Kirchenvertreter warnen

"Pegida": Das steckt hinter dem Protestbündnis

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Pegida nutze die Angst vor islamistischem Terror, um Stimmung gegen Ausländer zu machen, warnen Kirchenvertreter.

Dresden - "Pegida" ist ein Protestbündnis gegen die vermeintliche Islamisierung Deutschlands. Seine Anhänger berufen sich auf das christliche Menschenbild. Damit sind Kirchenvertreter nicht einverstanden.

Update vom 12. Januar: Heute Abend werden auch in München zahlreiche Pegida-, Bagida- und Muegida-Anhänger auf die Straße gehen. Widerstand gibt es vom Bündnis "München ist bunt", das mit tausenden Teilnehmern eine Gegendemonstration abhalten will. Wir informieren Sie in unserem Live-Ticker über alle News von den Demonstrationen in München.

Sie verstehen sich als „Bürgerbewegung“, distanzieren sich öffentlich von Rechtsextremen - und ziehen gegen „islamischen Extremismus“ zu Felde. „Pegida“ nennt sich ein Bündnis, dessen Anhänger seit Wochen vor allem in Dresden demonstrieren:„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Die Organisatoren berufen sich auf das „christliche Menschenbild“, doch Kirchenvertreter werfen ihnen „religiös verbrämten Rassismus“ vor.

7500 Menschen bei Pegida-Abendspaziergang

„Pegida“ nutze die Angst vor islamistischem Terror, um Stimmung gegen Flüchtlinge und Ausländer generell zu machen, hieß es in einem Aufruf. Das Bündnis selbst spricht von einer „Verleumdungskampagne“.

Was in Dresden im Oktober mit 200 Sympathisanten begann, ist inzwischen stark angeschwollen. Am Montagabend kamen laut Polizei rund 7500 Menschen zum „Abendspaziergang“ des Bündnisses „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Doch auch der Widerstand gegen die selbst ernannten Patrioten wächst. Mehr als 1000 Gegendemonstranten blockierten die Marschroute des Protestzuges und zwangen ihn zur Umkehr.

Pegida: Vieles klingt nach Verschwörungstheorie

Damit ist das Problem freilich nicht gelöst. Seit Tagen mahnen Politiker in Sachsen, dass man die Sorgen der Menschen ernst nehmen müsse. Genau das ist der Punkt, an dem „Pegida“-Chef Lutz Bachmann ansetzt. Der 41-Jährige glaubt nicht daran, dass Politiker den Menschen zuhören. Deshalb versucht er, den in der Wendezeit geprägten Ruf „Wir sind das Volk“ für eigene Zwecke zu nutzen.

Vieles klingt bei „Pegida“ nach Verschwörungstheorie. Das Vertrauen in Medien geht gegen Null. „Die verdrehen einem doch nur das Wort im Munde“, sagt eine Frau am Montagabend, als sie von einem Kamerateam nach dem Grund ihrer Teilnahme gefragt wird.

Zuerst kamen die Montagsmahnwachen, dann die Hooligans gegen Salafisten-Demonstration (HoGeSa): Mit den Pegida-Aufmärschen ist nun die dritte Welle des Protests gegen die vermeintlichen Islamisierung Deutschlands erreicht. Als ein "rechts orientiertes Wutbürgertum" bezeichnet Politikwissenschaftler Alexander Häusler die neue Bewegung auf Tagesschau.de.

Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden, sorgt sich nicht um eine Islamisierung des Abendlandes, sondern vielmehr um den Ruf der Stadt Dresden. Die „Pegida“-Demonstrationen behinderten Aktivitäten für ein weltoffenes und tolerantes Dresden, warnte er. In der Welt entstehe so ein Bild Dresdens, „das in erster Linie abschreckt, unsere Stadt als ausländerfeindlich darstellt und an die vergangen geglaubten Aufmärsche der Neonazis im Umfeld des 13. Februars erinnert“.

Auch die NPD läuft bei Pegida-Aufmärschen mit

Die Forderungen von „Pegida“ sind ein buntes Sammelsurium. Auch Pressefreiheit und Meinungsfreiheit werden eingefordert, als dürften die Demonstranten nicht seit Wochen durch die Stadt ziehen. Bachmann beteuert immer wieder, dass man nicht gegen Flüchtlinge oder gegen Ausländer im Allgemeinen sei. Auch am Asylrecht sei nichts auszusetzen - sofern es Menschen aus Kriegsregionen gewährt werde.

Doch wo ist die Grenze? „Wirtschaftsflüchtlinge“ will man nicht. Viele Sprüche der „Pegida“-Leute überschreiten Grenzen: „Bitte weiterflüchten“ heißt es zynisch auf einem Plakat. Auch die rechtsextreme NPD läuft bei den Aufmärschen mit.

Wohin sich „Pegida“ entwickelt, ist unklar. Bachmann verweist auf Nachahmer in Städten wie Kassel, Düsseldorf, Leipzig, München, Rostock, Magdeburg, Ostfriesland, Würzburg und Bonn. In den meisten Fällen hat sich das bisher auf einzelne Solidaritätsbekundungen oder Mahnwachen beschränkt. Auf Facebook gibt es jedoch schon Ableger der Protestbewegung wie etwa "Bagida" in Bayern. Mehrere tausend Menschen liken die Seite im Internet, die mit Parolen wie "Ab jetzt halten wir Deutschen zusammen!" nach weiteren Unterstützern im Netz fischt.

Ulbig (CDU): Pegida-Organisatoren als "Rattenfänger"

Die inzwischen öffentlich gewordene Vergangenheit Bachmanns könnte so manchen Bürger in Zukunft vielleicht eher abschrecken. Schon auf der Abschlusskundgebung am Montag hatte er eingeräumt, in der Vergangenheit Mist gebaut zu haben. Medien berichteten unter anderem über Verurteilungen wegen Diebstahls und eine Flucht nach Südafrika.

Die Linken werfen „Pegida“ „rassistische Stimmungsmache“ vor und sehen die sächsische Politik in der Pflicht. Die Regierung hielt sich bisher mit Einschätzungen zurück und warb eher allgemein für mehr Toleranz. Lediglich der sächsische Innenminister Markus Ulbig (CDU) sprach Klartext und nannte die Organisatoren der Demos „Rattenfänger“. „Da sieht man natürlich Hooligans, da sieht man natürlich NPD-Leute, und da sieht man AfD-Leute.“ Dennoch: Man könne nicht pauschal sagen, „dass das alles Rechtsextreme sind, die dort hingehen“.

dpa/wei

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