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„Kinder nicht so oft als Superspreader“

Kinder ab 5 Jahren gegen Corona impfen? Ein Rosenheimer Arzt klärt auf

Coronavirus - Impfangebot für Jugendliche in Bremen
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Für Jugendliche ab 12 ist die Corona-Impfung bereits zugelassen. „Bis eine offizielle Empfehlung von der Stiko ausgesprochen wird, kann es eine Weile dauern“, sagt ein Rosenheimer Kinderarzt über die Impfung ab einem Alter von 5 Jahren.

Noch vor Jahresende will die Stiko eine Empfehlung abgeben, ob auch Kinder ab fünf Jahren gegen das Coronavirus geimpft werden sollen. Wann die Impfung für jüngere Kinder sinnvoll ist und wieso die Erwachsenen die eigentlichen Infektionstreiber sind, erklärt der Rosenheimer Kinderarzt Otto Laub im Interview.

Rosenheim – Wenn man sich die hohen Ansteckungszahlen in Schulen und Kitas ansieht wie jüngst in der Waldorfschule in Prien, kann man schon ins Zweifeln geraten: Sind Kinder arge Infektionstreiber?

Otto Laub: „So kann man das nicht sagen. Jugendliche ab zwölf bis 14 Jahren sind mit ihrem Risikoverhalten eine andere Nummer als Kinder im Kindergarten oder der Grundschule. Letztere sind auch nicht die primären Verursacher, vielmehr werden diese Kinder zunächst von Erwachsenen angesteckt, die die Infekte in die Schulen bringen. Und dann erst sind Kinder horizontale Vektoren.“

Wie muss man sich das vorstellen?

Otto Laub, Kinder- und Jugendarzt

Laub: „Die Infektionen werden von außen überwiegend durch ungeimpfte Erwachsene in die jeweilige Einrichtung hereingetragen. Und dann verbreiten die Kinder die Infektion untereinander, also von Kind zu Kind als Sekundärinfektion. Oder sie stecken sich zu Hause an und geben dann die Infektion an Andere weiter. Kinder sind also eher nicht die primär Ansteckenden.“

Was hindert sie daran?

Laub: „Kinder haben die Immunreaktion oft an der Darmschleimhaut, nicht so sehr im Rachen. Kinder erlebt man daher nicht so oft als Superspreader. Sie haben weniger ACE2-Rezeptoren für die Aufnahme von Viren als ältere Menschen an den Atemwegsschleimhäuten. Die vierte Welle ging von jungen Erwachsenen aus, ging dann aber runter bis zu den Kindern, und da werden dann Infektionen in dieser Altersgruppe auch zahlreicher. Wir haben im August schon gesagt, dass Lehrer, Erzieher und allgemein Erwachsene in den Schulen und Kindergärten geimpft sein müssen. Es war eine vierte Welle mit Ansage.“

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Wenn Kinder nicht so viel zum Ansteckungsgeschehen beitragen, warum soll man sie dann impfen?

Laub: „Ja, gute Frage. Und um die Antwort drücken sich alle. Es ist kein Zweifel: Ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr soll man Kinder mit chronischen schweren Erkrankungen – davon gibt es eine Menge – impfen. Wir haben 20 bis 30 Prozent chronisch kranke Kinder. Das schließt Atemwegserkrankungen ein. Bei Heuschnupfen wird es aber schon kritisch: Ist das eine schwere chronische Erkrankung? Wenn jetzt Eltern kommen, die die Großeltern schützen und deswegen ihre Kinder impfen lassen wollen, dann haben die einen Grund. Und wenn Eltern sagen, wir wollen unsere Freiheit genießen, dann haben die auch einen Grund. Dann sind wir aber im sozialen Bereich und nicht mehr im medizinischen. Da gibt es keine scharf gezogenen Grenzen. Die Frage darf man nicht nur medizinisch beantworten, nicht nur sozial und schon gar nicht egoistisch.“

Was heißt das für den Kinderarzt konkret?

Laub: „Es gibt keine klaren Vorgaben. Die Politik drückt sich ebenfalls seit Monaten nur rum.“

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Aber auf Ihre Erfahrungen mit dem Impfen können Sie sich verlassen. Wie sind die?

Laub: „Die sind gut. Ich kenne noch keinen jugendlichen Mann, der in meiner Praxis eine Myokarditis, also eine Herzmuskelentzündung, bekommen hätte. In der Region weiß ich von einem Fall, der ist aber recht leicht verlaufen. Wir verimpfen nur Biontech in unserer Praxis, Moderna ist für die Jüngeren bis zum 30. Lebensjahr von der Stiko nicht mehr empfohlen. Wir impfen auch Eltern und Großeltern unserer jungen Patienten. Auch da kann ich sagen, dass die Häufigkeit von Impfstoffreaktion deutlich geringer ausfällt, als das in den Daten der einzelnen Studien zu lesen ist.“

Dann ist es doch eine gute Nachricht, dass wohl auch die Impfung von jüngeren Kindern zwischen fünf und zwölf empfohlen wird?

