Eisschnelllauf Weltcup in Inzell:

Tolle Leistungen und klasse Stimmung

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Claudia Pechstein

Inzell - Herausragende Leistungen und mitreißende Stimmung bot der ESL Weltcup in Inzell an drei Tagen:

Tag 1: Silber und Bronze für Deutschland – Moritz Geisreiter unzufrieden - Roxanne Dufter stürzt

Was bedeutet der Begriff „Heimspiel“? Einerseits verschärfte Beobachtung, andererseits aber jede Menge Ansporn und öffentliches Interesse. Wenn man diese Faktoren berücksichtigt, sorgten die ersten drei Entscheidungen des Weltcups in Inzell für viel Zuversicht, erst recht nach den weniger erfolgreichen Olympischen Spielen. Judith Hesse gewann Silber im Sprint. Patrick Beckert eroberte zum zweiten Mal in dieser Saison das Treppchen: Dritter über 5000 m. Jenny Wolf (fünfte) und Monique Angermüller als Zehnte über 1500 m sorgten für einen rundum gelungenen Auftakt. „Der absolute Hammer“, entfuhr es Judith Hesse nach einem fulminanten 500-m-Rennen. Nur eine Hundertstel trennten sie von Gold, das an Heather Richardson (USA) ging. „Ich bin wütend gestartet, gleichzeitig aber auch ängstlich“ Beobachter der Sotchi-Spiele wissen warum: anstatt in Topform Olympia zu ihrer Plattform zu machen, folgte die Disqualifikation durch zwei Fehlstarts. „Der schwärzeste Tag meiner Karriere“, blickt die 31-jährige Erfurterin. Aber: Rang 2 in einem Weltklassefeld mit starken 37,86 Sekunden, der erste Podiumsplatz beim Weltcup über 500 Meter. Dank Inzell, so die Glückliche. "Für mich immer eine gute Bahn“, dann folgte der Dank ans Publikum, das schon nach dem ultraschnellen Angang (10,25) spürte, wieviel Feuer im Lauf der Judith Hesse steckte.

Für Moritz Geisreiter kam es über 5000 m wie befürchtet. „Eine Woche ohne Training, mit schweren Beinen“ mühte sich der Lange – und kam nicht in Schwung. „Kein Punch. Doch ich bin ein schlechter Verlierer und das nervt mich jetzt schon.“ Platz 14. Sieger wurde 10.000-m-Olympiasieger Jorrit Bergsma (Niederlande). Monique Angermüller nannte ihren 10. Platz über 1.500 Meter in 1:57,12 „versöhnlich“ - nach schmerzhaften Sotchi-Erfahrungen. „Vielleicht war es der beste Lauf der Saison. Dass einige aber deutlich schneller liefen, steht auf einem anderen Blatt.“ Wen wundert’s: Die Niederländerin Ireen Wüst bewies einmal mehr ihre Sonderklasse und gewann unter dem Jubel der vielen holländischen Fans auch in Inzell. Die Inzellerin Roxanne Dufter wurde über in der B-Gruppe über diese Distanz durch einen Sturz ihrer Hoffnungen beraubt.

Tag 2: Starke Sprinter – Massenstart als Eyecatcher

„Ein guter Tag im Sprintbereich“ für die DESG-Athleten, so Teamleader Helge Jasch. „Angefressen“ nach den ersten 500 Metern hatte sich Jenny Wolf  vor ihrem letzten Start in Inzell zurückgezogen – um an Tag Zwei stark zu kontern. In 37,89 Sekunden skatete sie sich zu Bronze. Ein Regisseur hätte es kaum dramatischer arrangieren können: „Servus“ auf dem Podest. Dann folgte ein stilvoller Abschied: mit zwei Blumensträußen absolvierte die Berlinerin ihre Ehrenrunde, ergriffen und glücklich, gefeiert von den Fans Judith Hesse, Zweite vom Vortag, die im direkten Duell mit Wolf gleich nach dem Start entscheidende Zeit „liegen ließ“ lief auf Platz sieben (38,25. Auf Platz drei lief Nico Ihle über 500 m. Daran kann man sich gewöhnen, es ist noch nicht lange her, da schienen Top10-Ergebnisse außer Reichweite. Nun erwiesen sich 35,05 Sekunden als Entree aufs Treppchen. Sieger über 500 Meter war der Niederländer Ronald Mulder.

