Auf dem Weg zu 100% Klimaschutz

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Mühldorf - 1206 Fragebögen hat der Landkreis an Bürger in vier Kommunen ausgeteilt. Jetzt gab's die Auswertung - mit enormer Bedeutung für den Klimaschutzfahrplan vom Landkreis.

Landrat Georg Huber

Der Mühldorfer Landrat Georg Huber werde immer wieder gefragt Was soll man denn vor Ort für den Klimaschutz tun? Seine Antwort darauf: "Am besten alles, was geht." Getreu dieses Mottos soll die Auswertung der Fragebögen zum Klimaschutzfahrplan den Weg in die Energiewende des Landkreises weisen. "Das Projekt der direkten Bürgerbeteiligung hat Modellcharakter," so Susanne Weigand vom Landratsamt. Und die Bürgerbeteiligung sei wichtig, denn "Politik braucht gesellschaftliche Akzeptanz. Sie wirkt erst, wenn's beim Bürger auch ankommt," so Weigand weiter.

Wo stehen wir?

Die Bürgerbefragung ist abgeschlossen, die Klimaschutzteams sind gegründet. Diese erarbeiten jetzt in Workshops die Ziele des Landkreises Mühldorf - natürlich unter strenger Beachtung der Bürger-Umfrage. Bis Juni 2012 soll die Arbeit der Workshops abgeschlossen sein, dann werde die Ausarbeitung Stadt- und Kreisrat vorgelegt. Weigand betonte: "Unser Vorhaben ist zu 100 Prozent umsetzbar!" Auf Landkreisebene werden 2000 Gigawatt-Stunden pro Jahr verbraucht. 903 Gigawatt-Stunden könne man durch erneuerbare Energien beschaffen, ganze 1025 seien durch Energie-Einsparung zu retten. "Und das ist absolut realistisch," so Weigand.

Die wichtigsten Ergebnisse der Bürgerbefragung

Ralf K. Stappen ist Experte für Nachhaltigkeit und in der Geschäftsleitung der SP-Group, die sich auf Kommunalentwicklung und Strategieberatung in Sachen Nachhaltigkeit spezialisiert hat. Er fasste die Ergebnisse wie folgt zusammen: Für 53 Prozent der Befragten ist der Klimawandel ein sehr wichtiges Thema. Die meisten wohnen in einem Zwei-Personen-Haushalt, immerhin 85 Prozent im Eigenheim, meist im Ein-Familien-Haus. Der größte Teil der Befragten gab an, in einem Haus zu wohnen, das nach 1960 erbaut wurde. Immhin 67 Prozent haben ihr Heim schon einmal energetisch modernisiert, allerdings nur in Einzeßmaßnahmen. Ganz vorne liegen Fenster mit Doppelverglasung, eine Modernisierung des Dachs und eine bessere Dämmung der Außenwände. Überraschenderweise haben über ein Dritten für die Maßnahmen keine Fördermittel in Anspruch genommen. Für die Zukunft planen immerhin 44 Prozent eine energetische Modernisierung. Viele denken da an Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach und Wärmedämmung. Für die Anwesenden das erschreckendste Ergebnis: 51 Prozent gaben an, vor den Maßnahmen auf keinen Fall eine Energieberatung in Anspruch zu nehmen. 72 Prozent kennen laut Fragebögen noch nicht einmal die Energiesprechstunde vom Landkreis. "Dagegen müssen wir was tun!", stand für Landrat Huber fest. "Das gibt's doch nicht, dass so viele die Sprechstunde nicht kennen, dabei ackern wir seit nunmehr sechs Jahren dafür!" In den kommenden Monaten werden sich jetzt also Workshops zusammensetzen - bestehend aus Stadträten und Bürgermeistern im Landkreis - um die genauen Zielsetzungen des Klimaschutzfahrplans auszuarbeiten. Denn wie Seneca schon sagte: "Wer das Ziel nicht kennt, für den ist kein Weg der richtige."

"Die Lösung: Methanisierung oder "Power to Gas"

v.l. Prof. Dr. Seiler, Ralf K. Stappen, Landrat Huber, Susanne Weigand

Prof. Dr. Wolfgang Seiler, laut Landrat Huber der absolute Klima-Guru für Südbayern, hat in seinem Vortrag zum Nachdenken angeregt. Der Klimaforscher kennt sich aus in Sachen Energiewende und prangerte an, dass dieses Wort viel zu oft missbraucht werde. "Die Energiewende ist nicht, wie viele glauben, jetzt nur der Ausstieg aus der Atomenergie. Die wirkliche Energiewende ist die Reduktion der CO2-Emission, das Abschalten der Atomkraftwerke ist jetzt aktuell lediglich dazu gekommen." Bis 2020 soll in Bayern 20 Prozent mehr Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. Außerdem soll durch Effizienz eine Einsparung von 20 Prozent erzielt werden. Das Ziel: das Klima soll nicht um mehr als zwei Grad ansteigen. "Das wird noch als vertretbar angesehen," so Seiler. "Um komplett aus der Atomkraft auszusteigen, müssten 60 Prozent des Stroms ersetzt werden - das ist meines Erachtens nicht zu bewerkstelligen," so der Professor. Die Politik rede immer von einem "Dreisprung", der umgesetzt werden müsse, um die Energiewende zu erreichen: Reduktion des Energieverbrauchs, Steigerung der Effizienz und regenerative Energie aus der Heimat. "Aber das reicht nicht. Da muss umgedacht werden. Denn mit den momentanen politischen Rahmenbedingungen können die Vorhaben nicht umgesetzt werden," so Seiler. "Ich rede daher vom Viersprung - einer neuen olympischen Disziplin: Die Politik muss mitmachen, ohne geht's nicht!" Hier gebe es aber nun so manches Problem. Die Stromnetze seien gar nicht für die neuen Anforderungen ausgelegt - da beispielsweise Windkraft manchmal gar nicht, manchmal viel Strom erzeuge, liege das Netz zeitweise brach und sei auf der anderen Seite zeitweise überlastet. Und ein ganz großes Problem seien die fehlenden Speichermöglichkeiten. "Sie werden alle aus den Schuhen kippen, wenn sie erfahren, dass sie auch dann für Strom bezahlen, wenn die Windkraftanlagen still stehen. Es ändert nichts an Ihren Kosten," gab Seiler zu bedenken. Daher gebe es momentan nur eine sinnvolle Lösung: die sogenannte Methanisierung. Hierbei wird der Strom, der beispielsweise bei Windkraftanlagen überschüssig produziert und nicht ins Stromnetz eingespeist wird, anderweitig verwendet: er erzeugt aus Wasserstoff synthetisches Methan, welches chemisch gleich ist wie Erdgas. Und das wird dann einfach ins normale Stromnetz eingespeist. "Somit ist sowohl des Speicherproblem als auch die schwankende Belastung des Stromnetztes gelöst," so Seiler. Dieses Konzept sei zwar noch in den Kinderschuhen, werde aber in Zukunft enorm an Bedeutung gewinnen.

ds

Quelle: innsalzach24.de

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