Laub: „Im Grunde ja. Der einzige Punkt ist: Persönlich habe ich bei Neun-, Zehn- oder Elfjährigen kein Problem. Da geht das Risikoverhalten schon los, die hören auch nicht mehr richtig auf die Erwachsenen, die bewegen sich in ihrer Peer-Group, und da kann sich eine Infektion sehr schnell ausbreiten. Bei den noch jüngeren Kindern würde ich es bei einer klaren Indikation wie einer schweren chronischen Erkrankung als gute Nachricht sehen. Und auch bei familienbezogenen Gründen. Die würde ich auch nicht ablehnen.“

Und was ist mit den anderen Kindern ohne diese Vorerkrankungen?

Laub: „Also, impfen würde ich überhaupt nur, wenn ich einen sicheren Impfstoff habe. Die Ergebnisse aus Israel und den USA führen in die Richtung. Das Schlimmste für die Kleinen ist demnach häufig, dass das Pieksen wehtut. Aber das haben wir bei anderen Impfungen, etwa gegen Masern, auch.“

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Angenommen, der Impfstoff bleibt knapp. Sollten wir dann erst die Erwachsene richtig durchimpfen, inklusive Auffrischungsimpfungen, oder ist die Ausdehnung der Impfkampagne auf die Jüngeren vorzuziehen?

Laub: „Es gibt eine Proklamation des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands vom letzten Wochenende, eine Impfpflicht ab 18 einzuführen. Zunächst muss man also darauf drängen, eine Durchimpfung von 85 oder besser 90 Prozent der über 18-Jährigen hinzubekommen. Die sind Infektionsüberträger, die stecken die Kinder an.“

Wenn man dann aber Kinder impft, dann zum Eigenschutz. Kinder können schwer erkranken.

Laub: „Ja klar. Das kommt aufs Alter an. Im frühesten Alter haben wir Verläufe ähnlich wie bei einer Sepsis. Die Kleinen haben halt drei, vier Tage hohes Fieber, müssen teilweise auch intensiv behandelt werden. Wir haben in diesem Alter auch viele Durchfallerkrankungen. Das sind wir bei Kindern aber ohnehin gewohnt. Immer wieder sieht man aber auch vereinzelt schwerstkranke Kinder. Als ultraschwere Erkrankung gibt es das Pädiatrische Multiorgan-Immunsyndrom (PMIS). Da gibt es immer wieder auch Todesfälle. Was Long Covid betrifft, da habe wir noch zu wenige Erkenntnisse.“

Sehen Sie einen bereits sicheren Impfstoff am Horizont?

Laub: „Ja, ich glaube, da sind wir auf dem richtigen Weg.“

Es soll nach einer Ankündigung des Bundesgesundheitsministeriums bereits am 21. Dezember losgehen.

Laub: „Einzelne Kollegen überlegen schon, wie sie den Erwachsenenimpfstoff verdünnen können, um eine Kinderdosis hinzubekommen. Wenn Kinder so geimpft werden sollen, dann geht das nur, wenn das Risiko von der bayrischen Staatsregierung übernommen wird im Sinne einer erlaubten Off-label-Regelung. Bis eine offizielle Empfehlung von der Stiko ausgesprochen wird, kann es eine Weile dauern. Mit der Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur für die Fünf- bis Zwölfjährigen bewegen wir uns mit der Impfung für diese Altersgruppe eigentlich im rechtssicheren Raum. Es fehlt halt noch der geeignete Impfstoff in auch ausreichender Menge.“

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Spritzen quasi als Weihnachtsgeschenk. Wie schaffen das die Ärzte organisatorisch?

Laub:„Wenn das als Weihnachtsgeschenk angekündigt werden sollte, dann müssten wir klarstellen, dass es in Wahrheit erst Anfang Januar losgehen kann. Denn da sind die ganzen Feiertage, die Transport- und Logistikprobleme noch verschärfen. Also, in diesen Tagen geht wenig, das haut nicht hin. Das wird wieder einmal ein sehr holpriger Start.“

Stiko-Empfehlung noch in diesem Jahr

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat am Donnerstag den Biontech/Pfizer-Impfstoff für Kinder ab fünf Jahren zugelassen. Laut EMA sei der der Impfstoff sicher und effektiv. Bisher seien in Studien keine schweren Nebenwirkungen festgestellt worden. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sollen ab dem 20. Dezember 2,4 Millionen Dosen des Biontech/Pfizer-Vakzins für 4,5 Millionen Kinder zur Verfügung stehen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) beabsichtigt,noch vor Jahresende ihre Impfempfehlung für diese Altersklasse abzugeben.

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