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Schausteller kämpfen um Berufsstand

Existenzbedrohte Schausteller: „Wir müssen uns auf 2G einstellen“ – nicht nur in der Region

Das Kinderkarussell für den Rosenheimer Christkindlmarkt ist ordentlich auf einem Hänger verpackt, eine Bude auf dem Nachbarhänger ist ebenfalls abmarschbereit. Beide bleiben in Christian Fahrenschons Halle in Rott stehen. Die Stadt Rosenheim wollte ein Zeichen gegen den rasanten Anstieg der Corona-Fallzahlen setzen, hat den Christkindlmarkt kurzfristig abgesagt. Für den Landesvorsitzenden der Schausteller und Marktbeschicker und seine Kollegn eine weitere Katastrophe
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Das Kinderkarussell für den Rosenheimer Christkindlmarkt ist ordentlich auf einem Hänger verpackt, eine Bude auf dem Nachbarhänger ist ebenfalls abmarschbereit. Beide bleiben in Christian Fahrenschons Halle in Rott stehen. Die Stadt Rosenheim wollte ein Zeichen gegen den rasanten Anstieg der Corona-Fallzahlen setzen, hat den Christkindlmarkt kurzfristig abgesagt. Für den Landesvorsitzenden der Schausteller und Marktbeschicker und seine Kollegn eine weitere Katastrophe

Seit der Absage des Rosenheimer Christkindlmarktes hängt Christian Fahrenschon nur noch am Telefon, zum Interviewtermin kommt er direkt aus dem Büro von Oberbürgermeister Andreas März. Am Telefon hat er Abuzar Erdogan von der Rosenheimer SPD. Fahrenschon kämpft für seinen Berufsstand.

Rosenheim/Großkarolinenfeld – Sie sind Schausteller in der vierten Generation, die Brüder Max und Christian Fahrenschon. Beide sind in ihrem Berufsverband engagiert: Max ist Chef auf Bezirksebene, der 57-jährige Christian ist seit 16 Jahren stellvertretender Landesvorsitzender der Schausteller. Beide wissen: Für einige Kollegen ist die Situation existenzbedrohend.

Das Gespräch mit dem Oberbürgermeister hat vermutlich nicht dazu geführt, dass der Christkindlmarkt nun doch stattfindet?

Christian Fahrenschon: Nein. Aber man muss ja auch immer die andere Seite hören und ich bin Herrn März dankbar, dass er so kurzfristig Zeit hatte. Er hat mir seine Eindrücke, auch aus dem Klinikum, geschildert. Dort können nur 36 von 60 Intensivbetten genutzt werden – weil das Personal fehlt. Und es will ja keiner, dass wir in die Situation kommen, das dringend notwendige Operationen nicht stattfinden können. Ich kann jetzt die Entscheidung besser nachvollziehen, warum die Stadt mit der Absage des Christkindlmarktes ein Zeichen setzen wollte.

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Dafür habe ich Herrn März – und auch Herrn Erdogan von der SPD – klar gemacht, dass – sollte auch aus der Idee meines Bruders mit einem umzäunten „Winterdorf“ außerhalb der Innenstadt nichts werden – sich die Stadt überlegen müsse, wie sie uns finanziell zumindest ein Stück entgegenkommt. Wenn Kommunen den Stecker ziehen, dann müssen sie auch den Geldbeutel aufmachen. Denn staatliche Hilfen gibt es nicht. Die Weihnachtsmärkte in anderen Städten finden ja, Stand heute, statt.

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Ist der unterschiedliche Umgang mit Festen und Märkten denn normal?

Fahrenschon: Sie glauben doch nicht, dass eine Regelung, die sich irgendwo in Bayern bestens bewährt hat, in den letzten zwei Jahren landesweit übernommen worden wäre? Nein, da hat jede Stadt, jeder Landkreis sein eigenes Süppchen gekocht. Und wir mussten jedes Mal von Neuem argumentieren und organisieren. Und mehr als einmal klagen. Übrigens immer erfolgreich.

Wäre ein Rosenheimer Christkindlmarkt nach 2G-Regeln machbar gewesen?

Fahrenschon: Ja, es hätte Lösungen gegeben. Wir hatten ein 2G-Konzept, das war auch dem Wirtschaftlichen Verband bekannt. Jeder, der an einem Stand etwas hätte kaufen wollen, egal ob Glühwein oder Wollschal, hätte den Nachweis erbringen müssen, dass er geimpft oder genesen ist und hätte dann ein Bändchen bekommen. Und wer ein Bändchen hat, kann kaufen. Nur für sich, mehrere Glühweine mitzunehmen, wäre nicht gegangen.

