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Familie war gut in die Gemeinde integriert

Brannenburg: Nigerianische Mutter mit drei Kindern abgeschoben

Ende Mai wurde eine nigerianische Mutter mit ihren drei Kindern abgeschoben. Das löste nicht nur bei den Asylhelfern Betroffenheit aus, sondern auch bei Bürgermeister Matthias Jokisch.
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Ende Mai wurde eine nigerianische Mutter mit ihren drei Kindern abgeschoben. Das löste nicht nur bei den Asylhelfern Betroffenheit aus, sondern auch bei Bürgermeister Matthias Jokisch.

In Brannenburg ist eine Familie aus Nigeria kürzlich abgeschoben worden. Die Aktion sorgte sowohl bei Asylhelfern als auch bei Rathauschef Matthias Jokisch für Unverständnis. Ende Mai musste eine nigerianische Mutter mit ihren drei Kindern das Land verlassen. Die Familie galt als gut integriert.

Brannenburg – Barbara Weidenthaler, Asylbeauftragte der Kommune Brannenburg und Mitglied des Leitungsteams Freundeskreis Asyl Brannenburg-Flintsbach, hat die Abschiebung der Familie miterlebt. Eine Stunde sei der Mutter Zeit geblieben, die Koffer zu packen – um dann mit ihren drei Kindern in ein Land zu reisen, dass diesen völlig unbekannt sei.

Familie war im Dorf integriert

„Die Familie hat eine lange Geschichte hinter sich“, sagt Barbara Weidenthaler. 2006 habe die Mutter ihr Heimatland Nigeria verlassen und zwei Jahre in Libyen gelebt. Im August 2008 habe sie auf ihrer Flucht Italien erreicht. Seit 2013 sei sie in Deutschland, seit 2017 in Brannenburg sesshaft. „Zunächst lebten sie in Containern“, berichtet Weidenthaler.

Später zog die Familie in eine Wohnung des Veserhauses an der Grießenbachstraße. Es habe sich gezeigt, dass Mutter und Kinder sich gut in den Ort integriert hätten. Die zwei Buben – sechs und acht Jahre alt – besuchten den Kindergarten St. Johannes beziehungsweise die Inntalschule Brannenburg. „Die hatten Freunde, waren beliebt, sprachen gutes Deutsch“, schildert Weidenthaler.

Ein Bus mit Polizisten fährt vor

Auch die älteste Tochter Glory (13) habe gut Deutsch gesprochen. Das Mädchen besuchte die Maria-Caspar-Filser-Schule: „Sie war immer freundlich. Einfach ein normales 13-jähriges Mädchen“, erzählt Weidenthaler. Doch jetzt seien alle drei Kinder aus ihrem bisherigen Leben gerissen und in ein Land abgeschoben worden, das sie nicht kennen würden. „Die Kinder haben dort keine Chance auf eine Schulbildung“, macht die Asylbeauftragte deutlich. Auch würden sie die Sprache vor Ort nicht sprechen, weil sie größtenteils in Deutschland aufgewachsen seien.

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An den Tag der Abschiebung erinnere sich Weidenthaler noch genau: „Das passierte ohne jede Ankündigung. Es war keinerlei Abschied möglich.“ Gegen Abend sei sie von der Mutter angerufen worden. Ein Bus mit Polizisten sei vorgefahren, sie müsste binnen einer Stunde ihre Sachen gepackt haben. Daraufhin habe sich Weidenthaler gleich auf den Weg gemacht. Doch die Polizisten hätten sie nicht mit der Mutter reden lassen. Und weil es bereits nach 17 Uhr war, habe sie auch niemanden mehr imRosenheimer Landratsamt erreicht.

Frauen dem System in Nigeria hilflos ausgeliefert

Warum eine Mutter mit ihren Kindern, die in Brannenburg quasi aufgewachsen sind, abgeschoben wird, ist Weidenthaler unbegreiflich. „Zudem muss man wissen, dass sich die Familie schon in einem Rückführungsprozess befand.“ Weil die Mutter kein Bleiberecht hatte, habe sie sich mit dem Gedanken angefreundet, eines Tages wieder in ihr Heimatland zurückzukehren. Der Unterschied zu einer Abschiebung sei aber, dass eine Rückführung psychologisch begleitet werde. Bei einer Abschiebung hingegen werde man aufgegriffen und in das Heimatland zurückgebracht. „Die steigen dann aus dem Flugzeug aus und sind einfach da.“

Vor allem die Frauen seien dem System in Nigeria hilflos ausgeliefert. Weidenthaler macht sich insbesondere um Tochter Glory große Sorgen. Nicht selten müssten Frauen und junge Mädchen dort sexuelle Dienste leisten. „Damit ist leider zu rechnen.“

Bürgermeister Jokisch zeigt sich betroffen

Auch Bürgermeister Matthias Jokisch zeigt sich betroffen: „Ich finde das sehr bedauerlich, dass man eine Mutter und ein 13-jähriges Mädchen einfach so abschieben kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mutter und der Tochter dort unten etwas passiert, ist ja nicht völlig von der Hand zu weisen.“

Die Entscheidung der zuständigen Ämter könne Jokisch nicht verstehen. Weidenthaler vermutet, dass das Landratsamt Rosenheim mehr darüber wisse. Von der Behörde lag bis Redaktionsschluss allerdings keine Stellungnahme vor.

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Auch andere Flüchtlinge hätten von dem Vorfall Wind bekommen. „Viele leben in dieser Situation. Die schweben alle in der Luft“, sagt Weidenthaler. Sie kenne einen kleinen afrikanischen Jungen, der seither nicht mehr richtig schlafen könne. Auch er lebe in Brannenburg und in der ständigen Angst, dass ihn und seine Familie dasselbe Schicksal ereilen könnte.

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