"Wir sind sozusagen die Klagemauer"

"Erste Hilfe für die Seele" - so arbeitet die Notfallseelsorge

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v.l.n.r.: Diakon Andreas Demmel, Carmen Buckard und Pfarrer Peter Peischl von der Notfallseelsorge und Krisenintervention der katholischen und evangelischen Kirchen
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Landkreis Rosenheim – Sie sind die zurückhaltenden Helfer in der Not und eine wichtige Stütze für Angehörige nach einem tragischen Ereignis. Dennoch weiß man sehr wenig darüber, wie sie eigentlich arbeiten. Wir haben uns mit Notfallseelsorgern aus der Region getroffen und mit ihnen über ihre Arbeit gesprochen.

In Stadt und Landkreis Rosenheim sorgen katholische und evangelische Seelsorgerinnen und Seelsorger gemeinsam dafür, dass nach Unfällen und nach unerwarteten oder tragischen Todesfällen im häuslichen Bereich betroffene Angehörige in den ersten Stunden angemessen und qualifiziert begleitet werden. Das Team der Notfallseelsorge leistet sozusagen „Erste Hilfe für die Seele“ und erfüllt damit einen der Grundaufträge der Kirche, Menschen in Not beizustehen. Ähnliche Unterstützung leistet die Krisenintervention des BRK.

Wer sind die Notfallseelsorger? 

Wir haben uns mit drei Mitarbeitern der Notfallseelsorge und Krisenintervention der katholischen und evangelischen Kirche getroffen, um mehr über diese ehrenwerte Arbeit zu erfahren. Pfarrer Peter Peischl, Dekanatsbeauftragter für die Notfallseelsorge im evangelischen Dekanat Rosenheim, Diakon Andreas Demmel, katholischer Landkreisbeauftragter für Notfallseelsorge und Carmen Buckard erklärten ihre Aufgaben standen Rede und Antwort.

Die Mitarbeitenden des Teams sind meist erfahrene Angehörige geistlicher Berufe in der evangelischen und der katholischen Kirche. „Außerdem haben wir alle eine PSNV-Ausbildung im Rahmen eines 86-stündigen Curriculum“, erklärt Diakon Demmel. Das Engagement ist freiwillig. Die Gruppe trifft sich regelmäßig zu Fortbildungen und zum Erfahrungsaustausch, sowohl untereinander als auch mit Mitarbeitern anderer Hilfsorganisationen.

24 Stunden, sieben Tage die Woche im Einsatz 

„Es hat immer jemand Bereitschaft. Man trägt sich dazu in einen Kalender ein, jeder so wie er kann und will“, erklärt Pfarrer Peischl auf die Frage, wie man sich organisiert. „Wenn Rettungskräfte bei einem Einsatz feststellen, dass man die Angehörigen nicht einfach hilflos zurücklassen kann, alarmieren sie uns.“ Über einen Funkmeldeempfänger (Piepser) ist jederzeit ein Mitglied des Teams erreichbar und über die Rettungsleitstelle alarmierbar. Das diensthabende Teammitglied gibt den Einsatz dann entweder an einen qualifizierten Kollegen vor Ort weiter oder übernimmt die Aufgabe selbst. Innerhalb einer Stunde nach Alarmierung ist so in der Regel gewährleistet, dass betroffene Menschen in Stadt und Landkreis die oft dringend und zeitnah benötigte Hilfe erfahren.

150 Einsätze im Jahr 

Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigt die Häufigkeit der Einsätze: „Wir haben etwa 150 Einsätze im Jahr, im Schnitt jeden zweiten Tag. Das evangelische Dekanat hat dafür eine halbe Stelle bereitgestellt. Der Rest läuft ehrenamtlich“, so Peischl. „Die Einsätze werden immer mehr. Diakon Andreas Demmel erklärt hierzu, dass das nicht daran liege, dass mehr passiere, „Die Rettungskräfte haben uns einfach mehr auf dem Schirm.“

Wann wird die Notfallseelsorge und Krisenintervention gerufen? 

