Eine Glaubensfrage

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Schwer bewaffnete GSG9-Beamte im Einsatz. Vor wenigen Wochen stürmten Mitglieder dieser Spezialtruppe das Haus eines Bundespolizisten im Landkreis Rosenheim. Der wehrt sich nun und beruft sich auf Religionsfreiheit.

Landkreis Rosenheim - GSG9-Beamte stürmten Mitte Oktober das Haus eines mutmaßlich rechtsradikalen Bundespolizisten. Die OVB-Heimatzeitungen haben mit dem Beamten gesprochen:

Als GSG9-Beamte Mitte Oktober das Haus eines mutmaßlich rechtsradikalen Bundespolizeibeamten im Landkreis Rosenheim stürmten, sorgte dies in ganz Deutschland für Schlagzeilen. Auch wenn sich das Medienecho seitdem gelegt hat, stellte die Aktion das Leben des 42-Jährigen komplett auf den Kopf. Der Familienvater steht eigenen Angaben zufolge vor dem Ruin, die Bundespolizei hält ihr Vorgehen dagegen weiterhin für begründet.

So richtig im Dienstleben stand Christian F. (Name geändert) eigentlich schon seit Jahren nicht mehr. Wegen Burnout krankgeschrieben, sollte der Beamte im kommenden Jahr eigentlich in Vorruhestand gehen. Zeit seines Polizistenlebens liebte er aber seinen Beruf, ein "Musterbeamter" sei er gewesen, hätte Belobigungen bekommen, überhaupt sei Polizist sein Traumberuf gewesen.

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Schwierig wurde es erst, so erzählt es F. im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen, als er sein Interesse am "polytheistischen naturreligiösen Glauben" entdeckte. Seit 2006 habe ihn der Verfassungsschutz im Visier, es habe "informelle Gespräche" gegeben. Es sei ihm aber, so F., stets signalisiert worden, dass er sein religiöses Interesse weiterleben dürfe. Allerdings, darauf legt er Wert, sei er nie Mitglied einer heidnischen Organisation gewesen, habe sich nie binden wollen, denn: "Als Naturreligiöser ist man lieber frei."

Wieso also am 18. Oktober ein GSG9-Kommando sein Haus stürmte, seine Kinder "traumatisierte" und in einer achtstündigen Durchsuchungsaktion alles aus dem Haus geräumt habe, was nicht niet- und nagelfest war, das kann er sich nicht erklären. "Man hätte ja auch sagen können: Kommen Sie mal auf die Dienststelle, wir haben da was gegen Sie in der Hand." Stattdessen seien er und seine Familie wie Schwerverbrecher behandelt und das in seinen Augen rein innerbehördliche Disziplinarverfahren sogar noch öffentlich gemacht worden. Seinen Glaubensfreunden werfe der Rechtsstaat zwar extremistische Ansichten vor, "aber Hass gegen Feinde haben am 18. Oktober nur wir gespürt!"

Ist Martin F. also ein verschrobener Naturfreak, der seine Kinder eigenhändig an einem Bach tauft, als Hobbyautor Bücher über nordische Götter schreibt und ansonsten gerne auf Sonnwendfeiern geht? Eher nicht, glauben der Staat und im Speziellen sein Arbeitgeber. Die Staatsanwaltschaft in Traunstein sammelt im Zuge eines Ermittlungsverfahrens derzeit Beweise dafür, dass sich F. aktiv in der rechtsextremen Szene bewegt, und auch die Bundespolizeidirektion München bestätigt ein Disziplinarverfahren.

Viele Neonazis sind Anhänger germanischer Naturreligionen. Aber sind deshalb alle Anhänger dieser Glaubensrichtung Nazis?

Obwohl er sich wegen der laufenden Ermittlungen eigentlich nicht zum Verfahren äußern darf, gibt sich Thomas Borowick, Sprecher der Bundespolizei in München, dennoch alle Mühe, den Eindruck eines überzogenen oder gar ungerechtfertigten Einsatzes bei F. zu entkräften. "Wegen seines Glaubens allein wird bei uns niemand vom Dienst suspendiert", betont er. Auch sei die Durchsuchung am 18. Oktober natürlich mit richterlicher Genehmigung durchgeführt worden. Die schwere Bewaffnung sei durchaus nötig gewesen: "Lieber gehen wir vom worst case aus, als dass wir uns unnötig einer Gefahr aussetzen." Überhaupt könne es sich die Bundespolizei gar nicht leisten, einen Beamten falsch zu beschuldigen, andererseits müsse seine Behörde handeln, wenn einer der Kollegen im Verdacht stehe, seinen Beruf nicht so auszuüben, wie er ihn ausüben sollte.

Auch wenn sich alle Beteiligten über die konkreten Vorwürfe ausschweigen, ist klar: Als Bombenbastler oder gar Dönerbudenbesitzer-Mörder kann man sich Christian F. nicht vorstellen. Aber er schreibt und kommuniziert offensichtlich gern - schließlich wurden bei der Hausdurchsuchung drei Computer gefunden. "Worte können oft mehr bewirken als Taten", gibt Polizeisprecher Borowick verheißungsvoll zu bedenken. Die Theorie eines Nachrichtenmagazins, wonach gegen F. wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung ermittelt wird, bestreitet er deshalb auch nicht explizit.

Neonazi-Anwalt ist F.'s Verteidiger

Was das Bild des netten Herrn F. von nebenan eintrübt, ist die Wahl seines Rechtsbeistands. Vertreten wird F. nämlich von dem Erlanger Jurist Stefan Böhmer - in der rechten Szene ist der bekannt durch seine Arbeit mit Gerhard Ittner, einem laut Wikipedia aktiven Mitglied der deutschen Neonaziszene. Ittner galt bis zu seiner Verurteilung als Kopf der fränkischen Rechten und wurde von Innenminister Joachim Herrmann als "rechtsextremer Hetzer und Holocaust-Leugner" bezeichnet.

Wieso er ausgerechnet Stefan Böhmer mit seiner Vertretung beauftragt hat, begründet F. mit Berührungsängsten anderer Juristen: "Ans Thema Rechts will einfach niemand ran." Böhmer sei ihm empfohlen worden. "Bis jetzt bin ich mit ihm sehr zufrieden, was er schreibt, ist sachlich und gut." Die Ermittlungen dauern an.

Stefanie Zipfer (OVB-Heimatzeitungen)

Quelle: rosenheim24.de

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