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Urteil

Salafistenprediger Sven Lau muss fünfeineinhalb Jahre in Haft

Salafistenprediger Sven Lau muss fünfeineinhalb Jahre in Haft

"Es gibt keinen Schutzraum"

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Im anonymen World-Wide-Web ist es leicht, andere zu attackieren. Für betroffene Jugendliche hat das sogenannte Cyber-Mobbing oft katastrophale Folgen.

Rosenheim - Kopf- und Bauchschmerzen bei Jugendlichen können ein Zeichen dafür sein, dass sich die Psyche wehrt - zum Beispiel gegen Internetmobbing.

Wochenlang war die introvertierte 15-Jährige im Internet wegen ihres unmodischen Auftretens verspottet worden. Ihre Mitschüler "versammelten" sich sogar in Foren, nur um sie bloßzustellen. Der Teenager reagierte mit Bauch- und Kopfweh. Erst der Hausarzt erkannte, dass nicht der Körper, sondern die Seele schmerzte. Ein Fall von vielen, der zeigt: Mobbing hat durch das Internet eine neue Dimension erreicht.

Anonym kann jeder jeden in den virtuellen Foren bloßstellen - zu jeder Zeit und überall. "Es gibt keinen sicheren Schutzraum mehr, in den sich junge Menschen zurückziehen können", bestätigt Barbara Klostermeyer, Beratungsrektorin beim Staatlichen Schulamt Rosenheim.

Natürlich kam es auch früher zu Ausgrenzungen. Doch nach Unterrichtsschluss ging man heim - in ein Umfeld, das Schutz bot und Raum, um Abstand zu nehmen. Heute gibt es diese Inseln nicht mehr, wie Christian Wolf und Stefan Haider, Jugendbeamte der Polizeiinspektion Rosenheim beobachten: "Wenn es Streit auf dem Pausenhof gab, war früher spätestens am Freitagmittag Schluss mit dem seelischen Stress. Über das Wochenende beruhigten sich die Gemüter in der Regel wieder. Heute schaukeln sich viele Konflikte am Wochenende in den Internet-Foren erst richtig hoch", bedauern die Mitglieder der polizeilichen Arbeitsgruppe Prävention, die viel in Schulen aktiv sind. Viele Lehrer erzählen den Jugendbeamten, dass Kinder und Jugendliche montags kaum zu unterrichten sind - "weil es das ganze Wochenende rund gegangen ist in den Foren".

Auch beim Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbunds Rosenheim werden die Berater immer wieder mit Sorgen von Teenagern konfrontiert, die sich Attacken im Internet ausgesetzt fühlen. "Das geht manchmal schon in der ersten Klasse los", berichtet Mitarbeiterin Marianne Guggenbichler. Die Berater versuchen, den Kindern auch zu vermitteln, online nicht zu viel von sich preiszugeben. Denn der "gläserne Teenager" bietet Angriffsflächen.

Doch man kann solchen Ausgrenzungen auch aktiv entgegenwirken. Anti-Mobbing-Expertin Klostermeyer sieht durchaus Präventions- und Interventionsmöglichkeiten für Schulen. Das Interesse an solchen Weiterbildungsangeboten für Lehrer und Eltern sei groß. Das Kultusministerium habe sogar Unterrichtseinheiten entwickelt, die schon in der dritten und vierten Grundschulklasse ansetzen würden - über einen Medienführerschein oder kindgerechte Aufklärungsmaterialien. Auch Konzepte für schulinternes Eingreifen seien vorhanden. Außerdem besitze die Schule durchaus Handlungsinstrumentarien: von der Verwarnung bis zum Verweis und Schulausschluss des Täters. Auch könne er an eine andere Bildungseinrichtung versetzt werden - nicht immer nur das Opfer, wie derzeit noch häufig üblich.

Strafrechtlich gesehen ist eine Ahndung junger Täter schwierig: Wenn sie unter 14 Jahre alt sind, gelten sie als nicht schuldfähig. Trotzdem werden die Jugendbeamten Wolf und Haider nicht müde, darauf hinzuweisen: "Das Internet ist kein rechtsfreier Raum." Eine Nötigung bleibt eine Nötigung, eine Ankündigung von Schlägen eine Bedrohung. Eine Strafanzeige wird deshalb in diesen Fällen aufgenommen. Oft kommt es nach Erfahrungen der Jugendbeamten jedoch nicht so weit: Denn die Mobbing-Opfer suchen häufig aus Scham keine oder zu spät Hilfe.

Nicht selten sehen sich die Beamten jedoch auch Eltern oder Lehrern gegenüber, die von der Polizei als Exekutivorgan ein durchsetzungskräftiges Einschreiten fordern, das diese aus rechtlichen Gründen gar nicht leisten dürfe. Die Beamten suchen trotzdem das Gespräch mit Opfern und Tätern sowie ihren Familien und dem Umfeld - etwa an runden Tischen in Schulen. Dabei stellen sie immer wieder entsetzt fest, welche Verrohung schon über die Sprache im Internet stattfindet. Dabei fielen Worte, die im direkten Vier-Augen-Gespräch niemals gewagt würden.

Schulpsychologin Klostermeyer sieht es außerdem als notwendig an, nicht nur die Täter im Blick zu haben, sondern auch die Mitläufer, die nur aus Angst, selber zum Opfer zu werden, mitmachen, und Zuschauer, die nicht eingreifen würden. "Hinschauen statt nur zuschauen, ausgrenzendes Verhalten offen ansprechen statt totschweigen", wünscht sie sich. "Eine Kultur der Achtsamkeit" müsse sich auch im Internet ausbreiten.

Die Jugendbeamten Wolf und Haider fordern eine intensive Erziehung zur Medienkompetenz. Gefragt seien hier auch die Eltern, die sich nicht mit dem Hinweis, "im Internet kenne ich mich nicht aus", rausreden sollten. Sie hätten viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Außerdem gebe es einfache Instrumente. Manchmal sei es sinnvoll, den Internet-Zugang tagsüber abzustellen, einen PC zwar zu erlauben, jedoch nicht im Kinderzimmer, Teenager nicht zu früh mit internetfähigen Handys auszustatten: "Als Eltern lassen wir unsere Kinder auch nicht mit 16 Auto fahren, bloß weil sie es vielleicht schon könnten."

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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