Kommentar zur Kommunikation über die Corona-Impfung

Wolfram Henns „moralischer Impfzwang“ ist verwerflich und treibt einen Keil in die Gesellschaft

Die Impfdebatte erreicht aktuell einen neuen Höhepunkt nach einer provokanten Aussage von Humangenetiker und Medizinethiker Wolfram Henn
+
Die Impfdebatte erreicht aktuell einen neuen Höhepunkt nach einer provokanten Aussage von Humangenetiker und Medizinethiker Wolfram Henn

Die Forderung eines Mitglieds des deutschen Ethikrates wird aktuell heiß diskutiert. Sie ist gewollt provokant, hochgradig polarisierend und zudem schädlich für die Kommunikation. Ein Kommentar von Volontär Max Darga:

„Wer partout das Impfen verweigern will, der sollte, bitte schön, auch ständig ein Dokument bei sich tragen mit der Aufschrift: ‚Ich will nicht geimpft werden! Ich will den Schutz vor der Krankheit anderen überlassen! Ich will, wenn ich krank werde, mein Intensivbett und mein Beatmungsgerät anderen überlassen.“ Mit dieser Aussage machte sich Medizinethiker Wolfram Henn in weiten Teilen der Bevölkerung keine Freunde. Mit seinem Gastkommentar in der „Bild“-Zeitung schlug das Mitglied des deutschen Ethikrats gehörig auf die Pauke und die Reaktionen blieben nicht aus. Schnell meldete sich der Chef der deutschen Intensivärzte, Professor Uwe Janssens, zu Wort und distanzierte sich von Henns Aussage: „Wir Intensivmediziner sind uns einig: Wir werden jeden Patienten unabhängig von seiner politischen Einstellung behandeln.“


Auch Henn selbst ruderte bald zurück. Die Aussage sei nicht wörtlich zu nehmen und war als Denkanstoß und Provokation gedacht. Leider erreicht eine relativierende Meldung bei weitem nicht dieselbe Zahl an Menschen wie die erste, welche wohl unbedacht getroffen wurde. Henn wollte zum Nachdenken über die Impfung animieren. Das ist ihm mitnichten gelungen, denn für viele klingt seine Aussage nach einem „moralischen Impfzwang“.

Reaktionen zeigen das zentrale Problem: Entzweiung statt Denkanstoß


Ein kurzer Blick in die Reaktionen der Leser auf Facebook zeigt viele empörte Reaktionen. Der Grundtenor lautet, dass hier erpresst, keine Freiwilligkeit zugelassen und mit einer solchen Aussage zur Impfung gezwungen werde. So argumentieren viele Nutzer gegen Henns Aussage.

Auf der anderen Seite findet sich dann aber auch viel Zuspruch für die Forderung. Diejenigen, die in der Impfung keine Bedrohung sehen, stimmen Henn überwiegend zu. Oft ist zu lesen, dass die Forderung absolut konsequent sei und jemand der sich - ungeachtet der Gründe - nicht impfen lassen möchte, de facto kein Anrecht auf eine Intensivbehandlung haben solle. Diese beiden sehr gegensätzlichen Sichtweisen zeigen die polarisierende Wirkung von Henns Äußerung.

Es ist schnell klar, dass hier zwei Gruppen aufeinander treffen, die schon vorab eine feste Meinung mitbringen. Henns Aussage ist jetzt das Zündholz am Pulverfass der Impfdebatte. Eine Diskussion um die Erforschung, die Wirksamkeit und die Sicherheit des neuen Corona-Impfstoffs findet so nicht statt. Die Wirkung ist primär, dass sich noch unentschiedene Menschen genötigt fühlen, sich impfen zu lassen, oder einen massiven Nachteil akzeptieren zu müssen. Ohne Optionen, ohne Anregung - aber dafür mit einer recht expliziten Drohung gegen das persönliche Wohlergehen.

Wichtige Informationen über Corona-Impfung rücken weiter in den Hintergrund

Dass der Impfstoff zwar schneller als andere entwickelt wurde, aber unter den extrem hohen Standards für alle neuen Impfstoffe erarbeitet wurde, fällt dabei unter den Tisch. Dass die Menge der Probanden, deren Beobachtung die Sicherheit des Impfstoffs gewährleistet, sehr hoch (zwischen 10.000 und 60.000) ist, wird ebenfalls zur Nebensache. Diese überaus wichtigen Punkte in der Debatte um die Corona-Impfung bleiben außen vor, denn wer nicht vorab ein gutes Gefühl beim Gedanken an eine Impfung hatte, der fühlt sich natürlich jetzt in die Ecke gedrängt und oft direkt bedroht. Der Gedanke, bei einem Notfall keine Behandlung zu bekommen, löst in der Regel kein gutes Gefühl aus. Und damit denkt es sich schlecht ruhig und gelassen, wie vermutlich jeder nachvollziehen kann.

Es lässt sich also zusammenfassen: Wolfram Henn hatte mit seiner provokanten Aussage das Ziel, zum Denken anzuregen und den Leser seines Kommentars zum Nachlesen der Fakten, die hinter dem Impfstoff stehen, zu bewegen. Er verpackte diesen Gedanken in eine medial extrem schlagkräftige Aussage und ließ sie in einem Kommentar in der „Bild“-Zeitung auf die deutsche Bevölkerung los. Die Reaktionen zeigen klar, dass seine Absicht ihr Ziel verfehlte.

Was lässt sich daraus lernen? Denn ungeschehen machen kann er diese Aussage nicht mehr. Die Konsequenz, die wir als Bevölkerung daraus ziehen können ist, dass im Austausch mit Mitmenschen, die eine andere Meinung haben, nicht auf Drohungen und Diffamierungen zurückfallen sollten. Dadurch wird niemand plötzlich mit neutraler Sicht beginnen, seriöse Studien und Hintergrundberichte zu lesen. Denn wer anderen droht, wird als Bedrohung gesehen. Wer verständnisvoll kommuniziert, der ist ein guter Gesprächspartner, auch wenn das Thema ein schweres ist.

mda

Kommentare