Dann folgten echte Nico-Statements: „Wir haben hier zurückgeschlagen. Das war die beste Antwort nach Olympia.“ Und damit meinte er die gesamte Eisschnelllauf-Spezies. Sein Lauf sei keineswegs „optimal“ gewesen, die Motivation dagegen auf aller höchstem Level. Dass über 1000 Meter Publikumsliebling Shani Davis seinen olympischen Durchhänger mit einem souveränen Sieg tilgte, unterstrich, dass schon kurz nach dem Saison-Highlight andere Gesetze gelten. Über 3000 m der Damen aber setzte Ireen Wüst ihre eindrucksvolle Siegesfahrt fort, einige Olympia-Helden, auch die überragenden Oranjes, aber hatten zu beißen. Insgesamt waren viele gesundheitlich angeschlagen aus Russland zurückgekehrt. Claudia Pechstein trat dennoch an. „Sie hat es probiert“, so Helge Jasch, doch der Runden-Plan mit 31,8er-Zeiten ließ sich nicht realisieren. Bente Kraus (Zehnte.) fühlte sich wohl. „Ich bin zu schnell losgelaufen – und das Endergebnis entspricht dem, was ich im Moment kann. Jetzt bin ich bereit, noch konsequenter künftig höhere Ziele anzupeilen.“ Als Stimmungs-Bringer nach über acht Stunden Eis-Spektakel erwies sich der Massenstart: 21 Herren, 20 Runden, Full Speed – die Zuschauer skandierten: „Das war Spitze“. Hohes Tempo, Zwischenspurts, mal aufgereiht wie an der Perlenkette, dann auseinandergerissen sauste das Kufen-Peloton um die 400-m-Bahn. Moderator Pino Dufter animierte die Fans „make noise“ zum Mitmachen, dann zeigte u.a. Felix Rijhnen als Mitglied einer Dreier-Gruppe, was gehen kann. „Ich denke, wir haben eine gute Show abgeliefert, ich habe die Offensive gesucht.“ Auf der Ziellinie dominierten die Oranje-Spezialisten, beachtlich schlug sich Weltcup-Debütant Felix Maly als Neunter. „Dass ich hier überhaupt dabei sein konnte…“ freute sich der 20-jährige Erfurter, „und der Massenstart macht wirklich Spaß.“ Gegen die Verletzungsgefahr schützen Schienbeinschoner, schnittfeste Socken und Handschuhe, die Kufenenden sind rundgeschliffen. Im B Lauf über 1.000 Meter belegte der Inzeller Hubert Hirschbichler  über 1.000 Meter in 1:11,41 den elften Platz.

