Tetrafunk: Gefahr als Frage der Definition

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Diese Pfeilstetter Antenne listet der Hersteller in der Kategorie Tetra. Foto günster

Reichertsheim - Wie gefährlich sind Tetrafunkstrahlen? In Pfeilstett in der Gemeinde Reichertsheim ist diese Frage aktueller denn je.

Groß ist der Protest in den Landkreisen gegen Tetrafunk für Polizei und Rettungsdienst: Die Angst vor den Strahlen lässt einen Standort nach dem anderen kippen. Dabei gibt es diesen Funk längst, ohne dass es die Bürger wissen: In der Wasserversorgung wird er eingesetzt, um das teure Vergraben von Leitungen für eine Datenübertragung zu sparen.

Versammlungen, Protesttafeln, Aktionen: Dass bei Pfeilstett in der Gemeinde Reichertsheim (Kreis Mühldorf) eine Sendestation für den neuen BOS-Funk im Tetra-Standard entstehen sollte, brachte die Bürger auf die Palme und kippte den Standort schließlich. Dabei ist wenige Meter entfernt schon seit Jahren ein Tetrafunk-Sender in Betrieb: auf dem Hochbehälter des Wasserversorgungsverbands Schlicht-Gruppe.

Wie heiß und schwierig dieses Thema ist, zeigt sich bei einer Nachfrage: Während Schlicht-Verbandsvorsitzender Paul Huber versichert, "wir haben nichts zu verbergen", macht deren Techniker die Aussage, dass dort kein Tetrafunk zum Einsatz komme. Vielmehr sei das ein "Landfunkdienst", die Anlage sei von der Bundesnetzagentur im Jahr 2008 genehmigt worden. Doch ganz so einfach ist es offensichtlich nicht. Die Gemeinde Reichertsheim "weiß von nichts", so Bürgermeisterin Annemarie Haslberger. Sie ist aber sehr daran interessiert, was es mit diesem Gerücht auf sich hat, in Pfeilstett gebe es bereits Tetrafunk.

Und tatsächlich: Auf dem Hochbehälter in Pfeilstett ist eine Antenne der dänischen Firma Procom montiert, das Modell "CXL 70-5C" für den Bereich 420 bis 450 Megahertz (MHz). Im Datenblatt ist von einer "robusten" und "rundstrahlenden" Antenne mit einer Leistung bis zu 150 Watt die Rede. Gelistet ist sie in Kategorien wie "DAB" und "GSM" eindeutig unter "Tetra".

Für Polizeihauptkommissar Jürgen Harle aus dem Bayerischen Innenministerium liegen die Fakten klar auf dem Tisch: Der Frequenzbereich und die Eigenschaft "Zeitschlitzfunk" spreche eindeutig dafür, dass dies Tetrafunk sei: "Es gibt keinen Unterschied, nur in der Frequenz". Während der Behördenfunk unter 400 MHz liegt, senden die Wasserversorger etwas darüber.

Was genau Tetrafunk ist, wissen bislang die wenigsten. Die Antwort: Ein international standardisiertes digitales Kanal-Bündel-Funk-System, mit dem geschlossene Benutzergruppen Sprache und Daten übertragen können. Verfügbare Kanäle werden für eine bessere Nutzung nach Bedarf im Augenblick vergeben. Die Geräte senden durchgehend und geben ihren Status bekannt.

Sender dieser Art funken regelmäßig in alle Richtungen und tun damit kund, dass es sie überhaupt gibt. In der Stadt sei das kein Thema, die Münchener Stadtwerke würden das auch einsetzen, weiß Harle. Händeringend suche das Innenministerium nun weitere Senderstandorte. Dessen Anlagen hätten nur 20 Watt und würden sogar dort auf Protest stoßen, wo diese Art Funk für die Wasser-Überwachung mit wesentlich höherer Leistung schon vorhanden sei.

Auch Monika Hotopp vom Bundesamt für Strahlenschutz stellt klar, dass Frequenzen für die Funktechnik zur Übertragung von Betriebszuständen in der Wasserversorgung in dem Bereich liegen, der für den Tetrafunk verwendet werde. Aber innerhalb der Grenzwerte gehe davon keine Gefahr aus. Der Bund Naturschutz dagegen bemängelt, dass der sogenannte Organisationskanal beim Tetrafunk permanent mit voller Leistung sende. Beim Wasser sehen die Umweltschützer dagegen keine Probleme: Das sei nach derzeitigem Kenntnisstand kein Tetrafunk, so Theo Schneider aus dem Kreisvorstand Rosenheim. Für eine Beurteilung im konkreten Fall vermisse aber auch er technische Details. Zwei unabhängig davon angeschriebene Antennenhersteller antworten gar nicht auf die Frage, ob das Gerät in Pfeilstett Tetrafunk sei.

In Reichertsheim beginnt nun die Diskussion von neuem: Die Gegner des geplanten Tetrafunk-Standortes wollten ja gerade ihr Trinkwasser-Reservoire in Pfeilstett vor diesen Strahlen schützen. Jetzt sitzt ein Sender sogar oben drauf.

K.H. Günster/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: innsalzach24.de

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