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Mehr Unterstützung nötig

„Zahl unserer Kunden enorm gestiegen“ - Der alltägliche Kampf der Tafeln

Ein eingespieltes Team: Gaby Riehl (Mitte) und die anderen Ehrenamtlichen in Puchheim räumen vormittags die Lebensmittelspenden ein. Bis abends müssen sie alles verteilen – und das so fair wie möglich.
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Ein eingespieltes Team: Gaby Riehl (Mitte) und die anderen Ehrenamtlichen in Puchheim räumen vormittags die Lebensmittelspenden ein. Bis abends müssen sie alles verteilen – und das so fair wie möglich.

Bayerns Tafeln verteilen im Jahr etwa 40.000 Tonnen Lebensmittel an Bedürftige. Doch es könnten deutlich mehr sein. Wenn es mehr Unterstützung gäbe. Nötig wäre das – denn immer mehr Menschen sind auf die Essensspenden angewiesen. Ein Besuch bei der Tafel in Puchheim.

Puchheim – Rumms. Die erste Kiste donnert über eine selbst gezimmerte Holzkonstruktion die Treppe hinunter. Unten wartet bereits Gaby Riehl, sie hievt die Plastikbox auf einen Tisch – und sofort beginnt das Ausladen. Salat in die Salatkiste, Paprika zu Paprika, Tomaten zu Tomaten. Gurken sind keine dabei. Wieder nicht. „Im Winter gibt es leider nicht so viel Obst und Gemüse“, sagt Riehl. Sie hatte gehofft, dass diese Woche mehr gespendet werden würde. Doch es sieht nicht so aus.

Sie und die anderen Helfer laden seit acht Uhr morgens Kisten aus, die die Supermärkte in und um Puchheim (Kreis Fürstenfeldbruck) für die Tafeln zusammengestellt haben. Alle müssen abgeholt werden, das übernehmen die Männer im Team. Sie fahren zwei Touren, von Supermarkt zu Supermarkt. Kein leichter Job, denn die Kisten sind schwer. Und die Ehrenamtlichen in Puchheim fast ausschließlich Rentner. Deshalb auch die Holzkonstruktion – sie ist Teil eines ausgeklügelten Systems, das das Team um die beiden Tafelleiterinnen Gaby Riehl und Monika Hage über Jahre aufgebaut hat, um seine Arbeit so gut wie möglich zu organisieren. Nicht nur in Puchheim bräuchten die Tafel-Mitarbeiter dringend Verstärkung – vor allem jüngere Helfer, denn die Arbeit kostet Kraft und ist anstrengend.

In Puchheim sind sie so gut eingespielt, wie man sein kann, wenn es darum geht, die Regale in den engen Kellerräumen jeden Donnerstag zu füllen und bis zum Abend wieder leer zu bekommen. Aber was sie erwartet, wissen sie nie. Es gibt nicht immer gleich viele Lebensmittelspenden. Zurzeit wird ein großer Supermarkt in Puchheim renoviert. Von dort kommen deswegen erst mal keine Kisten mehr. „Das spüren wir gewaltig“, sagt Elisabeth Weller. Sie ist eine der Helferinnen, die seit Gründung der Tafel vor 15 Jahren mithilft und mittlerweile auch im Vorstand der Bürgerstiftung aktiv ist, die Träger der vier Tafeln-Läden im Landkreis ist.

Bayernweit sind 200.000 Menschen auf die Tafeln angewiesen

Die Arbeit der Tafeln hat sich in den vergangenen 15 Jahren gewaltig verändert, berichtet Weller. „Die Zahl unserer Kunden ist enorm gestiegen.“ In ihrer Kartei sind es mittlerweile 160 – nur für Puchheim. Bayernweit sind 200.000 Menschen auf die Unterstützung der Tafeln angewiesen. Und mittlerweile ist jeder Vierte davon Rentner. „Sehr viele unserer Kunden sind aber auch alleinerziehende Mütter“, berichtet Weller. „Die Armut kann jeden treffen“, sagt sie. Sie hat in den vergangenen 15 Jahren so viele Geschichten von Schicksalsschlägen oder Unfällen gehört. Aber eben auch von Menschen, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet hatten, denen die Rente aber nun nicht zum Leben reicht.

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Die ersten Kunden stehen an diesem Nachmittag schon anderthalb Stunden, bevor die Tafel öffnet, vor der Tür. Es sind vor allem Frauen mit Kopftuch. „In den großen Hochhäusern hier leben seit vielen Jahren irakische Großfamilien“, berichtet Weller. Sie sind „Stammkunden“. Viele der Frauen können kaum Deutsch. „Danke“ sagen aber alle, als sie von den Helfern dann nachmittags die Lebensmittel ausgehändigt bekommen. Thilde Gruber-Melchers steht meist an den Kühlregalen, verteilt Joghurt, Milch, Butter. Sie ist 87 – und die älteste Helferin in Puchheim. „Jeder der von mir Lebensmittel bekommt, bekommt dazu auch ein Lächeln“, sagt sie. Denn sie weiß, wie viel Überwindung es viele Menschen kostet, zur Tafel zu kommen. „Niemand soll sich hier als Bittsteller fühlen“, sagt sie.

Lebensmittel sollen fair verteilt werden

Die Herausforderung, der sich die Ehrenamtlichen jeden Donnerstag stellen, ist nicht einfach: Die Lebensmittel sollen fair verteilt werden, auch die Kunden, die später am Nachmittag kommen, dürfen nicht leer ausgehen, erklärt Gaby Riehl. Abends müssen die Regale aber leer sein. Meistens gelingt es den Tafel-Mitarbeitern. Dank ihrer Erfahrung. Eine große Hilfe für sie wären die bayernweiten Logistikzentren, für die der Landesverband der Tafeln kämpft. „Allerdings müsste es davon viele geben und überall in Bayern“, sagt Weller. „Ein Zentrum in Nürnberg würde uns in Puchheim wenig helfen.“ Mit den Zentren könnten pro Jahr weitere 35 000 Tonnen Nahrungsmittel gelagert und verteilt werden. Die Tafeln bekommen die Spenden angeboten – können sie aber aus Platzgründen oft nicht annehmen. Für Puchheim würde ein solches Zentrum bedeuten, dass sie an Tagen, an denen kaum Gemüse in den Kisten liegt, auf Waren aus den Zentren zugreifen könnten. Es ist eine von vielen Forderungen, mit der sich die Tafeln vor einigen Wochen an die Politik gewandt haben. Noch ist unklar, wie viel Unterstützung die Ehrenamtlichen künftig bekommen werden. „Langfristig müssen wir mit mehr Lebensmitteln planen können“, betont Weller. Nicht nur damit sollte sich die Politik befassen, findet sie. „Es müsste viel häufiger die Frage gestellt werden, warum so viele Menschen auf die Tafeln angewiesen sind.“

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