"Jodl-Grab": Wolfram Kastner in Rosenheim vor Gericht

"Die Kunstfreiheit ist kein Grund für Rechtfertigung"

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Zusammen mit seinem Anwalt, Hartmut Wächtler, gab sich Kastner zu Prozessbeginn noch zuversichtlich
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Rosenheim - Unter anderem wegen Sachbeschädigung und Diebstahl musste sich Wolfram Kastner am Dienstag vor dem Amtsgericht verantworten. Aus seiner Sicht hat er sich nichts zu Schulden kommen lassen:

Dem 70-jährigen Münchner Aktionskünstler wurde vorgeworfen, dass er das Grab des Nazi-Generals Alfred Jodl auf der Insel Frauenchiemsee mehrmals beschädigt, einen Teil davon entwendet und die Nachfahren des verurteilten Kriegsverbrechers bedroht haben soll. Unter dem Vorsitz von Richterin Christina Wand sorgten bereits zu Beginn der Sitzung einige Postkarten, die der Angeklagte mitgebracht hatte, für Wirbel. Mit Motiven aus seinen Ausstellungen versehen, wurden die Flyer aber zuvor vom Ordnungspersonal beschlagnahmt.

Richterin Christina Wand befand, dass die Postkarten von der eigentlichen Hauptverhandlung ablenken könnten. Der Ton im Saal war dabei von Anfang an sehr rau. Sowohl Anwalt Hartmut Wächtler als auch Wolfram Kastner fielen der Richterin immer wieder ins Wort. Auch aus den Zuschauerreihen kamen immer wieder Zwischenrufe

Kunstaktionen an Nazi-Scheingräbern?

Bereits vor der Verhandlung in Rosenheim bekannte sich Kastner offen zu den Schmierereien am sogenannten "Jodl-Grab"

Richtig ist, dass ich mit anderen Personen Kunstaktionen gemacht habe“, so Kastner gleich zu Beginn seiner Einlassung. Er verwies auf die, aus seiner Sicht, vielen Fehler in der Anklageschrift. Es handle sich bei der Stätte auf der Insel Frauenchiemsee nicht um ein Grabmal, so die Argumentation des Angeklagten. Im Jahr 1999 sei er zum ersten Mal auf den sogenannten „Kenotaphen“, ein Schein-Grab, aufmerksam gemacht worden. Das Grab des verurteilten Kriegsverbrechers sei rechtswidrig errichtet worden, so Kastner. „Meine Motive hängen damit zusammen, dass es sich um einen der Hauptkriegsverbrecher handelt, der dort geehrt wird“, so Kastner weiter. Viele Menschen auf der Insel würden sich darüber ärgern, dass das Ehrenmal nicht entfernt werde, Petitionen gegen das „widerwärtige Ehrenkreuz“ seien gestartet worden.

Zunächst habe er sich schriftlich an den Bürgermeister gewandt und höflich gebeten, das Denkmal zu entfernen. Bereits kurze Zeit später, nach der Ablehnung durch den Gemeinderat im Jahr 2014, habe man eine erste Aktion auf der Insel durchgeführt. Mit roter Farbe sei das Grab übergossen worden. Der zugehörige Strafbefehl wegen Sachbeschädigung und Störung der Totenruhe war aktuell aber nicht Teil der Hauptverhandlung, er wurde bereits in der Vergangenheit eingestellt.

Weitere "Kunstaktionen" durchgeführt

Nachdem das Grab wieder in den Original-Zustand gebracht worden war, brodelte es im Aktionskünstler. Er gab zu, kurze Zeit später, das „J“ auf dem Grab entwendet und an das kunsthistorische Museum in Berlin verschickt zu haben. „Ich wollte es ja nicht behalten“, rechtfertigte sich Kastner; aus seiner Sicht handle es sich bei der Aktion also auch nicht um Diebstahl. Immer wieder betonte der Angeklagte dabei vor Gericht, dass es sich beim Jodl-Grab auf Frauenchiemsee um ein Ehren-Mahl für den verurteilten und hingerichteten Kriegsverbrecher handle. Aus seiner Sicht eine absolute Frechheit: „Dieses Ehrenkreuz ist eine Verhöhnung für Millionen Opfer“, so Kastner, und redet sich weiter in Rage: „Da kriege ich Atemnot!

