Von Schlafstörungen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Gesundheistrisiko A8-Ausbau? Was Lärm beim Menschen auslöst

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Landkreis - Mehr Verkehr auf der A8 und wegfallende Tempolimits zwischen Rosenheim und Landesgrenze: Der Ausbau von vier auf sechs Spuren wird vieles verändern - und kann auch die Gesundheit von Anwohnern beeinflussen.

Am liebsten möchte man sich die ganze Zeit die Ohren zuhalten!

Wer zum Beispiel in Frasdorf oder Achenmühle unterwegs ist, bekommt einen guten Eindruck davon, was es heißt, an einer Autobahn zu leben. Der Lärmpegel ist hoch. Und Lärm macht krank. Die Autobahndirektion Südbayern rechtfertigt den Ausbau der A8 von vier auf sechs Spuren plus Standstreifen auch oft damit, dass die Anzahl der Fahrzeuge steigt, vor allem beim Lkw-Transitverkehr. Laut Prognose wird die durchschnittliche Anzahl von rund 59.500 Fahrzeugen innerhalb von 24 Stunden im Abschnitt Rosenheim-Bernauer Berg im Jahr 2010 auf etwa 66.000 im Jahr 2030 ansteigen.

Doch was bewirkt dieser Verkehr beim Menschen beziehungsweise im menschlichen Körper? "Diese Frage lässt sich leider so pauschal nicht beantworten, da dabei eine Reihe an Faktoren eine Rolle spielen", erklärt Jan Gebhardt vom Fachgebiet "Lärmminderung im Verkehr" beim Umweltbundesamt. "Denn ein Mehr an Verkehr, welches nicht fest definiert ist, muss nicht zwangsweise eine höhere Lärmbelastung mit sich bringen."

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Aspekte dabei sind zum Beispiel, ob der Verkehr zeitabhängig zunimmt, wie sich der Verkehr von Auto und Lkw zusammensetzt oder wie Betroffene zum Lärm hin wohnen. Jedoch: "Mit Wegfallen des Tempolimits ist bei gleichbleibendem beziehungsweise zunehmendem Verkehr mit einer Zunahme des mittleren Lärmpegels zu rechnen", erklärt Jan Gebhardt. "Generell nimmt der Lärmpegel eines Fahrzeuges mit steigender Geschwindigkeit zu, da die Reifen-Fahrbahn-Geräusche zunehmen, die beim Abrollen des Reifens auf dem Fahrbahnbelag entstehen."

Wenn die Lärmschutzwände und -wälle optimal eingebaut werden, können sie für Betroffene dennoch entscheidende Vorteile bringen. "Aber auch hier lässt sich nicht pauschal sagen, wie groß diese Wirkung sein kann", sagt Jan Gebhardt. Dabei spielen ebenfalls zahlreiche Faktoren eine entscheidende Rolle. Zum Beispiel wo der Schallschutz aufgestellt wird, aus welchem Material dieser besteht oder an welcher Stelle das Haus eines Betroffenen steht.

Jördis Wothge vom Umweltbundesamt hat sich näher mit den körperlichen und psychischen Auswirkungen von Lärm befasst. Anbei eine Zusammenfassung der wichtigsten Indikatoren:

Belästigung

"Die Belästigung der Bevölkerung durch Lärm gehört zu den am meisten erforschten Lärmwirkungen", erklärt Jördis Wothge. Verschiedene Studien haben sich damit bisher beschäftigt, allerdings meist bezogen auf Flughafenlärm. Auch die deutschen Gesetzgeber haben sich bereits mit dem Thema befasst und den Schutz der Bevölkerung vor "erheblicher Belästigung" festgelegt, zum Beispiel im Bundes-Immissionsschutzgesetz oder im Fluglärmschutzgesetz.

Der Begriff Belästigung meint dabei nicht nur das subjektive Wohlbefinden einzelner Menschen, sondern kann auch Stressreaktionen auslösen und der Anfang gesundheitlicher Schäden sein. Belästigung ist daher laut WHO ein ernstzunehmender gesundheitlicher Risikofaktor. Am besten erforscht ist der Verkehrslärm. Fluglärm gilt als die am meisten belästigende Verkehrslärmquelle, gefolgt von Straßen- und Schienenverkehrslärm.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

"Lärm stört und belästigt nicht nur, sondern wirkt sich auch direkt auf die körperliche Gesundheit aus", erklärt Jördis Wothge. "Beispielsweise aktiviere Lärm das Hormonsystem und das autonome Nervensystem." Als Folge könnten sich Blutdruck und Herzfrequenz verändern sowie der Stoffwechsel und dessen Regulation beeinträchtigt werden. Das könne so weit gehen, dass Arterienverkalkung sowie Bluthochdruck eintreten und bis hin zu Herzinfarkt führen können.

"Der aktuelle Forschungsstand legt nahe, dass Personen, die stärker durch Lärm belastet sind, höhere Blutdruckwerte aufweisen als Menschen, die in ruhigeren Wohngebieten leben", erklärt Jördis Wothge. Laut HYENA-Studie erhöht sich das Risiko, Bluthochdruck zu bekommen, um 14 Prozent, wenn der nächtliche Fluglärmpegel um 10 Dezibel ansteigt. Bei Straßenverkehr erhöht sich das Risiko um 10 Prozent, wenn der Schalldruckpegel um 10 Dezibel ansteigt.