Es gibt verschiedene Einsatzsituationen. Die Mitglieder der Teams betreuen Angehörige z.B. bei einer Reanimation, nach plötzlichem Kindstod oder nach Suizid oder einem Suizidversuch. Auch überbringen sie in Zusammenarbeit mit der Polizei Todesnachrichten oder begleiten Angehörige bei der Verabschiedung von Verstorbenen. Sie betreuen Geschädigte während eines Wohnhausbrandes und danach und stehen bei Einsätzen mit vielen Betroffenen, etwa bei schweren Verkehrsunfällen, bei. Zudem werden sie bei Großschadenslagen, Katastrophenalarm und Evakuierungen gerufen.

Nur auf Anforderung von Einsatzkräften vor Ort 

Wie Demmel im Gespräch weiter erklärte, betreut die Notfallseelsorge und Krisenintervention keine Personen, die einer psychiatrischen Behandlung bedürfen, beispielsweise bei akuter Suizidalität, Suchtproblemen, psychotischen Reaktionen oder dergleichen. „Wir arbeiten grundsätzlich nur auf Anforderung von Einsatzkräften vor Ort, die die besondere Situation der Betroffenen erkennen. Diese Betroffenen sind Menschen, für die in einer akuten Krisensituation niemand ausreichend Zeit hat. Aber gerade in diesem Fall ist eine frühzeitig einsetzende Betreuung besonders wichtig.“

Wie arbeitet die Notfallseelsorge und Krisenintervention? 

„Unaufdringlich da sein, Zeit mitbringen, Ruhe schaffen, Orientierung ermöglichen, Schweigen mittragen, zur Handlungsfähigkeit verhelfen, Brücken schlagen“ - das sind die Leitbegriffe für die Arbeit. Durch die unaufdringliche Anwesenheit der Seelsorger bleibt der durch ein Schadensereignis traumatisierte Mensch nicht beziehungs- und haltlos. Der Betroffene soll vielmehr die Erfahrung machen, dass sprachlose Trauer, unerträgliches Leid oder schlimme Schuld von einem anderen Menschen ausgehalten und geteilt werden.

„Wir sind sozusagen die Klagemauer. Wir begleiten und unterstützen Trauerprozesse und wollen bei ersten Schritten zur Bewältigung schlimmer Erfahrungen helfen“, so Peischl. Immer wieder gehe es darum, die nächsten Schritte zu überlegen und das Chaos der Gefühle und Gedanken ein wenig sortieren zu helfen. 

Die Betreuung in akuten Krisensituationen dauert im Allgemeinen ein bis drei Stunden. Danach ist der erste Schrecken vorbei, Freunde oder Angehörige kommen dazu, und vielleicht braucht dann ein Betroffener auch einfach Zeit für sich. „Wir haben nur in den ersten Stunden mit den Angehörigen Kontakt, danach in der Regel nicht mehr.“

Wissenschaftlicher Hintergrund 

Menschen, die unmittelbar unter den Auswirkungen einer extremen psychischen Erfahrung leiden, entwickeln oft eine akute Belastungsreaktion.

  • Sie erleben eine starke subjektive Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit.
  • Sie haben chaotische Eindrücke von den Vorgängen ihrer Umgebung.
  • Es können starke Gefühlsschwankungen auftreten. Angst, Verzweiflung, Emotionen, Wut und Aggression wechseln sich spontan ab.
  • Einige Szenen des Ereignisses prägen sich in das Gedächtnis ein und drängen sich später in der Erinnerung immer wieder auf.
  • Das Ereignis wird als unwirklich und wie im Traum erlebt.

Diese Symptome sind eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis. Allerdings kann eine solche Reaktion chronisch werden und als sogenannte „Posttraumatische Belastungsstörung“ zu einer ernsthaften Erkrankung mit massiven Konsequenzen für die Biographie der Betroffenen werden. Die Notfallseelsorge und Krisenintervention will durch die Begleitung in der akuten Krise solchen schweren gesundheitlichen Folgeschäden vorbeugend begegnen.

Wie geht es den Seelsorgern? 

Nicht alle Einsätze gehen an den Helfern spurlos vorüber. Wie geht man damit um? „Bisher habe ich alles ganz gut wegstecken können. Ich habe ganz starken Rückhalt von meiner Familie“, erzählt Carmen Buckard. „Außerdem kann ich auf Kollegen zurückgreifen.“. Zur Arbeit gehört auch die Teilnahme an Supervisionen und Fortbildungen.

Quelle: rosenheim24.de

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