Eisschnelllauf-Weltcup Inzell

Tag 3: Starke Sprinter – Roxanne Dufter wird Dritte

Der letzte Weltcup-Tag in Inzell entsprach bayerischen Gepflogenheiten. Frühlingshaftes Kaiserwetter draußen – und in der Max-Aicher-Arena eine dicke Überraschung. Nico Ihle versilberte seine Bronzemedaille, holte über 500 m einen weiteren Podestplatz, hinter dem Niederländer Jan Smeekens. Labsal für manche nach Olympia geschundene Seele. Die deutschen Eisschnellläufer haben einen Teil ihres Terrains zurückerobert. Und die Gegner zollten Respekt. In seinem Lauf hatte er Ronald Mulder bezwungen, seine Bestzeit (auf einer Flachlandbahn) von 34,99 auf 34,97 Sekunden gedrückt. Der Chemnitzer war im letzten Paar gestartet. Ein Ausdruck mehr für die künftige Sprint-Hierarchie - mit deutscher Beteiligung. Das sorgte für „innere Anspannung“, aber der 28-Jährige bewahrte seine Lockerheit, legte eine blitzsaubere zweite Kurve hin – und überholte mit mehr Speed den niederländischen Favoriten. Monique Angermüller belegte, wie schon über 1500 m, auf der 1000-m-Strecke den zehnten Rang. Beim Start büßt sie regelmäßig 3,4 Zehntelsekunden ein, die “sich auf den Runden dann potenzieren“, so die Berlinerin. Ihre Läufe von Inzell aber „haben gepasst“. Da geraten die Sotchi-Spiele etwas in Vergessenheit. Auch für die Inzellerin Gabi Hirschbichler, die nach ihrem 16. Platz guten Mutes ist, einen Startplatz für Heerenveen zu ergattern.

Siegerin über 1.000 Meter wurde die USA-Amerikanerin Heather Richardson. Vorher hatte Roxanne Dufter  im B-Lauf als Dritte erste Weltcup-Punkte gesammelt – und Selbstvertrauen getankt. Jetzt lautet die Devise der blonden Inzellerin „in der nächsten Saison bei allen Weltcups“ präsent zu sein. Hubert Hirschbichler wurde in der B-Gruppe über 1.500 Meter in 1:50,26 9er, während Brian Hansen die 1.500 Meter in der A-Gruppe gewann. Massenstart ist revolutionär, hat Zukunft (2015 im WM-Programm) – und bleibt gefährlich. Beim Rennen der Damen zog sich Roxanne Dufter bei einem Crash in die Bande Schnittverletzungen an der Nase zu, auch Konkurrentinnen mussten von den Sanitätern „verpflastert“ werden. „Trotzdem macht das Spaß“, so Roxanne tapfer. Vor allem gefiel es Claudia Pechstein (Bild 15). „Mit 42 gewinnen nicht viele einen Weltcup“, sagte sie. Wie zwei Ausreißer beim Radsport hatten sich die Berlinerin und die Niederländerin Ensing taktisch clever abgesetzt, sich optimal während sechs Runden abgelöst, das Finish gehörte Claudia. Der auch attraktive Teamsprint mit jeweils drei Startern steckt in den Kinderschuhen, da zu wenige Nationen dem Beispiel der Deutschen (mit Hubert Hirschbichler) und Niederländer mit einer eigenen Mannschaft folgten. Für Macher Hubert Graf und 150 ehrenamtliche Helfer hat sich der Einsatz einmal mehr gelohnt. „Was hier in den Tagen des Weltcups, aber auch davor und danach von den Helfern geleistet wurde, verdient höchste Anerkennung“ lobt Graf seine Leute. Weil sich auch viele Einheimische von den „Vibrations“ der niederländischen Fans samt der Glasblazers-Kapelle anstecken ließen. „Von der Stimmung sicherlich das Beste auf Weltcup-Niveau.“ Rund 5.000 Zuschauer sorgten für einen tollen Besuch. „Und wir werden uns jederzeit wieder für Top-Events bewerben“, kündigte Graf an. Übergesprungen war der Funke auf der allabendlichen „Medal Plaza à la Inzell“ mit allen Stars. Organisiert von „Vision Ice“ zeigten hier die Inzeller einmal mehr, zu was sie in der Lage sind, wenn sie zusammen stehen. Marcus Geppert, Abteilungsleiter Eisschnelllauf beim DEC kündigte an: „Auch wenn ich vier Tage kaum Schlaf fand, ich freue mich auf das nächste Mal!“ Sportlich zog Chef-Bundestrainer Markus Eicher das Fazit. „Wir waren hier bedeutend besser als in Sotchi. Mit diesem Rückenwind kann man wieder optimistischer in die neue Saison gehen.“

Wilfried Hess

Quelle: rosenheim24.de

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