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Sechster Verhandlungstag

NSU-Prozess: Feindbild Dönerbude

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Die Angeklagte Beate Zschäpe im Gerichtssaal in München.Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des NSU fortgesetzt.

München - Was denkt jemand, der eine Waffe samt Schalldämpfer und Munition besorgt und weitergibt? „Keine Ahnung“ und „ich weiß es nicht“ antwortet Carsten S. immer wieder. Der längst aus der Neonazi-Szene ausgestiegene 33-Jährige soll die Mordwaffe besorgt haben.

Die hartnäckige Suche nach Motiven hat den sechsten Tag des NSU-Prozesses bestimmt: Weitgehend vergeblich versuchte das Gericht am Mittwoch zu ergründen, warum der Angeklagte Carsten S. den untergetauchten Neonazis Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe eine Waffe besorgte. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um jene „Ceska“-Pistole, mit der die Terroristen neun Menschen ermordeten. Carsten S. ist deshalb der Beihilfe zum neunfachen Mord angeklagt.

„Was haben Sie sich denn vorgestellt, für was die Waffe gebraucht wird?“, fragte der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Carsten S. antwortete: „Ich wurde das schon oft gefragt, ich suche das auch selber und kriege es aber nicht mehr zusammen.“

Nach dem Untertauchen der drei war Carsten S. die Verbindungsperson zu dem gleichfalls angeklagten Ralf Wohlleben, der laut Anklage eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der Terrorzelle gespielt haben soll. Carsten S. hielt den Kontakt über ein eigens angeschafftes Handy und erledigte - wie er selbst sagte - Aufträge, immer in Abstimmung mit Wohlleben: Er brach in eine frühere Wohnung Zschäpes ein, um dort Akten und Ausweise zu holen, und stahl gemeinsam mit Wohlleben ein Motorrad. Warum er all das tat, ohne weiter nachzufragen, konnte Carsten S. vor dem Oberlandesgericht München nicht erklären.

Der Hauptangeklagten Zschäpe wird Mittäterschaft bei sämtlichen Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zur Last gelegt. Böhnhardt und Mundlos hatten sich selbst getötet, um einer Festnahme zu entgehen. Auf der Anklagebank sitzen auch der Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben und die mutmaßlichen Unterstützer Holger G. und André E..

Am Vormittag hatte Carsten S., der zuletzt als Sozialpädagoge bei der Aidshilfe in Düsseldorf arbeitete, über seine braune Vergangenheit berichtet und auch eigene Gewalttaten eingeräumt. Seine Neonazi-Clique habe zwei Männer zusammengeschlagen. Er erinnere sich, „dass ich auch einmal zugetreten habe oder zweimal - ich weiß es nicht mehr“, sagte er mit den Tränen ringend. Hinterher habe er in der Zeitung gelesen, dass die Opfer schwer verletzt gewesen seien. Der Vertreter der Bundesanwaltschaft kündigte nach der Verhandlung an, dass dieses Delikt zu Ermittlungen an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet werde.

Vor dem Untertauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe 1998 habe kaum Kontakt mit den dreien gehabt. „Das waren halt drei von den Älteren.“ Erst später habe Wohlleben ihn zum Verbindungsmann gemacht. Wohlleben habe ihn vermutlich ausgewählt, „weil er Vertrauen zu mir hatte“. Laut Carsten S., der einer der wichtigsten Zeugen der Bundesanwaltschaft ist, war es auch Wohlleben, der letztlich die Entscheidungen traf. Der frühere NPD-Funktionär sei an der Beschaffung der Waffe maßgeblich beteiligt gewesen und habe das Geld dafür gegeben. Wohlleben ist ebenfalls wegen Beihilfe zu neun Morden angeklagt.

Carsten S. berichtete auch, seine rechte Jugendclique habe an mindestens zwei Dönerbuden Scheiben eingeschlagen und eine andere Bude umgeworfen. „Was war denn das Motiv?“, wollte der Vorsitzende Manfred Götzl wissen. „Ich weiß nur, dass einer die Idee hatte - und da sind wir losgegangen.“ Später ergänzte er: „Wir haben uns einen Spaß draus gemacht - und natürlich denen eins ausgewischt.“ Es sei auch gegen die multikulturelle Gesellschaft gegangen, und gegen das Finanzkapital. „Konkrete Erinnerungen habe ich nicht“, sagt er. „Aber ich gehe davon aus, dass es auch ein gewisses Feindbild war, diese Dönerbude.“

Entscheidend sei für ihn gewesen, dass es ihm bei den Rechten besser ging. „Da hatte ich Respekt, da ging's mir gut. Ich habe mich stark gefühlt.“

Die Vernehmung von S. wurde auf Antrag seiner Verteidigung am Mittwochnachmittag unterbrochen - voraussichtlich, bis der für ihn zuständige psychiatrische Gutachter wieder am Prozess teilnimmt.

Wie heute im NSU-Untersuchungsausschuss öffentlich wurde, war Bayerns Polizei der Neonazigruppe NSU einst dichter auf den Fersen als bekannt - allerdings wurde ein wichtiger Zeugenhinweis nicht ausreichend weiterverfolgt.

Am Donnerstag wird das Gericht wahrscheinlich mit der Vernehmung von Holger G. beginnen. Er ist neben Carsten S. der einzige, der aussagen will. G.s Anwalt Stefan Hachmeister würdigte in einer Verhandlungspause die Aussage von Carsten S. „Das ist schon mutig von ihm, sich der Situation so zu stellen.“

dpa

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