Kommentar von Bettina Pohl

Mit Marihuana gehandelt - den Tod verdient?

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Die Meinungen der einzelnen Leser unterscheiden sich teils drastisch voneinander.
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Burghausen - Es ist über neun Monate her, als Andre B. durch die Kugel eines Zivilfahnders den Tod fand. Weil er gedealt haben soll. Darf dies den Schuss rechtfertigen? Ein Kommentar:

Am 25. Juli 2014 fand Andre B. auf tragische Weise in der Burghauser Herderstraße den Tod - die Kugel eines Zivilfahnders traf den 33-Jährigen in den Hinterkopf. Die missglückte Polizei-Aktion und die laufenden Ermittlungen werfen auch nach einem Dreivierteljahr noch viele Fragen auf: Hat der Todesschütze die Waffe zu Recht, mitten in einem Wohngebiet und vor den Augen spielender Kinder, gezogen? Hat er Zivilisten und seinen eigenen Kollegen - der zwischen ihm und Andre stand -  mit der Schussabgabe gefährdet? Und wieso gibt es neun Monate später noch immer keinen Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft?

Die zentrale Frage, ob Anklage gegen den 36-jährigen Schützen erhoben werden sollte, beschäftigt unsere Leser nach wie vor. Obgleich ihm niemand unterstellt, mit Absicht ein Menschenleben ausgelöscht zu haben, machen sie ihrem Ärger über den "Cowboy" (Anm. der Redaktion: es handelt sich hierbei um die Aussage eines Facebook-Users) mit der Knarre und der deutschen Justiz auf unseren Facebook-Seiten Luft. Die Mehrheit der Facebook-User fordert einen Prozess und eine angemessene Strafe für den Beamten.

Doch auch eine andere Meinung findet sich im Sozialen Netzwerk, wie in diesem Kommentar: "Dealer töten mehr Leute!!! Das sind die Mörder" (Anm. d. Redaktion: Bezieht sich im Andre-Fall auf das Dealen mit Marihuana). Es drängen sich mir durch derartige Kommentare zwei Fragen auf: Wird man durch das Ausstellen eines Haftbefehls automatisch (wieder) zum Dealer? Und wie viele Menschen haben bislang den Tod durch Marihuana gefunden - eines Rauschmittels, das man sich auf Betäubungsmittel-Rezept zur Linderung der Symptome bei Erkrankungen wie Multiple Sklerose verschreiben lassen kann?

Unter Verdacht trotz Mangel an Beweisen

Andre B. war ein Dealer - ihm wurde der Prozess gemacht, er hatte seine Strafe bekommen und abgesessen. Seit seiner Haftentlassung 2013 ließ er sich, so seine Familie und engste Freunde, jedoch nichts mehr zu Schulden kommen. Die Durchsuchung seiner Wohnung ergab laut Ermittlungsakten keine Hinweise - weder auf den Handel noch auf den Konsum von Rauschmitteln. Auch bei der Obduktion konnten keinerlei Spuren auf Drogen in seinem Körper gefunden werden. 

Dennoch bestand der dringende Verdacht, dass Andre B. wieder unter die Dealer gegangen ist - und dieser brachte dem Burghauser einen Haftbefehl ein. Dessen Vollstreckung hätte ihn vielleicht erneut als Dealer überführt - oder aber die Vorwürfe gegen ihn aus der Welt geräumt. Wäre da nicht diese eine Kugel gewesen, die sein Leben schlagartig beendete.

Kurzer Weg vom Joint an die Nadel?

Genauso unerwartet verloren zwei weitere Männer ihr Leben, die bislang einzigen Todesfälle, die mit Marihuana in Verbindung zu bringen sind. Beide Fälle wurden durch die Uniklinik Düsseldorf aufgearbeitet. Und dessen Rechtsmediziner Benno Hartung war sich sicher: Sowohl bei einem 23-Jährigen, der plötzlich in einer Bahn zusammenbrach, als auch einem 28-Jährigen, den seine Freundin tot vorfand, war Herzversagen die Todesursache - in Folge von Cannabis-Konsum. Die Mehrheit der Wissenschaftler hält von dieser These jedoch nichts. Der Leiter der Rechtsmedizin an der Berliner Charité, Michael Tsokos, verwendet den Begriff einer "Verlegenheitsdiagnose." Der gelegentliche Konsum von Cannabis war das einzige, das diese beiden Männer gemein hatten.

Immer wieder wird Gras als Einstiegsdroge, möglicher Anfang einer Suchtkarriere, bezeichnet - das Argument schlechthin gegen eine Legalisierung. Dabei ist der Weg vom Joint an die Nadel ungefähr so lange wie der Gang vom Vodka-Regal im Supermarkt in die Betty-Ford-Klinik. Wahrscheinlich sogar noch ein Stückchen länger. So schreibt eine Userin zu dem Kommentar, der Andre als Dealer und somit Mörder skandiert: "Wie viele Leute töten dann erst Bierbrauer? Oder Schnapsbrenner?" Vom amerikanischen Präsidenten gäbe es an dieser Stelle ein Like, Obama vertrat in einem Interview die Ansicht, dass Kiffen auch nicht schlimmer als Trinken sei.

Unsere 27-jährige Online-Volontärin Bettina Pohl beschäftigt sich seit neun Monaten mit der missglückten Polizei-Aktion in Burghausen.

Die beiden jungen Männer, deren Todesursache eine Diskussion in der Fachwelt und der Medienlandschaft auslöste, hatten das Rauschmittel freiwillig konsumiert. Selbst wenn einwandfrei belegbar wäre, dass der Konsum die jungen Männer tötete, hatten sie doch eine Wahl. Für oder gegen den Kauf solcher Substanzen - für oder gegen das Rauchen der Droge, deren Legalisierung hunderttausende von Anhängern hat.

Flucht - keine Rechtfertigung für Todesschuss

Die Wahl zwischen Leben und Tod hatte Andre B. nicht, als er am 25. Juli 2014 den Wohnblock in der Burghauser Herderstraße betrat - in einer Badehose, unter Beobachtung zweier Zivilfahnder, vor der Geräuschkulisse spielender Kinder. 

Denn: Niemand, der in Deutschland einen Fluchtversuch vor der Polizei unternimmt, rechnet mit der Unterzeichnung des eigenen Todesurteils. Welches durch nichts zu rechtfertigen ist - auch dann nicht, wenn dieser Niemand unter Verdacht steht, Handel mit Marihuana zu betreiben.

Auf den Punkt bringt es letztendlich User Gerd: "Er war ein Mensch. Und er könnte noch leben."

Der Kommentar wurde von Online-Volontärin Bettina Pohl verfasst (bettina.pohl@ovb24.de)

Quelle: rosenheim24.de

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