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Kommentar zur Corona-Debatte

Ist es sinnvoll, „die Schuldigen“ zu finden? Nicht Corona, sondern die Gesellschaft spaltet

Coronavirus - Weihnachtsmarkt Bremen
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2G wird derzeit oft als Beweis für die vollständige Spaltung der Gesellschaft genannt. Doch ist die Regel allein für das Gefühl einer gespaltenen Gesellschaft verantwortlich? (Symbolbild)

Gibt es die Spaltung? 2G ist ganz klar eine Ausgrenzung. Aber Ausgrenzung ist nicht gleich Spaltung. Die rührt von anderer Seite her und macht die Corona-Zeit noch unangenehmer als sie sein müsste. Ein Kommentar von Online-Volontär Max Partelly.

„Wenn du dir eine Sache wünschen könntest, was wäre das?“, ist eine Frage, die normalerweise Antworten, wie „Glück“, „Geld“, „Liebe“ oder ähnliches hervorbringt. Heute wünsche ich mir nichts mehr als: „Lass dieses leidige Corona-Thema endlich vorbei sein.“

Ständig über das Virus zu reden, ist ermüdend. Die Recherchen sind aufwändig. Das Virus selbst bleibt über die Arbeit hinaus Thema Nummer Eins und die Maßnahmen sind allgegenwärtig. Es gibt kein Leben abseits von Corona mehr - für jeden. Und das nervt, egal ob man nun jegliche Maßnahmen generell gutheißt oder komplett ablehnt. Erfahrungsgemäß empfinden das auch die Positionen zwischen den Extremen so. 

Wer genervt ist, der streitet leichter. Nur wenige können ruhig bleiben, wenn die Geduld langsam aus der eisernen Reserve der Lebensenergie gezogen wird. Da sind wir alle gleich - menschlich eben.

Spaltung wegen 2G? Oder weil der Ton rauer wird?

Es geht oft um teils radikale Ansichten. Eine Diktatur wird eingesetzt, heißt es immer wieder in Kommentaren auf Facebook und Co. und auch auf der Straße (Plus-Artikel). An anderer Stelle wird mitgeteilt, dass der Staat bereits totalitär sei - auch oder gerade jetzt wegen 2G. Schließt man böswillig Ungeimpfte und Ungenesene aus (Plus-Artikel)? Ist das die Spaltung? Auch von gemäßigter Seite wird darüber diskutiert, ob das sinnvoll ist. Dafür muss man kein Querdenker sein. Die Ausgrenzung Ungeimpfter und Nicht-Genesener ist sicherlich nicht schön und auch nicht immer förderlich für das Verständnis weiterer Maßnahmen.

Dass 2G also der Grund für die Spaltung sein soll, mag auf den ersten Blick einleuchtend klingen, aber ist das wirklich so? Ausschlaggebend ist, dass es einen Grund für die Regelung gibt, nein sogar mehrere. Wer geimpft ist, hat statistisch gesehen Vorteile für sich selbst und die Gesellschaft (Plus-Artikel), wenn er oder sie in Kontakt mit dem Corona-Virus kommt. Wer geimpft ist, hat eine höhere Chance, nicht zu erkranken, kürzer ansteckend zu sein und/oder bei einem schwereren Verlauf, nicht auf der Intensivstation zu landen oder gar nach langem Kampf zu sterben.

Harte Regel gleich Spaltung?

Eine Regel, die begründet ist, als (alleinigen) Grund für die Spaltung zu sehen, ist fragwürdig. Die Alternativen sind dürftig bis nicht umsetzbar. Man könnte an einen kompletten Lockdown denken: Alle Geschäfte zu, niemand trifft irgendwen, alles auf Null für zwei bis vier Wochen. Wäre das machbar und zielführend? Man könnte 1G umsetzen, also jeder muss sich immer testen lassen, egal ob geimpft, genesen oder keins von beidem: Aber wie? Wie sollen die Labore das stemmen? Wie soll die Infrastruktur dafür schnell geschaffen werden? Wirklich überzeugen, kann auch diese Variante nicht. Zu guter Letzt die knallhart Version, die wohl die „freieste“ ist: Jeder für sich, keine Maßnahmen, keine Tests, also Durchseuchung. Dass das keine Option ist, dürfte jedem klar sein, der die Situation an den Kliniken in der Region in letzter Zeit verfolgt hat.

