Der vergessene Einzelhandel

Haager Hutladen existiert seit 1534 und hat schon Kriege überstanden – überlebt er Corona?

Gut behütet seit 1534 ist der Slogan von Hut Knittlberger in Haag. Inhaberin Renate Wortmann beklagt das derzeitige „Öffnungsroulette“ und dass der Einzelhandel von der Politik nicht wahrgenommen wird.
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Gut behütet seit 1534 ist der Slogan von Hut Knittlberger in Haag. Inhaberin Renate Wortmann beklagt das derzeitige „Öffnungsroulette“ und dass der Einzelhandel von der Politik nicht wahrgenommen wird.

Während Vollsortimenter im Kunden-Getümmel alles anbieten dürfen, gucken die kleinen Fachgeschäfte in die Röhre, wie etwa Hut Knittelberger in Haag. Inhaberin Renate Wortmann ärgert sich, dass der Handel bei der Politik kein Gehör findet. Die Öffnungsstrategie sei wie „Brot und Spiele“ für‘s Volk, damit alle brav bleiben.

Haag –  „Das ist wie ein Eröffnungsroulette“, sagt Renate Wortmann und deutet auf den Plan, auf den sich Bund und Länder Mittwochnacht geeignet haben. „Diese Öffnungsmatrix ist durchdacht, ja, aber total kompliziert – und für den Einzelhandel ist nichts planbar“, stellt die Betreiberin von Hut Knittlberger fest.

Einer der ältesten Hutläden Deutschlands

Seit 16. Dezember ist das Fachgeschäft, das es seit 1534 gibt und zu den ältesten Hutläden Deutschlands zählt, wieder im Lockdown. „Gibt es einen Corona-Ausbruch in einer Firma leidet der ganze Landkreis mit, weil wegen der Inzidenzen nicht gelockert wird“, stellt sie fest.

Außerdem führe die neue Regelung zu einem Einkaufstourismus etwa in Nachbarlandkreise, wo der Wert niedriger ist. „Das wollte die Politik ja vermeiden, doch davon hört man plötzlich nichts mehr“, so die Haagerin.

Handel wird von Politik übergangen

„Natürlich haben wir schon einige Schließungszeiten hinter uns, aber da war Krieg und da hatten alle andere Sorgen“, sagt die 48-Jährige, die das Fachgeschäft seit dem plötzlichen Tod ihrer Mutter 2004 übernommen hat. Ob es die Corona-Pandemie überlebt, ist fraglich.

Wortmann ärgert sich: „Der Handel hat entgegen anderen Wirtschaftsbereichen anscheinend kein Gehör bei der Politik. Wie geht es für die inhabergeführten Handelsbetriebe weiter?“, fragt sie.

Sorge um die Innenstädte

Sie sorgt sich um die Innenstädte, auch um ihren Heimatort Haag und bringt eine Ungerechtigkeit ins Spiel: Vollsortimenter, die den Wettbewerb verzerren. Sie schadeten den Einkaufsorten auch schon vor Pandemie-Zeiten, einfach weil sie innenstadtrelevantes Sortiment anbieten, wie etwa Textilien – oder Hüte. Die Baumärkte übrigens auch.

„Dadurch haben wir Fachgeschäfte nur Nachteile – in Corona-Zeiten besonders“, so Wortmann. „Warum dürfen Vollsortimenter alles verkaufen? Der Einzelhandel im Inhaberbetrieb ist sicher nicht Treiber der Infektion. Hier passt jeder in eigenem Interesse auf Abstände und Hygieneregeln auf. Tage, in denen wegen Krankheit nicht geöffnet werden können, sind ja nicht bezahlt und gehen auf die eigene Tasche.“

Studie der TU Berlin

Wortmann verweist auf eine Studie der TU Berlin, laut der der R-Wert bei Shopping und Maske mit einer Belegung von zehn Quadratmetern bei 1,1 liegt. Im Supermarkt liegt er bei 1,0. „Rechtfertigt ein Unterschied von 0,1 etwa, alle Einzelhändler zu schließen?“