Auch der Zusammenhang von Straßenverkehrslärm und Herzinfarkten beziehungsweise Schlaganfällen ist untersucht worden. Dabei zeigt sich eine vergleichbare prozentuale Risikoerhöhung von 6 bis 15 Prozent bei einem Anstieg des Schalldruckpegels um 10 Dezibel. Neuere Studien zeigen, dass Lärm das Herz-Kreislauf-System bereits bei einem äquivalenten Dauerschallpegel ab 60 Dezibel tagsüber und 50 Dezibel nachts beeinflussen kann.

Schlafstörungen

Die WHO hat bereits 2011 in ihrem Bericht über Krankheitslasten durch Umgebungslärm festgestellt, dass mehr als die Hälfte der jährlich lärmbedingt verlorenen gesunden Lebensjahre in Europa auf Schlafstörungen zurückzuführen sind. Um leistungsfähig und gesund zu bleiben, ist ungestörter und ausreichender Schlaf von zentraler Bedeutung, wie die Studie aufzeigt.

"Treten in der Nacht Geräusche auf, werden diese auch im Schlaf wahrgenommen und können situationsbedingt unterschiedliche physiologische Reaktionen zur Folge haben", erklärt Jördis Wothge. "Dies kann von einer Beschleunigung der Herzfrequenz bis hin zu einer vollständigen Aufwachreaktion reichen." So werde der natürliche Schlafablauf gestört und der Körper könne sich nicht erholen.

Über kurze Zeit sorgt das für Müdigkeit und herabgesetzte Leistungsfähigkeit. Langfristig wird der gestörte Schlaf zum Gesundheitsrisiko, vor allem für das Herz-Kreislauf-System. Um gesundheitliche Auswirkungen zu vermeiden, empfiehlt die WHO daher in den Night Noise Guidelines for Europe, also den Richtlinien für nächtlichen Lärm in Europa, dass die nächtliche Lärmbelastung einen Dauerschallpegel von 40 Dezibel außerhalb der Wohnung nicht überschreiten sollte, erklärt Jördis Wothge. Diese Empfehlung teilt das Umweltbundesamt uneingeschränkt.

In Achenmühle zum Beispiel liege der Pegel, laut Angaben der Autobahndirektion Südbayern, derzeit tagsüber bei bis zu 77 Dezibel und nachts bei knapp 72 Dezibel - fast das Doppelte des empfohlenen Maximalwertes.

Kognitive Entwicklung von Kindern

Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre zeigen, dass sich Lärm negativ auf die kognitive Leistungsfähigkeit bei Kindern auswirkt. Dabei spiele vor allem der Aspekt Schule eine große Rolle bei den Untersuchungen. 

Die RANCH-Studie aus London und die NORAH-Studie aus dem Rhein-Main-Gebiet haben gezeigt, dass die Lesekompetenz von Kindern durch einen erhöhten Dauerschallpegel beeinträchtigt wird. Wenn dieser um 10 beziehungsweise 20 Dezibel ansteigt, bräuchten Kinder ein beziehungsweise zwei Monate länger, um das Lesen kompetent zu beherrschen.

Psychische Erkrankungen

Wie sich Lärm auf die menschliche Psyche auswirkt, ist bisher weniger untersucht worden. So haben sich zum Beispiel die NORAH-Studie und zwei Forschungsvorhaben des Umweltbundesamtes mit den Auswirkungen von Umgebungslärm, beziehungsweise nächtlichem Fluglärm, auf psychische Erkrankungsrisiken befasst. Alle diese Studien weisen auf einen Anstieg psychischer Erkrankungen bei steigendem Schalldruckpegel hin.

"Die NORAH-Studie beziffert den Anstieg der Risikowahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken – in Abhängigkeit von der Verkehrslärmquelle – auf 3,9 bis 8,9 Prozent pro 10 Dezibel Anstieg des Dauerschallpegels", erklärt Jördis Wothge. "Einschränkend ist zu erwähnen, dass die NORAH-Studie nicht bestätigen kann, dass der Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und Depressionsrisiko für alle Lärmquellen stetig steigend ist." Vielmehr sinke das Erkrankungsrisiko in den höchsten Schallpegelklassen des Luft- und Schienenverkehrs aus wissenschaftlich bisher ungeklärten Gründen wieder. In diesem Bereich gebe es dringenden Forschungsbedarf.

Fazit

Lärm verursacht ernsthafte Gesundheitsrisiken. Vor allem, wenn er nachts auftritt oder aus mehreren Quellen kommt. Denn Menschen werden heutzutage nicht nur durch eine Art Lärm belästigt. "Beim Verkehrslärm trifft dies für 23 Prozent der Bevölkerung zu", erklärt Jördis Wothge. "Werden zusätzlich Nachbarschaftslärm sowie Industrie- und Gewerbelärm berücksichtigt, sind sogar 44 Prozent von mehreren Geräuschquellenarten betroffen."

Katja Schlenker

Quelle: rosenheim24.de

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