"Die Stromlinienform hat ausgedient"

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Mühldorf - Worauf kommt es bei Familienangeboten an? Der Landkreis hat 2100 Fragenkataloge verteilt und nur rund 800 Antworten bekommen. Das Ergebnis: Es muss sich was tun!

Im Rahmen ihrer Netzwerkarbeit hatte die Bildungsinitiative "Lernen vor Ort" des Landratsamts gemeinsam mit den Bildungseinrichtungen die aktuelle Situation der Bildungsangebote erörtert. Gemeint sind etwa Schwangerschaftsberatungen, Kindertageseinrichtungen, der Kreisjugendring oder Führungen im Kreismuseum. Die ersten Erkenntnisse: Vorträge und Kurse sollen unter der Woche nach 18 Uhr stattfinden, das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen, das Angebot muss in den familiären Alltag einzugliedern sein. Wie kam man zu den Aussagen?

Der Fragebogen

Christina Buschle vom LMU München hat die Fragebögen ausgewertet

"Der Rücklauf von 36,8 Prozent ist noch recht zufriedenstellend," so Christina Buschle, wissenschaftliche Mitarbeiterin vom LMU München, welches die Evaluation durchgeführt hatte. "Gerechnet hatten wir erfahrungsgemäß mit 20 - 25 Prozent." Buschle schätzt, dass der 11-seitige Katalog viele Eltern doch einfach erschlagen habe. Ob das Ergebnis nun repräsentativ bleibt, kam nicht zur Sprache. Dennoch gaben einige der Antworten stark zu bedenken.

Beispielsweise die Frage, wieviel Geld den Eltern für welche Aktivitäten übrig bleibt. Die Betreuung der Kinder landete an vorletzter Stelle, die Ausbildung vom Nachwuchs immerhin an Platz 5. Eine höhere Priorität hatten Lebensmittel, Haushalt, Kleidung und das Auto. "Daraus schließen wir, dass Betreuungsangebote offenbar deutlich kostengünstiger werden sollten," so Buschle.

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Bemerkenswert war auch folgende Diskrepanz: Sämtliche Bildungsangebote im Landkreis Mühldorf sind mehr als 50 Prozent der Befragten durchaus bekannt - genutzt werden sie deshalb trotzdem noch viel zu wenig. "Ausbaufähig ist der Grad der Besuche noch innerhalb von den Institutionen wie der Schule. Aber Angebote von außerhalb, die Krippe oder Angebote für Studenten, werden sehr schlecht besucht," erklärte Buschle. Noch deutlicher stachen Beratungsangebote hervor - bei einem Bekanntheitgrad von fast 80 Prozent. Aber die Zahl derer, die eine solche Beratung auch wahrnehmen, steigt nur selten über die sieben Prozent-Marke.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch der neue Bildungswegweiser vorgestellt

"Uns interessiert natürlich, woran das liegt. Was sind die Barrieren?", führte Buschle in den nächsten Punkt ein. "Und hier wird klar: Der Faktor Zeit spielt eine große Rolle: Knapp 30 Prozent sagen 'Die Termine liegen ungünstig, ich habe keine Zeit'".

Landrat Georg Huber will klare Konsequenzen aus den Ergebnissen ziehen und sieht schon erste Ansätze. "Wir dürfen einfach nicht mehr daran festhalten, was vor 50 Jahren gut war - so funktioniert das heute nicht mehr! Die Stromlinienform hat ausgedient." Als Dreh- und Angelpunkt sieht der Landrat die Betreuungsangebote im Landkreis stark verbesserungswürdig. Nicht umsonst hatte Mühldorf zuletzt bei einem bundesweiten Vergleich der Kleinkinderbetreuung den vorletzten Platz belegt (wir berichteten). "Kinder durfen nicht längen den sozialen Abstieg bedeuten!", so Huber. "Und es läuft heute auch nicht mehr so, dass einer alleine die Familie ernähren kann. Diese beiden Komponente müssen zusammen gebracht werden." Bedeutet: Strukturen schaffen, sodass die Menschen keine Angst mehr haben müssen, Kinder zu bekommen. Dass Frauen wieder arbeiten können und ihre Kinder gut versorgt wissen.

Die Pressemitteilung des Landratsamtes und der LMU zum Downloaden:

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Aber es reicht nicht, dass die Angebote existieren. Die Befragung hat deutlich gezeigt, dass die Eltern von diesen Angeboten auch erreicht werden müssen. "Die Eltern haben keine Zeit für extra Termine," so Barbara Herbst von "KoKi"- Netzwerk frühe Kindheit. "Die gehören angesprochen, wenn sie eh da sind, beispielsweise, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten bringen oder wieder abholen."

Für Landrat Huber war dieser erste Erfahrungsaustausch der Startschuss. Die Ergebnisse sollen schnellst möglich in konkreten Maßnahmen umgesetzt werden. Man werde jetzt in die Beratung einsteigen.

ds

Quelle: innsalzach24.de

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