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In Augsburg gibt es seit letztem Sommer „Gastroinseln“ bei den Festen. Kleine eingezäunte Bereiche an den entsprechenden Ständen, wo auch konsumiert werden kann. Funktioniert dort bestens, das hätten wir gut übernehmen können. Und auf 2G müssen wir uns sowieso einstellen. Das wird schon die anderen Weihnachtsmärkte in den nächsten Wochen treffen und uns alle in den nächsten Monaten.

Wie geht es ihrem Gewerbe nach zwei Corona-Jahren?

Fahrenschon: Schlecht bis existenzbedrohend. Von den insgesamt rund 2500 Schaustellern und Marktbeschickern, darunter 600 reine Schausteller, haben 50 bis 60 den Betrieb schon eingestellt, 15 bis 20 Prozent der Schausteller sind in akuter Gefahr. Und das sind beileibe nicht nur die Kleinen, im Gegenteil: Die Großen trifft es fast härter. Denn die haben oft Millionen in ein Fahrgeschäft investiert, das in den letzten Jahren vielleicht einmal – beim Oktoberfest 2019 – aufgebaut war. Da fehlen nicht nur die Einnahmen, diese Fahrgeschäfte müssen gewartet und geprüft werden. Und das kostet. Beispiel: Mein Sohn hat den Schaustellerzweig bei uns übernommen. Er muss jetzt 125.000 Euro in sein Kettenkarussell investieren, um die Zulassung zu behalten. Das Karussell war heuer genau einmal aufgebaut. Die ganz großen Fahrgeschäfte sind teurer. Und sie sind auf die ganz großen Feste angewiesen. Die gab es 2020 und 2021 gar nicht. Viele kleinere Kollegen können sich zumindest ihren Lebensunterhalt in anderen Branchen verdienen. Ich weiß von etwa zehn, die bei Abschlepp-Unternehmen angeheuert haben.

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Wir hier haben das zusätzliche Problem, dass wir in einer Hotspot-Region sind. Wir waren die Letzten, die wieder aufmachen durften und sind jetzt die ersten die wieder zumachen müssen. Manchmal denke ich, wir sind schlechter gestellt, als die Bordellbetriebe.

Sie haben sich mittlerweile mehr auf Volksfestgastronomie verlegt. Wie ist bei Ihnen die Situation?

Fahrenschon: Nicht existenzbedrohend, denn im letzten Jahr fanden etliche Volksfeste statt, auch größere wie der Augsburger Plärrer, das Ingolstädter Herbstfest und das Würzburger Kiliani. Kleine wie große in reduziertem Rahmen. Aber es half. Auch den Zulieferern, übrigens.

Und bei mir persönlich: Fast alle „meine“ Volksfeste fanden statt, wenn auch in abgespeckter Form. Nur Großkarolinenfeld, das sehr früh in der Saison liegt, lief als „Volksfest zum Mitnehma“. Gut geht es aber auch nicht. Sie müssen eines sehen: Der Rosenheimer Christkindlmarkt macht in einem normalen Jahr etwa 35 Prozent des Jahresumsatzes aus, in einem Corona-Jahr sind es eher 50 Prozent. Den Ausfall steckt man nicht so einfach weg. Denn wir haben ja maximal neun Monate, um das Geld für das ganze Jahr zu verdienen. Ich muss jetzt zwölf Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken – weil ich für sie nichts zu tun habe. Und da ich für den Christkindlmarkt so viel wie möglich regional einkaufe, gleich ob Glühwein oder Backwaren, haben meine Partner jetzt auch ein Problem. Der Glühwein bleibt stehen, die Brezn werden nicht gebacken.

Rosenheimer Herbstfest 2022: Wissen Sie da schon etwas?

Fahrenschon: Nein, da ist noch überhaupt nichts besprochen worden. In unserer Fachzeitschrift sind die Ausschreibungen für alle Volksfeste ohne jede Sonderklausel ausgeschrieben worden. Wir planen also für die komplette Saison. Warum auch nicht? Die Feste in Straubing, Augsburg, Ingolstadt, Würzburg haben dort ja heuer auch die Corona-Zahlen nicht hochgetrieben. Wir werden also für eine komplette Saison planen – ohne zu wissen, was wirklich kommt. Denn eine Garantie, dass das Oktoberfest, das Gäubodenfest, das Rosenheimer Herbstfest und all die anderen Feste tatsächlich stattfinden, ob mit 2G oder anders, haben wir nicht.

Hat die Pandemie vielleicht wenigstens ein kleines Bisschen etwas positives mit sich gebracht?

Fahrenschon: Ja. Das Konkurrenzdenken des innerstädtischen Einzelhandels gegenüber den Märkten ist geringer geworden. Es ist jetzt allen Beteiligten klarer, dass man voneinander profitiert. Die Einzelhändler haben gemerkt, dass Märkte Menschen in die Stadt ziehen und sie davon etwas haben. In Zeiten des zunehmenden Online-Handels ist das wichtig.

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