Irgendetwas muss also getan werden. Und da die Entscheidungen für alle zugleich getroffen werden, führt aktuell selten ein Weg an 2G vorbei. Solche ausweglosen Situationen machen Angst und wo Angst herrscht, wird der Ton rauer. Man fühlt sich in die Ecke gedrängt und sieht überall Bedrohung. Ein Hinweis, dass man etwas übersehen haben könnte, fühlt sich dann sofort wie ein Angriff an. Man fühlt sich in seinen Sorgen und Ängsten nicht ernst genommen - sei es nun die Angst, vor dem Virus oder vor Schäden durch Impfung oder Maßnahmen. Das gilt für jeden einzelnen und das macht das miteinander Reden schwer.

Hier entsteht die empfundene Spaltung. Die Belastung der aktuellen Situation wird zum Stolperstein für die Empathie. Beispielsweise werden Vorbehalte gegenüber der Impfung gerade im Online-Diskurs oft pauschal als „Schwurbelei“ abgetan, wo doch der Wechsel ins vertrauliche Gespräch sinnvoller wäre. Denn nicht jeder mit Bedenken glaubt, dass die Impfung einen Mikrochip in den Körper bringt oder noch schlimmere Gruselgeschichten. Schnell führt ein abfälliger Kommentar dazu, dass Verunsicherung zu Wut wird.

Streit statt Gespräch als Grund für Spaltung

Niemand vertritt ohne Grund eine mutmaßlich extreme Position. Der Position liegt immer eine Sorge oder ein Bedürfnis zugrunde. Mit Wut und Zorn auf unangenehme Äußerungen zu reagieren, mag menschlich sein, sorgt aber bei beiden Seiten gleichermaßen für das Gefühl, dass das Gegenüber die eigene Haltung missbilligt und nicht ernst nimmt. Man wendet sich ab, möchte nichts mehr damit zu tun haben und nimmt in Kauf, dass man nicht mehr miteinander spricht.

Kontaktabbruch mag eine manchmal notwendige Maßnahme sein, um sich selbst zu schützen, birgt aber den Effekt einer empfundenen Spaltung, wenn sie zu oft angewendet wird. Wenn die Gemeinsamkeiten ausgeblendet werden, wird das Gespräch unmöglich und das ist dann der wahre Grund für die Spaltung.

Offener mit klaren Grenzen diskutieren gegen die Spaltung

Wenn wir es schaffen können, ruhig miteinander über Sorgen und Ängste zu sprechen, dann haben wir eine Chance. Wenn der „Schwurbler“ in seiner Angst ernst genommen wird, dass die Maßnahmen nie wieder enden könnten, und der „Systemling“ in seiner Angst, dass zu viele Menschen - vielleicht auch im eigenen Umfeld - an Corona Schaden nehmen oder sogar sterben könnten, dann kann eine Debatte stattfinden. Aber nur, wenn es in beide Richtungen funktioniert. Dabei muss jeder bei sich selbst anfangen und am besten geht das im direkten Gespräch und nicht auf Text reduziert in den sozialen Medien. Am besten kommuniziert der Mensch mit anderen Menschen und nicht via Bildschirm. Dann ist die Spaltung auch abwendbar.

Schuldzuweisungen führen im derzeitigen Klima nur zu verhärteten Fronten. „Den Schuldigen“ gibt es nicht. Kaum einer der Streitenden möchte Maßnahmen, nur um den Einzelhandel zugrunde zu richten, oder die Verbreitung des Virus, damit behandlungsbedürftige Patienten quer durch Deutschland geflogen werden müssen. Kein Einzelner hat „die Schuld“ und schon gar nicht mit purer Absicht. Ohne dieses Verständnis kann kein Diskurs funktionieren.

Dass man nicht mit Personen diskutieren muss, die etwa die Meinung propagieren, dass die Impfkampagne zur Ausrottung der Menschen dienen soll, dürfte dabei klar sein. Auch wer die Debatte nutzt, um seinen Fremdenhass oder Antisemitismus zu verbreiten, ist oft nicht mehr zugänglich für ein ruhiges Gespräch. Wer sich das trotzdem vornimmt, sollte sich gut vorbereiten und wissen, wie man mit diesen Situationen umgeht. Auch ein wenig Auszeit von sozialen Medien kann oft Wunder bewirken. Dann trifft man auf einmal deutlich mehr Menschen, mit denen man tatsächlich eine Debatte ohne Streit führen kann.

Corona kann nicht sprechen, wir Menschen schon - wir sollten das nutzen

2G ist eine Regel. Die Gesellschaft muss darüber sprechen, aber mit Verständnis für Kritik. Das Corona-Virus ist weiterhin unterwegs und gefährlich. Auch darüber müssen wir sprechen. Für Kritik ist das Virus aber im Gegensatz zur Gesellschaft nicht empfänglich. Lasst uns unseren Vorteil nutzen und wieder ruhig miteinander sprechen. Direkt, empathisch und nach Möglichkeit nicht im toxischen Umfeld von Social Media.

mda