Nach seiner zweiten Aktion habe sich Kastner mit einem der beiden Nachkommen der Familie Jodl in Verbindung gesetzt. Im Mail-Verkehr zwischen den Parteien konnte jedoch keine Einigung erzielt werden. Stattdessen habe Kastner darauf hingewiesen, dass, sollte es nicht zu einem Kompromiss kommen, weitere Aktionen folgen sollten. Gesagt, getan. In einer weiteren, sogenannten „Schütt-Aktion“ mit roter Öl-Farbe habe man sich erneut gegen die „Verherrlichung der Kriegsverbrechen von Jodl“ zur Wehr gesetzt. Dazu habe man auch ein Schild angebracht, um auf den geschichtlichen Rahmen und die Taten von Alfred Jodl hinzuweisen. „Wer hier nicht handelt, handelt verkehrt“, rechtfertigte sich Kastner weiter vor Gericht. „Ansonsten können wir gleich ein Ehrenkreuz für Hitler, Himmler oder Göbels aufstellen“, so der 70-jährige Künstler gegen Ende seiner Einlassung. Alle gleichartigen Denkmäler hätten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ohnehin zerstört werden müssen, ergänzte Rechtsanwalt Hartmut Wächtler in Bezug auf die Rechtslage. Insofern habe sein Mandant nur geltendes Recht durchgesetzt und sich nicht strafbar gemacht.

Kastner kurz nach der letzten Aktion auf der Fraueninsel aufgegriffen

"Aktionskunst" auf dem Friedhof der Fraueninsel - Wolfram Kastner räumte alle Vorwürfe ein

Als erster Zeuge äußerte sich der polizeiliche Sachbearbeiter vor Gericht. Der Kriminalbeamte gab an, alle Fälle, die die Aktionen von Wolfram Kastner betroffen hätten, bearbeitet zu haben. Zunächst berichtete der Polizist von den verschiedenen Aktionen und beschrieb die Vorgehensweisen. Beim letzten Fall sei die Polizei durch zwei Zeugen auf eine erneute Beschädigung des Grabes aufmerksam gemacht worden. Noch vor Ort hätten Polizeibeamte den Angeklagten dann angetroffen.

Weitere Angaben machte danach ein Polizist der Polizeiinspektion in Prien. Zusammen mit einem Kollegen sei er im Rahmen der letzten Aktion des Angeklagten auf die Fraueninsel gefahren. Dort habe man Wolfram Kastner im Bereich aufggefunden. Dieser habe sofort zugegeben, den Stein mit Farbe überschüttet und beschriftet zu haben. Weitere Aussagen wollte der Künstler vor Ort aber nicht machen. Zeugen, die den 70-jährigen Münchner bei der Tat beobachtet haben wollen, konnten dann aber noch Details zur Klärung beitragen, so der Beamte. Zusammen mit dem Künstler sei noch ein weiterer Mann, der sich als Journalist ausgegeben hatte, auf der Fraueninsel angetroffen worden. „Vor Ort hat der Angeklagte gemeint, dass das Verfahren ja sowieso wieder eingestellt wird“, ergänzte der Polizist auf Nachfrage von Richterin Christina Wand.

Die Plädoyers der Prozessbeteiligten

In ihrem Plädoyer besprach zuerst Staatsanwältin Dr. Kerstin Spiess erneut den Ablauf der „Kunst-Aktionen“ auf der Fraueninsel. Sie sah den Angeklagten der Sachbeschädigung, des Diebstahls und der Nötigung überführt, so wie sie zu Beginn der Hauptverhandlung bereits ausgeführt hatte. Sie sei auch weiterhin davon überzeugt, dass es sich beim Grab als solches um eine Einheit handle. Das Kreuz in der Mitte könne nicht isoliert von den Steinen der beiden Frauen, die an der Stelle begraben liegen, angesehen werden. Die Wegnahme des Buchstaben „J“, dem ersten Buchstaben des Nachnamens von Alfred Jodl, erfülle definitiv den Tatbestand des Diebstahls , so Dr. Spiess, selbst wenn der Angeklagte den Buchstaben an ein Museum weitergeschickt habe..

