Sechs Menschen mit einem Luftgewehr verletzt

"Jetzt jagen wir denen einen Schrecken ein"

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Mühldorf - Weil sie mit einem Luftgewehr sechs Menschen verletzt haben, müssen sich zwei junge Männer und eine junge Frau vor Gericht verantworten. Ihr Motiv, das Urteil:

Die drei Angeklagten sind am Dienstag in der Verhandlung am Mühldorfer Amtsgericht geständig. Sie räumen ein, im Juli letzten Jahres mit einem Luftgewehr geschossen und dabei sechs Menschen verletzt zu haben. Für ihre Tat finden sie Worte wie "Schnapsidee" oder "blöde Idee", auch das Wort "Dummheit" fällt oft im Sitzungssaal des Amtsgerichts.

Die Party war den Angeklagten zu laut

Die beiden jungen Männer, zur Tatzeit 19 und 22 Jahre alt, und die damals 17-Jährige saßen am Tatabend auf dem Balkon der Wohnung des 19-Jährigen beisammen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fand eine Geburtstagsparty statt, die Gäste feierten offenbar laut - zu laut, aus Sicht der Angeklagten. "Irgendwann ist es so laut geworden, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstanden hat", schildert der heute 23-jährige Angeklagte nun vor Gericht die damalige Situation.

"Dann sind wir auf die Schnapsidee gekommen: Jetzt jagen wir denen mal einen Schrecken ein", berichtet der heute 20-jährige Mitangeklagte. Wie alle drei Angeklagten weitestgehend übereinstimmend schildern, holte der 20-Jährige ein Luftgewehr, zeigte es seinen beiden Freunden. Anschließend setzten sie gemeinsam ihre "Schnapsidee" um, wobei die beiden jungen Männer offenbar mehrmals schossen und die heute 18-Jährige einen einzelnen Schuss abgab. Alle drei Angeklagten beteuern vor Gericht, dass sie nur den Pavillon beziehungsweise den Zaun des Nachbarn treffen wollten, nicht aber bewusst auf die Partygäste zielten.

Bewusst auf die Partygäste gezielt?

Richter Dr. Gregor Stallinger hakt mehrfach nach, äußert Zweifel, ob die Angeklagten wirklich nicht auf Menschen gezielt haben. Stallinger fragt, wie man jemanden hätte erschrecken soll, wenn man nur auf Holz schießt. "Das geht halt nicht, weil man nichts hört", sagt Stallinger. "Das geht nur, wenn's bei denen einschlägt - und es hat eingeschlagen, sonst säßen wir nicht hier." Zudem habe man bei zehn oder elf Schuss sechs Menschen getroffen - nach Aussage der Angeklagten aus Versehen. "Jetzt sind wir bei elf Schüssen und sechs Treffern", sagt Stallinger. Entweder hätte man gezielt auf die Partygäste schießen müssen oder man hätte "120 mal geballert" und dann ein paar Mal zufällig jemanden treffen können, argumentiert der Richter.

Die Angeklagten bleiben aber bei ihrer Darstellung - die auch von den äußeren Gegebenheiten untermauert wird. Immerhin war es zur Tatzeit schon dunkel, lediglich eine einzelne Lampe im Garten warf Licht auf die Partygäste. Im Zeugenstand nennt einer der Geschädigten die Lichtverhältnisse "dämmrig". Die Angeklagten machen auch Unwissen geltend. "Mir war nicht klar, dass ein Luftgewehr einen solchen Schaden anrichten kann", sagt die heute 18-Jährige.

Geschädigte rufen Polizei erst verspätet

Vor Gericht sind zwei der sechs Geschädigten als Zeugen geladen. Ihren Schilderungen nach haben die Partygäste nur geringe Verletzungen davon getragen, hauptsächlich handelte es sich offenbar um blaue Flecken an Arm, Brust, Rücken, Hüfte oder Knie. "Ich wusste nicht, was es für ein Schmerz war, es war undefinierbar", sagt ein 19-jähriger Geschädigter und ein 22-Jähriger spricht im Zeugenstand von einem "stechenden Schmerz" im Arm. "Aber ich konnte es erst noch nicht zuordnen." Zuerst tippte der Zeuge darauf, dass eine falsche Armbewegung den Schmerz ausgelöst hat. Erst nach und nach reifte bei den Partygästen die Erkenntnis, dass sie beschossen werden - wohl auch, weil nach übereinstimmenden Aussagen die Schüsse nicht kurz hintereinander, sondern über mehrere Minuten verteilt abgegeben wurden.

