Offener Brief einer Meridian-Pendlerin

"Sie können ja mit Auto oder Taxi fahren!"

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Pendlerin (im Bild) schreibt offenen Brief und erhebt sehr deutliche Vorwürfe gegen Meridian.

Landkreis - Das Pendler-Chaos findet einfach kein Ende: Jetzt erreichte uns ein offener Brief einer Frau, die darin sachliche, aber sehr deutliche Vorwürfe gegen Meridian erhebt.

Die Frau, die seit vielen Jahren von Brannenburg nach München und zurück pendelt, schildert in ihrem Brief, der neben der Meridian-Geschäftsführung auch regionale Politiker und Medien erreichte, die aus ihrer Sicht zum Teil skandalösen Zustände in den Meridian-Zügen. Um im Zug wenigstens eine Zeit lang Sitzen zu können, hat die Frau nun sogar eine Anzeige wegen Schwarzfahrens in Kauf genommen, weil sie sich einfach auf einen Platz in der 1. Klasse gesetzt hatte.

Die weiteren Hauptvorwürfe der Brannenburgerin: Die Pendlerzüge seien viel zu kurz und daher nahezu immer überfüllt. Hinzu kämen Verspätungen und unverschämtes bzw. unverfrorenes Personal.

Der offene Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin langjährige Berufspendlerin auf der Strecke Brannenburg - München und habe am Mittwochmorgen ein Strafverfahren wegen Schwarzfahrens in der 1. Klasse in Kauf genommen, um mich gegen die Behandlung der Pendler durch Meridian zu wehren. Zwei Mitreisende haben dasselbe getan. Sie sind mir namentlich bekannt und stehen hinter diesem Brief. Einer wird sich in einem eigenen Beschwerde-Schreiben an Meridian wenden.

Als Pendler mit Jahres-Abo habe ich grundsätzlich nichts für Schwarzfahrer übrig und zahle auch weiterhin trotz der Minderleistung vom Meridian selbstredend den vollen Abo-Preis. Aber alle öffentlichen Interventionen von Politikern und BEG haben auf meiner Strecke nichts gebracht. Im Gegenteil, wie zum Hohn auf die neuerlichen Versprechungen von Herrn Müller-Eberstein beim Runden Tisch hat sich die Situation im morgendlichen M79056 Kufstein - München Ost seit dem 07.01.2014 sogar noch verschlechtert.

Das wollte ich nicht länger hinnehmen. Der Frühzug M79056 ist für das jetzige normale Pendleraufkommen viel zu kurz. Am Dienstag (07.01.2014) kam der Zug mit 10 Minuten Verspätung, die ersten Reisenden mussten bereits ab Brannenburg stehen, ab Assling war der Zug überfüllt. Ich hatte mich am Dienstag darüber bei Meridian beschwert.

Am Mittwoch genau dasselbe Spiel: Diesmal setzte ich mich in das 1.Klasse-Abteil unmittelbar hinter der Lok, obwohl ich natürlich weiß, dass ich das mit meinem 2. Klasse-Abo nicht darf. Die Meridian-Schaffnerin, die sich in diesem Abteil befand, forderte mich umgehend auf, den 1. Klasse-Zuschlag zu entrichten oder das Abteil sofort zu verlassen. Ganz hinten im Zug seien noch Sitzplätze frei. Eine Durchsage dazu als Hinweis für alle Reisenden wollte die Schaffnerin aber nicht machen.

Als ich mich über den zu kurzen Zug beschwerte, belehrte mich die Schaffnerin, dass ich mit meiner Fahrkarte nur Anspruch auf Beförderung in der 2.Klasse, nicht aber auf einen Sitzplatz hätte. Das ist selbstredend korrekt. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass die BEG die Strecke an Meridian vergeben hat, damit die Fahrgäste regelmäßig im dichten Gedränge stehend zusammengepfercht irgendwie und irgendwann nach München gekarrt werden.

Ich blieb also im 1. Klasse-Abteil und gab der Schaffnerin sofort unaufgefordert meinen Ausweis zum Aufnehmen meiner Personalien. Im weiteren Wortwechsel erklärte sie mir dann auch noch, wenn mir die Beförderungsbedingungen bei Meridian nicht passten, könnte ich ja mit Auto oder Taxi nach München fahren.

Eine solche Aufforderung ist unverfroren. Hätte Meridian nicht ein öffentliches Beförderungsmonopol und hätten die Pendler de facto eine Alternative, wäre das Unternehmen im freien Wettbewerb vermutlich bereits mangels Fahrgästen in die Insolvenz gegangen.

Nachdem die Schaffnerin meine Personalien fertig aufgenommen hatte, gab sie mir trotz mehrmaliger Aufforderung meinen Personalausweis nicht zurück, sondern verschwand damit sogar noch minutenlang im Lokführerstand. Ich zog ihr meinen Ausweis schließlich mit einem schnellen Griff aus den Händen. Ein anderer Meridian-Mitarbeiter – vermutlich der Lokführer – meinte später, er habe sehr wohl gesehen, dass ich seiner Kollegin sogar etwas entrissen habe. Offenbar wollte er damit andeuten, ich hätte mich eines verbotenen körperlichen Übergriffs gegen die Schaffnerin schuldig gemacht.

In Raubling kam ein weiterer Reisender mit 2. Klasse-Abo in das 1.Klasse-Abteil. D iesen Reisenden fuhr der Lokführer lautstark an, er solle sich über die Zustände bei Meridian nicht beim Personal, sondern beim Unternehmen selbst beschweren. Auch dieser Reisende ließ schließlich seine Personalien aufnehmen, nachdem der Lokführer drohte, sonst in Assling nicht weiter zu fahren.

Zwischenzeitlich war in Rosenheim noch eine weitere Reisende in das 1. Klasse-Abteil gestiegen. Auch sie besitzt nur ein 2. Klasse-Abo. Schaffnerin und Lokführer verzichteten aber auf eine Kontrolle und verschwanden für den Rest der Fahrt im Führerstand. Einen Kontrollgang durch den inzwischen hoffnungslos überfüllten Zug hielt die Schaffnerin für ebenso überflüssig wie eine Durchsage, um sich bei den Fahrgästen für die Überfüllung zu entschuldigen. Sich in solchen Situationen im Führerstand zu verschanzen ist nach meiner Erfahrung das übliche Verhalten des restlos überforderten Zugpersonals von Meridian.

Ich und der andere Reisende warten jetzt darauf, von Meridian wegen Schwarzfahrens angezeigt zu werden. Wir sind, wie auch die dritte Reisende, ältere Semester der Generation 50+, bislang unbescholtene Bürger, pendeln seit vielen Jahren nach München und lassen den Abo-Preis von deutlich über 1.000 Euro p.a. seit Jahr und Tag von unserem Konto abbuchen.

Mit der Leistung der Bahn AG waren wir keineswegs immer zufrieden. Wir haben uns auch bei einigen Gelegenheiten in deutlichen Worten darüber beschwert. Aber die bisherige Leistung von Meridian schlägt dem sprichwörtlichen Fass die Krone ins Gesicht. Und regelrecht fassungslos macht mich der Umstand, dass dies alles nur möglich ist, weil die BEG die Strecke offenbar leichtfertig an Meridian vergeben hat, statt vom Staatsunternehmen Bahn AG eine verbesserte Leistung zu verlangen.

Mit genervten Pendlergrüßen

Eine Pendlerin (Name ist der Redaktion bekannt)

redro24/mw

Quelle: rosenheim24.de

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