Dickes Ei für Autofahrer

Landkreis – Pünktlich zu Ostern ist der Benzinpreis auf ein Rekordhoch gestiegen. Nicht nur der ADAC vermutet, dass die jüngsten Preissteigerungen mit der Osterreisewelle zusammenhängen.

Im „Speckgürtel“ von München lebt es sich nicht unbedingt billig. Das weiß man auch im Raum Rosenheim. Doch dass sich die Bewohner hier mit besonders hohen Spritpreisen konfrontiert sehen, erklären Mineralölkonzerne überraschenderweise nicht mit der Grenznähe zu Tirol, sondern mit unterschiedlich intensiven Preiskämpfen. Pendler, die täglich in die Landeshauptstadt fahren, wundern sich über „Spritschnäppchen“. Tankstellenpächter sind dennoch die falschen Adressaten für Unmutsbekundungen.

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 „So können die Kraftstoffkonzerne große Gewinne mitnehmen“, mutmaßt ein ADAC-Sprecher. Mittlerweile verursacht die Preisspirale bei immer mehr Autofahrern, die am nächsten Morgen zum Tanken müssen, Alpträume. Die Sorgen sind nachvollziehbar – für individuelle Mobilität muss heute immer tiefer in die Tasche gegriffen werden. „Preise weichen auch bei gleichen Marken im Vergleich zu München um bis zu zehn Cent ab“, beobachtete Michael Steinborn aus Rosenheim. Die Differenz erklärt sich dem Pendler weder mit höheren Mieten als in München, noch mit mangelndem Wettbewerb wegen eines dünneren Tankstellennetzes. Da der Sprit in Rosenheim ebenfalls aus Rotterdam kommt, meint Steinborn, es könne sich schlicht um Abzocke der Ölmultis und deren Pächter handeln.

Nicht nur Steinborns Unmut bekommen Tankstellenpächter vor Ort zu spüren. „Dabei trifft die Kritik hier die Falschen“, beklagt Günter Friedl, Vorsitzender des Tankstellengewerbes Bayern. „Allein die Mineralölgesellschaften sind Verursacher und Nutznießer der Preisspirale nach oben!“ Autofahrer, die morgens zum Tanken fahren, werden laut ADAC deutlich stärker abkassiert. So kostete ein Liter Super E10 im Schnitt abends um 2,6 Cent weniger, Diesel-Fahrer konnten abends sogar 3,3 Cent je Liter sparen. Der ADAC kritisiert nach seiner Untersuchung die Preispolitik der Mineralölkonzerne: „Bei diesem Preiswirrwarr können Autofahrer kaum den Überblick behalten und den richtigen Moment zum günstigen Tanken erwischen.“

Der Club empfiehlt, sich vor dem Tanken über die Kraftstoffpreise zu informieren und Anbieter zu vergleichen. Ein Blick auf entsprechende Vergleichsprogramme im Internet bestätigt denn auch die Beobachtungen des Pendlers Steinborn: Es gibt auffällige, regionale Unterschiede beim Benzinpreis – und Rosenheim ist ein teures Pflaster. Aral, Esso und Shell begründen das einhellig mit unterschiedlich intensiven Preiskämpfen auf den einzelnen Teilmärkten. „Der jeweils günstigste Anbieter setzt die anderen preislich unter Zugzwang“, sagt Aral. Darin spiegele sich der harte Wettbewerb im deutschen Spritmarkt wider. Die einzelnen Tankstellenpächter hätten dabei weder Einfluss auf Spritpreise noch würden sie von Erhöhungen profitieren. „Die seit 2007 weiter zurückgehenden Absatzmengen an Kraftstoffen hat die Konkurrenzsituation extrem verschärft“, bestätigt man bei Esso. Die Zahl der Tankstellen habe sich nicht verringert.