Als endlich klar war, was gerade passierte, riefen die Partygäste offenbar zunächst aber nicht die Polizei. Man habe sich entschieden, bis Mitternacht zu warten, sagt der 22-jährige Zeuge. Immerhin wollte man in den Geburtstag des Gastgebers reinfeiern. "Wir wollten noch anstoßen", so der Zeuge. Richter Stallingers verwunderte Frage, ob man da schon einen so hohen Alkoholpegel gehabt habe, beantwortet der 22-Jährige mit einem knappen "Ja".

Handschlag im Gerichtssaal

Als die Polizei dann schließlich doch verständigt wurde, rückten gleich neun Streifen an. Zunächst fiel der Verdacht auf einen Nachbarn der drei Angeklagten, im weiteren Verlauf fanden die Beamten aber das Gewehr, und die drei Angeklagten, die Waffe und Munition zuvor noch versteckt hatten, waren geständig.

Mittlerweile haben die beiden jungen Männer und die junge Frau einen Täter-Opfer-Ausgleich geleistet. Neben 500 Euro hat jeder Geschädigte ein persönliches Entschuldigungsschreiben erhalten. Im Gerichtssaal entschuldigen sich die Angeklagten per Handschlag bei den beiden anwesenden Opfern. "Kein Problem. Ich hoffe, ihr macht so einen Scheiß nicht mehr", erwidert einer der beiden.

Anklage fordert Bewährungsstrafen

So unkompliziert sich die Geschädigten geben, so kompliziert gestaltet sich die rechtliche Bewertung. Während der Staatsanwalt von sechs tatmehrheitlichen Fällen gefährlicher Körperverletzung ausgeht und für die beiden Männer sechs beziehungsweise sieben Monate Haft auf Bewährung und für die 18-Jährige eine Geldauflage sowie zwei Wochen Dauerarrest fordert, spricht die Verteidigung von tateinheitlicher gefährlicher Körperverletzung. Alle Schüsse dienten einem Zweck, nämlich dem Erschrecken der Partygäste, argumentieren die Verteidiger. Für den heute 23-Jährigen beantragt Verteidiger Jörg Zürner eine Geldstrafe von maximal 90 Tagessätzen, für die 18-Jährige hält Verteidiger Axel Reiter eine Geldauflage für ausreichend. Rechtsanwalt Andreas Wastlhuber fordert für seinen heute 20-jährigen Mandanten die Anwendung des Jugenstrafrechts und ebenfalls lediglich eine Geldauflage.

Zürner weißt darauf hin, wie entscheidend das "überschießende Geständnis" der Angeklagten für das Verfahren gewesen sei. Der Verteidiger schätzt gar, dass es ohne die Geständnisse das Verfahren überhaupt nicht gäbe.

Geldstrafe und Dauerarrest

Richter Stallinger folgt der Einschätzung der Verteidigung am Ende aber nur zum Teil. Die Angeklagten werden nur wegen gefährlicher Körperverletzung in sechs tateinheitlichen Fällen verurteilt, allerdings zu höheren Strafen. Den 23-Jährigen verurteilt das Gericht zu 130 Tagessätzen zu je 40 Euro, der 20-Jährige erhält nach Jugendstrafrecht eine Geldauflage von 1500 Euro sowie eine Woche Dauerarrest. Die 18-Jährige erhält eine Geldauflage von 450 Euro und ebenfalls eine Woche Dauerarrest - "zum Nachdenken", wie Stallinger sagt. Im Rahmen der Mittäterschaft müsse sich die Angeklagte alles voll zurechnen lassen, erklärt der Richter.

Abschließend findet Stallinger noch einmal mahnende Worte, nennt die Tat "heimtückisch". Dass man geschossen und nebenbei noch "gebechert" habe, zeige welch Geistes Kind die Tat war, so der Richter. Auch die potenzielle Gefährlichkeit der Tat zieht Stallinger in Rechnung, immerhin hätte theoretisch jemand ein Auge verlieren können. "Wenn ein Schuss ins Auge gegangen wäre, dann wäre das SEK aufmarschiert."

Anklage und Verteidigung haben die Rechtsmittel der Berufung und der Revision. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Quelle: innsalzach24.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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