wer sich wann wo eingeloggt hat.

Selbst die grauen Aktenschränke sind auf ihre geheime Bestimmung zugeschnitten: besonders stabiler Korpus, sichere Schlösser. Hier können auch Papiere der Kategorie „Verschlusssache“ gelagert werden. Kein Vergleich zu früher, dem alten BND-Hauptquartier bei München, sagt ein Geheimer: „In Pullach hatten wir noch Blechschränke.“

In den sieben Geschossen der Nordbebauung der BND-Zentrale ist fast alles untergebracht, was die geheime Kleinstadt zum Überleben braucht. Ein Blockheizkraftwerk kann Strom für 100 000 Wohneinheiten liefern, Dieselgeneratoren sollen die Agenten-City für bis zu zwei Wochen autark machen, falls die öffentliche Stromversorgung ausfällt. In der BND-Großküche sollen gut 1000 Essen am Tag gekocht werden.

Ströbele: "Mächtig, riesig, hässlich, ungeheuer teuer"

Eine eigene Klimaanlage kühlt das Rechenzentrum. Es ist ausgelegt für mindestens 8000 PCs und sei „sehr sicher“ gegen Angriffe gegnerischer Geheimdienste geschützt. „Auch vor NSA-Angriffen“, sagt ein BND-Mann angesichts der weltumspannenden Schnüffelei des US-Geheimdienstes National Security Agency, der auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) jahrelang auf der Liste seiner Top-Spionageziele hatte.

Der Bezug des BND-Neubaus sei "kein guter Tag für den deutschen Steuerzahler", kritisierte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele am Montag im RBB-Programm "radioeins". Das Gebäude sei "nicht nur mächtig, riesig, hässlich, es ist auch ungeheuer teuer."

Die Bundesregierung und ihr Auslandsgeheimdienst BND hatten den Umzug mit dem Argument gerechtfertigt, dass beide Seiten von der räumlichen Nähe des Diensts zu den politischen Entscheidungsträgern in Berlin profitieren würden. Die Zusammenlegung verschiedener Dienststellen werde zudem zu mehr Effizienz in den Arbeitsabläufen führen.

"Der BND kommt in die Mitte der Hauptstadt"

Schindler griff diese Argumente am Montag anlässlich eines Festakts in Berlin auf: "Als Dienstleister für die politischen Entscheidungsträger in Regierung und Parlament gehört der BND nach Berlin", erklärte er. Der Umzug sei "ein klares Zeichen nach innen und außen: Der BND kommt in die Mitte der Hauptstadt".

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) verwies bei der Feier darauf, dass die Informationen des BND eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Politik darstellten. Gerade bei internationalen Krisen sei es unabdingbar, dass sie zeitgerecht zur Verfügung stünden - was durch die räumliche Nähe sichergestellt werden könne.

Der Grünen-Politiker Ströbele wies diese Argumentation zurück: Er verstehe nicht, warum die BND-Mitarbeiter ihre Arbeit "nicht genauso gut oder genauso schlecht von Pullach aus weiter machen können wie jetzt von Berlin aus".

007 bei der Arbeit: Der "neue" BND öffnet seine Pforten

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Dass der Umzug am BND-Standort Pullach nicht auf ungeteilte Freude stößt, ist den Verantwortlichen schon länger klar. Zwar sollen dort auch künftig rund 1000 Geheimdienstmitarbeiter in einem Aufklärungszentrum arbeiten, doch 2000 von ihnen müssen umziehen. Weil es in Bayern künftig sehr spezialisierte Arbeitsplätze gibt, können nicht viele BNDler nach einer Fortbildung dort bleiben - eigene Umzugsbeauftragte sollen den Wechsel nach Berlin einfacher machen.

An einen neuen Tarnnamen müssen sich die BND-Spione jedoch nicht gewöhnen. War die alte Zentrale in Pullach noch unter dem Decknamen „Camp Nikolaus“ bekannt - sie war am Nikolaustag des Jahres 1947 eingeweiht worden - verzichtet der Dienst auch angesichts seiner Transparenz-Offensive auf derlei Nachrichtendienst-Getue: „Wir verabschieden uns von Tarnnamen. Wir leben doch in einer realen Welt und nicht in der Romantik“, sagt der Umzugsbeauftragte Croppenstedt.

dpa/afp

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