So will er die CSU wieder aufrichten

Seehofer legt Messlatte für Söder hoch: Absolute Mehrheit sei noch möglich

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Horst Seehofer will sich trotz fataler Umfragewerte nicht unterkriegen lassen.

Nach dem historischen Tief im Bayerntrend will Horst Seehofer die 38-Prozent-CSU wieder aufrichten. Er verlangt mehr Teamgeist. Und redet ausgerechnet jetzt erstmals von einer absoluten Mehrheit.

München – Die schlimmsten Beleidigungen der vergangenen Tage trägt Horst Seehofer dicht an der Brust, will sie sich aber nicht zu Herzen nehmen. Ein zweimal gefalteter Zettel steckt in der Innentasche seines Sakkos. Vom „Nazi“ ist da zu lesen, in die Nähe von Terroristen wird er gerückt, zudem persönlich verantwortlich gemacht für Tausende Tote im Mittelmeer. Ab und zu zieht der Bundesinnenminister das Blatt aus der Jacke, liest nach und verkündet: Ja, da läuft eine Kampagne gegen die CSU.

„Jeder, der es sehen will, sieht, dass hier eine Kampagne gefahren wird, die geht gegen mich und meine Partei“, sagte Seehofer der „Augsburger Allgemeinen“: „Viele der Kritiker lassen genau das vermissen, was sie mir vorwerfen: Anstand und Stil.“

Die Liste der Beleidigungen ist ein Erklärungsansatz, warum seine CSU so abstürzte. 38 Prozent im seriösen „Bayerntrend“, ein historisches Tief drei Monate vor der Landtagswahl. Dass sich viele gegen die CSU verschworen zu haben scheinen, Großdemos, Kirchen-Proteste, interne Kritik, ist aber nur ein Teil des Problems. Seehofer sieht schon auch: Vor allem der so schroff geführte Asyl-Streit zog die CSU so nach unten.

„Es gibt keinen Grund zu Panikreaktionen“

Seine Reaktion ist ungewöhnlich. Er fordert die CSU am Donnerstag bei Auftritten in München auf, stärker zu kämpfen und an die absolute Mehrheit zu denken. „Es gibt keinen Grund zu Panikreaktionen“, sagt Seehofer unserer Zeitung. „Die Umfrage ist ein gewaltiger Auftrag für alle in der Partei. Wir stehen vor einer historischen Wahl.“ Die gesamte Mannschaft müsse „jeden Tag in alle Winkel Bayerns ausschwirren. Im Schlafwagen kommen wir nicht zum Wahlerfolg.“ Die Frage, ob die absolute Mehrheit noch drin ist, bejaht er: „Ich glaube, die 38 Prozent sind nur eine vorübergehende Antwort auf den jüngsten Konflikt zwischen CDU und CSU.“

Das kann man als Mutmachen interpretieren, als Jetzt-erst-recht – oder als Spitze gegen Markus Söder. In seiner Zeit als Ministerpräsident hatte Seehofer das Wort „absolute Mehrheit“ eisern gemieden. Nun legt er die Messlatte für den Nachfolger hoch.

Dauerdebatte: Seehofer vs. Söder

Dazu muss man wissen: Beide versuchen seit Tagen, sich die Verantwortung für eine mögliche Wahlniederlage vorsorglich zuzuschieben. Söder rügte, das Umfragetief sei wegen der Berliner Politik entstanden. Seehofer kontert knapp. „Das war ja keine Auseinandersetzung innerhalb Berlins, sondern zwischen Bayern und Berlin. Wir hätten unsere Glaubwürdigkeit verloren, wenn wir um strengere Grenzkontrollen nicht gekämpft und uns durchgesetzt hätten.“ Söder wiederum lässt bei einer Veranstaltung beiläufig Kritik an der späten Übergabe des Ministerpräsidentenamts fallen: „Ich hätte auch gern eher losgelegt. War halt net so.“ Seehofer betont, nun liege es an der Politik in Bayern, aus der von ihm 2013 errungenen absoluten Mehrheit das Beste zu machen.

Harmonie ist das nicht. Der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber meldet sich mahnend zu Wort: „Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter.“ Nur Mut, rät er: 55 Prozent seien unentschlossen. Stoiber verlangt gegenüber unserer Zeitung „konsequente Sacharbeit gerade in der Migrationspolitik“. Es bleibe die Aufgabe der CSU, das Vertrauen in den Rechtsstaat wiederherzustellen, „das seit dem Kontrollverlust im Herbst 2015 bei vielen beschädigt ist. Ein Totschweigen des Themas hilft uns bei dieser Einstellung der Bevölkerung nicht weiter.“

CSU´ler fordert „Strategiewechsel hin zur Normalität“

Der frühere Bundestagsabgeordnete Josef Göppel, seit Jahrzehnten ein Querdenker, rät der CSU hingegen, die Fixierung auf Asyl sein zu lassen. Unter Seehofer/Söder/Dobrindt gebe es für die „Ein-Thema-Partei“ nur noch das Ziel der „Abschottung Europas“ Göppel wirft der Führung in einem öffentlichen Brief vor, die „Grundwerte der Union verlassen“ zu haben. Er schließt sich demonstrativ der Initiative „Union der Mitte“ an und fordert, den Fokus stärker auf andere Themen, etwa Flächenverbrauch und Umwelt, zu lenken.

Taktik und Ton sind in der CSU also noch umstritten. „Wir brauchen einen Strategiewechsel hin zur Normalität“, sagt ein erfahrener CSUler. „Die Leute sind heute so besorgt wie vor drei Jahren – das kann es doch nicht sein.“

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