Ursprungsmeldung stammt vom Postillon

"Flüchtlinge essen Kind": Das steckt hinter dem viralen Video

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Wie leicht ein falscher Eindruck entsteht, zeigt der virale Internet-Hit mit den Jugendlichen und dem angeblich kannibalistisch veranlagten Flüchtling.

München - Eine Jugendliche, die anscheinend behauptet, Flüchtlinge würden lebendige Kinder essen, machte Hunderttausende Facebook-Nutzer fassungslos. Doch die Geschichte um den viralen Clip ist komplizierter als es scheint.

"Wie kann man nur ernsthaft so einen Unsinn glauben?", fragten sich Hunderttausende, die einen Videoschnipsel anklickten, der in den vergangenen Tagen in sozialen Netzwerken viral ging. Darin berichten drei Jugendliche von Gerüchten, die sie über Flüchtlinge in ihrer Umgebung im mecklenburg-vorpommerischen Boizenburg aufgeschnappt haben. Eine der beiden Teenagerinnen erzählt von einem Mädchen, "die ist wohl vergewaltigt worden von so nem Flüchtling". Ihre Freundin ergänzt daraufhin todernst "Eine Fünfjährige wurde gegessen. Lebendig. Vom Flüchtling."

Haltlose Gerüchte über Flüchtlinge im Internet

Dass die unglaublichsten Gerüchte über Flüchtlinge in Deutschland die Runde machen, ist nicht neu. Auch nicht, dass an den allermeisten nicht einmal ansatzweise etwas dran ist. Dennoch sind frei erfundene Geschichten, in denen Menschen diffamiert werden, die Krieg und Perspektivlosigkeit aus ihrer Heimat vertrieben haben und die sich hierzulande eine neue Zukunft aufbauen wollen, gerade im Internet für viele Menschen ein gefundenes Fressen. Aus Leichtgläubigkeit oder um bewusst Ängste zu schüren, teilen sie diese Märchen, und wer in ihnen seine Vorurteile bestätigt sieht, nimmt sie für bare Münze.

Wie schnell sich solche Lügen verbreiten, hat auch das Experiment von Aley Jones bewiesen, der sich im Netz als Prügelopfer eines Ausländers darstellte. Viele Menschen teilten seinen Post, bis der junge Mann schließlich enthüllte, dass er sich die Geschichte nur ausgedacht hatte. Nicht nur Medien, selbst die Polizei wurde in den letzten Monaten immer wieder der Lüge bezichtigt, bis sie sich schließlich genötigt sah, auf Falschmeldungen hinzuweisen und zu kritischerem Denken aufzurufen.

„Die Dummen sterben nicht aus"

Doch dass die Horror-Story vom Flüchtling, der eine Fünfjährige bei lebendigem Leib gegessen hat, nicht stimmt, das müsste doch eigentlich jedem halbwegs vernünftigen Menschen klar sein. Die Jugendlichen stellen sie aber als Tatsache dar.

Dementsprechend hämisch fielen die Kommentare im Internet unter dem Clip aus, den laut meedia.de das Blog namens "Buntesamt für Nazi-Satire" auf seinen YouTube-Kanal stellte und den dann etwa der Humor-Blog schleckysilberstein.com auf seiner Seiten teilte und so zu großer Verbreitung verhalf. „Die Dummen sterben nicht aus", war etwa zu lesen, „Asoziale Schmarotzer die sind stehen geblieben in den 90er" und „Herr wirf Hirn vom Himmel, oder Steine und dann treff bitte". Viele sahen sich in ihren Vorurteilen gegenüber fremdenfeindlich eingestellte Ostdeutschen bestätigt. 

Satire mit Nachrichten verwechselt

Nicht wenigen kam die Schauermär vom Kannibalen mit Migrationshintergrund verdächtig bekannt vor - und richtig: Sie stammt vom "Postillon", eine der deutschlandweit beliebtesten Internetseiten für Meldungen, die nach seriösen Nachrichten klingen, aber in Wirklichkeit reine Satire sind.

Die Quelle des Videoschnipsels ist dagegen durchaus seriös: Er stammt aus der NDR-Dokumentation „Weltbahnhof mit Kiosk – Begegnungen von Stammgästen und Flüchtlingen in Boizenburg“, die vergangene Freitagnacht ausgestrahlt wurde. Der halbstündige Film zeichnet ein wesentlich differenziertes Bild von den Ängsten, Erwartungen und Hoffnungen der Bewohner des Städtchens, in dem täglich bis zu hundert Flüchtlinge ankommen.

Was der wenige Sekunden lange, im Netz geteilte, Clip nicht zeigt: In der Dokumentation kommentiert der dritte Jugendliche die Kannibalen-Geschichte seiner Freundin mit den Worten „Stand auf Facebook. Stand. Ob das so stimmt, weiß man nicht." Aus dem Zusammenhang gerissen jedoch kommen die drei, die, wie sich herausstellte, auf eine Förderschule gehen, als Lachnummern rüber.

So rechtfertigt sich der NDR

Das stieß auch Eyleen Bailar übel auf, die die Dargestellten während eines Praktikums betreute, wie sie in ihrer Facebook-Nachricht an den NDR schrieb. "Natürlich glauben sie dem Artikel des Postillions... aber nicht, weil sie keine Satire verstehen, sondern, weil allgemein das Verständnis dafür fehlt."

Der NDR versprach, die Kritik an die Redaktion weiterzuleiten und wies darauf hin, dass man die Jugendlichen nicht der Lächerlichkeit preisgebe, da später in der Dokumentation eine der Beteiligten Bilder ihrer arabischen Freunde herzeigt, deren Sprache sie lerne.

"Eine Fünfjährige wurde gegessen. Lebendig! Vom Flüchtling! Stand auf Facebook!" Ein Filmschnipsel mit diesem Zitat...

Posted by NDR.de on Samstag, 12. Dezember 2015

Extra 3 rechtfertigte sich auf Facebook und stellte klar: "Wir hatten eigentlich bewusst den Link zur Reportage in voller Länge angehängt, weisen aber hier gerne noch einmal darauf hin, damit ihr euch ein eigenes Bild machen könnt."

Nachtrag: Uns hat Kritik erreicht, dass der Beitrag aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Wir hatten eigentlich bewusst...

Posted by Extra 3 on Samstag, 12. Dezember 2015

Auch der Urheber des Wirbels, der Buntesamt-Blog, gab schließlich zu: "[...] wir hätten selbst einen längeren Ausschnitt aus dem Video heraus schneiden müssen. Unsere Schuld. Vielleicht. Nicht jeder Mensch wird nun die gesamte Sendung gesehen haben, dafür sehr, sehr viele Menschen."

Hallo VICE,hier ein kurzes Statement zu eurem Artikel <3Ihr habt mit eurem Artikel exakt das veranstaltet, das ihr...

Posted by Buntesamt für Nazi-Satire on Montag, 14. Dezember 2015

So zeigt sich auch hier, dass man seine Meinung regelmäßig kritisch hinterfragen sollte. Sie könnte sich als falsches Vorurteil herausstellen.

hn

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