Im „Speckgürtel“ von München lebt es sich nicht unbedingt billig. Das weiß man auch im Raum Rosenheim. Doch dass sich die Bewohner hier mit besonders hohen Spritpreisen konfrontiert sehen, erklären Mineralölkonzerne überraschenderweise nicht mit der Grenznähe zu Tirol, sondern mit unterschiedlich intensiven Preiskämpfen. Pendler, die täglich in die Landeshauptstadt fahren, wundern sich über „Spritschnäppchen“. Tankstellenpächter sind dennoch die falschen Adressaten für Unmutsbekundungen. gert, stattdessen aber die Anzahl der Preisänderungen erhöht. Der Wettbewerb im schrumpfenden Benzinmarkt werde immer schärfer. Preisabsprachen unter den Wettbewerbern gibt es zwar auch laut Shell keine, diese seien kartellrechtlich verboten. „Die Reaktionsgeschwindigkeit auf Preisänderungen im Wettbewerb ist aber so hoch, dass unterschiedliche Preise nur kurze Zeit existieren“, erklärt Shell die vertrackte Situation.

„Kein Wunder“ sind laut Stephan Jonke, der mit seinen Tankstellen in Raubling und Stephanskirchen dem Bund freier Tankstellen (bft) angeschlossen ist, die immer öfter geäußerten Unmutsbekundungen gestresster Autofahrer an den Zapfsäulen. Unabhängig von der Preisgestaltung der Mineralölkonzerne ist aber auch Jonke nicht. „Aus dem Preisgefüge kann niemand richtig raus. Es gibt A-, B- und C-Gesellschaften, die sich jeweils um einen Cent in der Preisgestaltung unterscheiden“, so der Tankstellenbetreiber. Für Preisdifferenzen zwischen den regionalen Teilmärkten hat er drei Erklärungen: „Entweder man hat während der Umstellung beim Vorbeifahren an der Preistafel verglichen und war schneller als der Mitbewerber, oder es gibt aktuell einen verschärften Preiskampf, um einen Konkurrenten aus dem Markt zu drängen.“ Grundsätzlich wolle kein Tankstellenpächter oder -inhaber teurer sein als die Konkurrenz, da die Kunden unmittelbar abwandern. „Gleich nach Preissenkungen kann man regelrechte Warteschlangen registrieren.“ Pächter leben ihm zu Folge von rund 1,3 Cent Marge pro Liter verkauftem Treibstoff. Das könne dazu führen, dass einzelne Tankstellenbetreiber – wissentlich oder versehentlich – niedrigere Preise der Konkurrenz an die Konzerne melden, die daraufhin nachziehen. „Jeder beäugt jeden. Bei niedriger Marge kämpfen wir mit hohem Preisdruck, das lässt sich nur über die Menge des Abverkaufs regeln.“ Jonkes dritte Erklärung für mögliche Preisdifferenzen empfiehlt sich für Tankstellen aber nicht unbedingt zur Nachahmung. Vor ein paar Jahren hatten zwei Pächter in Berchtesgaden ihre Preise abgesprochen. „Das flog auf und die haben ihre Betriebe nicht mehr“, weiß der Tankstelleninhaber.

Wie hart der Verdrängungswettbewerb tatsächlich ist, verdeutlicht Jonke, als er erklärt, dass freie Tankstellenbetreiber ihren Treibstoff bei den Mineralölkonzernen teilweise sogar teurer kaufen müssen, als die Multis ihn an Endverbraucher abgeben. Bis vor wenigen Jahren hat Jonke selbst drei Tankstellen für einen Großkonzern betrieben. Er weiß, dass die Preise zu den Festtagen seit jeher anziehen. „Die Vermutung, dass abgesahnt wird, liegt nahe.“ Wie weit und in welchem Tempo sich die Preisspirale weiterdreht, kann aber auch Jonke nicht sagen. „Die Situation ist so unberechenbar, dass es auch mir passiert, dass ich vor einer Preissenkung noch tanke.“

cl/Oberbayrisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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