"Die Kunstfreiheit ist kein allgemeiner Rechtfertigungsgrund“, so die Staatsanwältin weiter. Sie finde dann ihre Grenzen, wenn andere Rechte beeinträchtigt werden. Daher sehe sie den Sachverhalt der Sachbeschädigung ebenfalls als erfüllt an, das Erscheinungsbild des Grabes sei nicht nur vorübergehend deutlich verändert worden. Die versuchte Nötigung schließlich habe der Angeklagte ja vor Gericht gestanden. Im Gespräch mit dem Eigentümer habe der Angeklagte aufgezeigt, was passieren werde, wenn sich der Nachfahre nicht an der Aktion beteiligen werde. “Wir müssen sein Motiv aber trotzdem in der Strafzumessung berücksichtigen“, so Dr. Spiess abschließend. Insgesamt forderte die Staatsanwaltschaft deshalb, den Angeklagten zu 150 Tagessätzen zu je 20 Euro zu verurteilen.

Wolfram Kastner (li.) und sein Anwalt Hartmut Wächtler am Dienstag in Rosenheim

Das ist ein merkwürdiger Prozess, in dem wir uns heute befunden haben“, stieg Rechtsanwalt Hartmut Wächtler in sein Plädoyer ein. Auf der einen Seite die Reaktionen in Politik und Gesellschaft auf die schrecklichen Taten des Kriegsverbrechers Alfred Jodl. Auf der anderen Seite stehe der Stein auf der Insel Frauenchiemsee. Das Denkmal sei bereits in der Vergangenheit, in den 50er Jahren, rechtswidrig aufgebaut worden. Jedoch niemand habe sich daran gestört. „Es handelt sich nicht um ein Grabmal. (…) Es ist ein Gedenkstein, der mitten auf dem Friedhof dargestellt ist“, so Wächtler weiter. Die Familie von Alfred Jodl gehe nach wie vor davon aus, dass sie die Ehre und die Unschuld ihres Vorfahren verteidigen müsse, folgerte der Anwalt. Auch die Aktionen rechtsextremistischer Gruppierungen auf der Insel seien dann nur die Folge des Bestehens des Gedenk-Steins. „Es kann nicht sein, dass ein Denkmal dieser Art unangefochten auf einem Friedhof steht“, so die zusammenfassenden Worte des Anwalts. Grund und Rechtfertigung genug für seinen Mandanten, in dieser Sache selbst tätig zu werden. Er forderte einen Freispruch.

Wolfram Kastner wandte sich in seinem letzten Wort nur kurz an das Gericht: „Der Worte sind genug gewechselt“, so der 70-jährige Münchner knapp.

Das Urteil durch Richterin Christine Wand

Hiermit wird der Angeklagten zu einer Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 15 Euro verurteilt,“ so die vorsitzende Richterin Christine Wand in ihrem Urteil. Es habe sich so zugetragen, wie es von der Staatsanwaltschaft vorgetragen wurde, davon sei sie überzeugt. Sachbeschädigungen, das Hinwegsetzen über die Eigentumsverhältnisse anderer, könne nicht über die Kunstfreiheit gestellt werden. Das selbe Prinzip, jedoch mit anderer Wertigkeit, treffe beispielsweise auch bei Graffiti-Sprayern zu. Mit diesem Urteil wolle man sich keinesfalls auf die Seite des „braunen Mobs“ stellen, das Eingreifen in fremdes Eigentumsrecht rechtfertige die Mittel jedoch nicht, sich wie Kastner über das Gesetz hinwegzusetzen. Ein klarer Fall von Selbstjustiz, so die Richterin: „Meine Grundrechte hören da auf, wo die Rechte anderer anfangen“, so Christine Wand abschließend. Die Tagessätze orientierten sich an der Minimal-Grenze.

Noch während der Urteilsbegründung erhob sich der Angeklagte wütend von seinem Platz und verließ den Saal. Zahlreiche Anhänger taten es ihrem Vorbild Kastner schließlich gleich und räumten den Saal unter lauten, abfälligen Äußerungen. Bereits vor der Verhandlung hatte Kastner angekündigt, im Falle einer Niederlage, durch weitere Instanzen gehen zu wollen

Quelle: rosenheim24.de

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