Brot und Spiele fürs Volk

Die derzeitige Öffnungsstrategie laufe unter „Brot und Spiele fürs Volk“. Man kriegt ja alles im Vollsortimenter und den Drogerien, dann wird auch nicht gemault. „Und sobald sich die Leute beschweren, dann gibt‘s halt wieder den Friseur- und Kosmetikerbesuch. Zur Beschäftigung dürfen Bau- und Blumenmarkt aufsperren. Schon sind alle wieder glücklich und brav und still. Der Handel hat anscheinend zu wenig Wählerstimmen hinter sich“, ärgert sich Wortmann.

Auch seien die Corona-Hilfen leider nicht das Papier wert. Viele kleine Händler fallen durchs Raster; die Sorgen werden stetig größer. Für den Handel gehen die Hilfen „komplett an der Realität vorbei“. Die Rücklagen seien endlich. „Click & Collect ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Einzeltermine mit Click & Meet sind für den Handel wieder nur ein Brotkrumen, denn im Vollsortimenter dürfen sich die Kunden tummeln.“

Ja, sie selbst biete Call & Collect an, was aber schwierig sei. „Bei uns im Hutladen will man ja durchprobieren, bis man das Modell findet, das einem steht. Grundsätzlich böten sich derzeit wenig Möglichkeiten, Hüte oder gar Fascinator (festlicher Kopfschmuck, Anm. d. Red.) zu tragen. Filz werde daher kaum nachgefragt. Eher Mützen und Beanies: Funktional zum Spazierengehen.

Sollen Leerstände zu Wohnungen werden?

Haag sei ein kleiner Ort, der durch die Vielfalt an Geschäften lebe. „Wenn die wegsterben, ist das Einkaufserlebnis ja nicht mehr attraktiv. Die Leute wollen Bummeln und Flanieren, und noch zu einem Imbiss oder Kaffee einkehren – eben das, was man beim Onlineshopping nicht hat.“

Appell an Politik

Sie fragt die Politik, ob man die kleinen Händler weghaben will, damit die Leerstände in den Zentren zu Wohnungen umgewandelt werden können. Etwas zynisch sagt sie, damit sei der Wohnungsnotstand ohne große Anstrengungen erledigt.

„Schaut man aktuell nach Rosenheim, stehen dort viele Gewerbeimmobilien in 1a-Lage leer. Auch nutzen große Handelsketten die Krise unauffällig für lange geplante Kosteneinsparungen, wenig rentable Betriebe und Mitarbeiter werden jetzt abgebaut.“

Sie appelliert an die Politik, die Händler zu unterstützen und zu erhalten, „und nicht die Krise zu nutzen, um unauffällig andere Ziele zu erreichen“.

Das sagt Thomas Sax von „Haag aktiv“:

Die aktuellen Regeln zum „Click & Meet“ sind schwer umsetzbar, findet Thomas Sax, Vorsitzender von Haag aktiv. „Du kannst ja schlecht den Kunden nach einer bestimmten Zeit vor die Tür setzen, weil der nächste schon dasteht.“ Er fordert: Keine Sonderregeln, gleiches Recht für alle im Regierungsbezirk oder in der Planungsregion. Der derzeitige Einkaufstourismus dorthin, wo die Inzidenzen niedriger sind, könne es ja auch nicht sein. „Wir Einzelhändler haben doch längst bewiesen, dass unsere Hygienekonzepte gut funktionieren.“ Dass die Politik die Innenstädte ausbluten lassen will, das könne er nicht unterschreiben. „Die Verantwortlichen wissen, wie wichtig eine wohnortnahe Versorgung ist. Und wie bedeutend der Einzelhandel vor Ort fürs soziale Gefüge ist. Zum Beispiel der Sportverein wird nicht von Amazon unterstützt, sondern von den Geschäftsleuten vor Ort.“ Sax kündigt an, dass der Haager Handel in den kommenden Tagen eine attraktive Aktion mit Gutscheinen auf den Weg bringt – mit Unterstützung der Gemeinde.

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