10.000 Zugewanderte müssen Deutsch lernen - in Bayern 

Bildung und Sprache als Schlüssel zur Integration

+
Das Team von "Lernen vor Ort" mit Landrat Georg Huber und Jugendforscherin Tilly Lex (Mitte).

Mühldorf am Inn/Waldwinkel - Die Integration zugewanderter Mitbürger wird dieser Tage als wichtige Aufgabe von Staat und Gesellschaft angesehen. Das Landratsamt Mühldorf veranstaltete einen Fachtag zu diesem Thema.

„Ich wurde gefragt: Möchtest Du wieder in die Türkei zurückgehen? Und ich war einfach fassungslos. Das ist genau so absurd, wie wenn ich zurückfragen würde: Wann möchtest Du nach China gehen?“ Mit diesen nachdenklichen und provokanten Worten brachte eine in Deutschland geborene junge Frau mit türkischen Wurzeln das Unverständnis anderer gegenüber ihrer Identität auf den Punkt, das ihr schon oft widerfahren ist. 

In einem kurzen Einspielfilm mit dem Titel „Zwischen Welten“ schilderten junge Frauen, die aus verschiedenen Kulturen kommen, ihre Herausforderungen in Deutschland. Alle jedoch haben eines gemeinsam: Sie sind sich einig darüber, dass Bildung der Schlüssel zu einer guten Integration ist.

Alle Bildungspartner an einem Tisch

Damit das gelingt und Schwierigkeiten sowie Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden können, veranstaltete der Landkreis Mühldorf am Inn mit der Stabsstelle „Lernen vor Ort“ einen Fachtag „Bildung für Neuzugewanderte gemeinsam gestalten – Neue Wege zur Integration im Landkreis Mühldorf am Inn“, der im Tagungshotel Don Bosco in Waldwinkel stattfand. 

Die vonRegina Mösmang, Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte am Landratsamt, moderierte Veranstaltung war gut besucht: Rund 70 Gäste aus den Bereichen Politik und Bildung, wie Vertreter der Schulen, der Bildungsträger, der Kammern, der Wohlfahrtsverbände sowie Netzwerkpartner, folgten der Einladung von „Lernen vor Ort“. 

Sie haben das (Arbeits-)Leben noch vor sich

In seiner Begrüßung erklärte Landrat Georg Huber die Herausforderung, der insbesondere junge Menschen mit Migrationshintergrund gegenüberstehen: „Wir alle wachsen in bestimmten Kulturen mit eigenen Werten und Konventionen auf. Es ist für junge Menschen oft schwer, hier eigene Wege zu gehen. Außerdem müssen wir berücksichtigen: Neuzugewanderte sind keine homogene Gruppe, jeder Mensch ist individuell mit eigenen Sorgen und auch Wünschen. Gerade hier muss unsere Integrationsarbeit ansetzen.“ 

Im Landkreis Mühldorf leben derzeit rund 1300 Personen mit Fluchthintergrund, 76 Prozent davon sind unter 30 Jahren. All diese Menschen haben noch eine lange Bildungsbiographie beziehungsweise ein ganzes Arbeitsleben vor sich. Das bietet laut Landrat Georg Huber eine große Chance. Denn besonders in den kleinen und mittelständischen Unternehmen und Handwerksbetrieben würden händeringend Nachwuchskräfte gesucht: Allein im Landkreis Mühldorf blieben im vergangenen Jahr nach einer Statistik der Agentur für Arbeit mehr als 90 Ausbildungsstellen unbesetzt

Viel Energie investiert

Peter Konietzko, Leiter Berufsvorbereitung beim Berufsbildungswerk Waldwinkel, ließ die vergangen Jahre Revue passieren mit den Worten: „Wir sind mit viel Energie an die Sache rangegangen, aber es war nicht einfach. Man muss ehrlicherweise sagen: Nicht immer gelingt die Integration, aber wir können insgesamt sehr gute und positive Ergebnisse vorweisen.“

Landrat Georg Huber bedankte sich bei Dr. Tilly Lex für ihren höchst informativen Vortrag.

Den Hauptvortrag, bevor es in die vier verschiedenen Workshops ging, hielt Dr. Tilly Lex, ehemalige stellvertretende Leitung von „Übergänge im Jugendalter“ am Deutschen Jugendinstitut in München. Die Jugendforscherin gab eine gute Übersicht über die Ausgangslage, über Rechtsgrundlagen bis hin zu aktuellen zentralen Herausforderungen. 

Interkulturelle Kompetenz ist gefordert

Sie stellte fest, dass sich die Asyl-Erst- und Folgeanträge von Kindern und jungen Erwachsenen ab 2012 bis 2014 jeweils verdoppelt haben und es aktuell über 10.000 geförderte Schülerinnen und Schüler in Bayern gibt. Die Anforderungen an Schulen und Lehrkräfte ergeben sich laut Lex insbesondere an der kulturellen Prägung, die ein besonderes Verständnis für interkulturelle Kompetenz erfordere. Bis Februar 2017 seien über 1100 Berufsintegrations- und Sprachlernklassen eingerichtet worden. Auch nannte sie die betriebliche Ausbildung junger neuzugewanderter Menschen als eine große Chance, dem prognostizierten Fachkräftemangel zu begegnen. 

Vier zentrale Herausforderungen gelte es laut Dr. Tilly Lex zu meistern: Die Lösung von Kapazitätsproblemen im Ausbilder- und Lehrerbereich, der Abbau von Zugangsbeschränkungen zur Bildung, die Entwicklung von Förderkonzepten sowie die Vernetzung und Koordinierung der Angebote.

Antworten auf drängende Fragen gesucht

In den anschließenden Workshops galt es Antworten auf folgende Fragen zu finden: „Welchen Beitrag leistet die Schule zur Integration?“, „Welche Unterstützungsangebote brauchen wir vor und während der Ausbildung?“, „Auf welchen Wegen finden Unternehmen und Neuzugewanderte zueinander?“

Als wichtigste Aufgabe der Schulen, sehen die Teilnehmer die Vermittlung der deutschen Sprache, die als Schlüssel zu einer weiteren Integration bezeichnet werden kann. Hierbei sind besonders das Engagement und die Kreativität der Lehrkräfte gefragt. Weiterhin wünschen sich die Teilnehmer des Workshops mehr Möglichkeiten für den Übertritt von den Übergangsklassen an Realschulen und Gymnasien.

Mehr Begleitung gefordert

Im Bereich der Ausbildung- und Arbeitsverhältnisse wird der Bedarf von den Teilnehmern der Workshops vor allem bei einer stärkeren berufsbezogenen Sprachförderung gesehen. Außerdem brauche es vor allem auch eine pädagogische Unterstützung für junge Auszubildende und eine stabilisierende Begleitung der Arbeitsverhältnisse sowie eine Förderung der interkulturellen Kompetenzen auf beiden Seiten. Als positiv stellten die Teilnehmer aber auch heraus, dass die Motivation und Arbeitsmoral vieler Geflüchteter als sehr hoch anzusehen ist.

Pressemitteilung Landratsamt Mühldorf a. Inn

Quelle: innsalzach24.de

Zurück zur Übersicht: Landkreis Mühldorf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser