Abwarten bei Tortechnik

Rettig: Computerbrille für Schiris denkbar

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Andreas Rettig

Berlin - Trotz der jüngsten Streitfälle sieht DFL-Funktionär Andreas Rettig keinen unmittelbaren Handlungsbedarf für eine Einführung der Torlinientechnik. Eine Computerbrille hält er aber für denkbar.

Mit der Einführung der Torlinientechnik tun sich die Bundesliga-Funktionäre trotz Stefan Kießlings legalem Phantomtor und anderer Streitfälle immer noch schwer. Als Innovationsmuffel will aber zumindest DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig nicht gelten und überraschte nun mit einer revolutionären Idee. Als der Fußball-Macher kürzlich in der Schweiz die Datenbrille Google Glass auf die Nase setzte, kam ihm offenbar ein Gedanke: Wenn Schiedsrichter mit einer entsprechenden Computer-Sehhilfe ausgerüstet wären, könnten alle Diskussionen um Fehlentscheidungen der Vergangenheit angehören.

„Wenn wir heute über technischen Fortschritt denken, dann müssen wir auch den nächsten Schritt in Erwägung ziehen“, sagte Rettig in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag). Die durch die FIFA vorgegebene unumstößliche Regelung der Tatsachenentscheidung durch die Referees könnte bestehenbleiben und der Unparteiische dennoch mit Hightech-Hilfe ausgestattet werden.

„Wenn der Schiedsrichter in seiner Brille das sieht, was jeder Fernsehzuschauer auf der Couch sieht, dann ist ein wichtiges Argument gegen den Videobeweis, nämlich dass der Schiedsrichter auf dem Platz nicht mehr Herr des Verfahrens ist, erledigt“, sagte Rettig. „Er muss sich nicht auf irgendjemanden externen berufen oder auf eine Technik, er könnte die Szene sofort bewerten.“

Der Liga-Funktionär räumte aber ein, dass ein Zeitpunkt solcher Neuerungen nicht absehbar sei: „Uns ist natürlich klar, dass so etwas ein langer Verfahrensweg ist“, betonte Rettig. Die Regelhüter des Weltfußballs vom International Football Association Board sind nicht für ihre Erneuerungskraft bekannt. Es bedurfte Jahre und eines Machtworts von FIFA-Präsident Joseph Blatter, um die nun bei großen FIFA-Wettbewerben und in Englands Liga eingeführte Torlinientechnik in den Regelbüchern zu gestatten. Auch bedürfte es einer Spezialausführung - bislang dürfen Fußballer aus Sicherheitsgründen keine Brillen tragen.

Die Rettig-Gedankenspiele kommen überraschend und laufen der bisherigen Argumentation der deutschen Fußballführungskräfte zuwider. Bislang hatte die Deutsche Fußball Liga technischen Neuerungen abwartend gegenüber gestanden. Die Torlinientechnik soll in der Bundesliga weiterhin frühestens 2015 eingeführt werden, sofern die Vereine es wollen und alle technischen Zweifel beseitigt sind. „Wir stemmen uns nicht dagegen“, sagte Rettig. „Klar ist aber auch, dass wir diese grundlegende Entscheidung sorgsam angehen müssen.“

Von den Torlinientechnik-Anbietern wünscht sich Rettig eine weitere Senkung der Fehlertoleranz auf 0,5 Zentimeter. Als mögliche Hinderungsgründe für die Einführung in der Bundesliga nannte er marginal bis kurios wirkende Details wie eventuelle Probleme mit Stromkreisläufen sowie notwendige Notstromaggregate in den Stadien, die Form der Torpfosten oder das Problem der Laufbahnen in einigen Bundesliga-Arenen.

Gegen die Google-Brille würden diese Hindernisse wohl eher nicht in Betracht kommen. Das Unternehmen hatte das Testprogramm kürzlich ausgeweitet. Nach Angaben von Mitte September hatten rund 10 000 Nutzer Google Glass zur Probe erhalten. Google Glass trägt auf einer Konstruktion ähnlich eines Brillengestells einen kleinen Bildschirm über dem rechten Auge, auf dem zum Beispiel Routenanweisungen oder Informationen aus dem Internet eingeblendet werden können. Die Brille reagiert auf Sprachbefehle und kann mit einer Kamera Fotos und Videos aufnehmen.

Rettig bezeichnet sich nicht als „Technik-Freak“. Und doch ist er von seiner Brillen-Option fasziniert. „Es ist doch egal, ob der Schiedsrichter das Handspiel selbst oder nach zwei Sekunden auf seiner Brille gesehen hat. Die Hauptsache ist, dass er es selbst gesehen hat.“

dpa

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